Übersichtsartikel zu Themen der paläontologischen ForschungDie Riesen-Dinosaurier der Seidenstraße: Expedition ins Land der ExtremeDen Schwanz verloren - das Leben gerettet!Fundort und Fundschicht unbekannt - Der Paläontologe als KriminalistSpuren lesen - Vom Abdruck zum ErzeugerEine Reise ins Tal der Wale - Spurensuche zur EvolutionCalamitea Cotta 1832 - eine fossile Pflanze zwischen Historie und aktueller ForschungUrsprung der modernen SäugetiereFest verwurzelt in schwimmendem Grund: Treibholz-Seelilien in Lias-Ölschiefern"Hässliche Entlein" oder taphonomische Besonderheiten? MuschelkalkfossilienSchicht für Schicht hinter das Geheimnis der RudistenConocardium und Hippocardia - die Vertreter der "modernen" RostroconchienPterosaurier als Flugmaschinen - Bionische Forschung in der Paläontologie?Unterkretazische Krokodile, Schildkröten & DinosaurierDer Mexikanische Bernstein und seine EinschlüsseJurassische Wirbeltiere aus PatagonienDie Erminger TurritellenplatteMesselsäuger aus WyomingDie Schachtelhalm-Giganten des PermsDr. Beringer und die Würzburger Lügenstein-AffaireSüßwassermuscheln aus der Oberkreide von NordamerikaSeelilien aus der Obertrias von GuanlingGigantismus der sauropoden DinosaurierKarbonische AmmonoideenAlbert OppelLandwirbeltiere UnterpermDer PosidonienschieferEine Reise ins Tal der Wale - Spurensuche zur EvolutionWighart v. Koenigswald erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2008 Heft 3 Mai/Juni Wale in der Lybischen Wüste sind kein Paradoxon. Im nördlichen Ägypten sind Meeresablagerungen der Tethys weit verbreitet, die die frühe Entwicklung der Wale belegen. Wüstengebiete bieten eine vorzügliche Gelegenheit Fossilien zu sammeln, weil keine Vegetation den mineralischen Boden verdeckt und weil die Erosion stärker ist als die Verwitterung. Damit kommt immer frisches Material an die Oberfläche. An den Pyramiden von Gizeh sind wir schon lange vorbei, aber die Stadt Kairo scheint hinter uns her zu laufen, so schnell expandiert sie nach Südwest in die Wüste hinein. Wir sind auf der Straße zur großen Oase Fayum, die besonders für den Gemüseanbau berühmt ist. An ihrem nördlichen Rand liegt der See "Birket Qarun", der mehr oder weniger salzig ist. Am Ufer stehen einige Ferienhotels, an denen wir aber vorbeifahren, um in der Wüste Wale zu finden. Im letzten Dorf wird nochmals getankt, zwei kleine Jungen reiten geschickt auf ihren hoch mit Gras beladenen Esel vorbei. Ein winziger Stand an der Straße bietet Orangen an. Kamele stehen auf einer dürftigen Weide. Dahinter liegt aber schon das gleißend helle Land der Wüste, ohne jedes mildernde Grün von Pflanzen.
Wir sind also bereits mitten in den eozänen Meeresablagerungen, die für ihre Walreste bekannt sind. Im ausgehenden 19. Jahrhundert haben mehrere Forscher aus Deutschland hier gearbeitet. Der vielseitige Afrikaforscher Georg Schweinfurth fand 1879 auf der kleinen Insel
im See Birket Qarun die auffallend großen Wirbel und den Kiefer eines fossilen Wals. Er erstellte 1886 auf einer weiteren Expedition eine recht detaillierte Karte der Oase Fayum und ihrer Umgebung. Die Qualität der Karte ist bewundernswert, wenn man bedenkt, wie begrenzt die technischen Hilfen auf einer solchen Expedition mit Kamelen waren. Viele der auf seiner Karte erfassten Geländepunkte lassen sich heute auf den Bildern von Google-Earth identifizieren. Der Stuttgarter Paläontologe Eberhard Fraas bereiste die Gegend im Winter 1904/05 zusammen mit dem Sammler Richard Markgraf, der die Museen der Welt mit Fossilien aus Ägypten belieferte. Sie entdeckten dabei den ersten vollständigen Schädel eines Urwals, der als "Zeuglodon" in viele Lehrbücher Eingang fand. Dieser früher viel gebrauchte Name musste allerdings dem Namen Basilosaurus weichen, weil dieser Priorität hat. Richard Harlan beschrieb bereits 1834 die gleiche Walgattung auf Grund von großen Wirbelknochen aus Louisiana (USA).
Er arbeitet seit 1983 in dieser Gegend und interessiert sich speziell für die Evolution der Wale. Er entdeckte hier in der Wüste mehrere hundert Skelette fossiler Wale und regte damit an, dass das Wadi el-Hitan im Jahre 2005 zu einer World Heritage Site der UNESCO erklärt wurde. Es gibt nur wenige paläontologische Objekte, die - wie Messel - auf diesem hohen Niveau unter Schutz gestellt wurden. In dem Schutzgebiet ist ein weitläufiges Areal für Besucher ausgewiesen. (http://whc.unesco.org/en/list/1186). Dort kann man an mehreren Stellen die großen Wirbel von Walskeletten noch in ihrer Fundlage sehen (Abb. 4). Oft wurden sie vom Wind aus dem lockeren Sediment freigelegt. Andere Wale stecken in verhärteten Geoden (Abb. 5). In einer der kleinen Schutzhütten, die Besucher beim Lesen der Erläuterungstafeln mehr vor der brennenden Sonne als vor Wetter schützen sollen, ist der Panzer einer Meeresschildkröte mit ihrem aus kleinen Platten zusammengesetzten Panzer zu sehen. Ein etwa 18 m langer fossiler Baumstamm liegt im Wüstensand, der lange im eozänen Ozean gedriftet ist. Er wurde überall von Bohrmuscheln (Teredo) angebohrt. Heute sind die Löcher mit dem blassblauen Mineral Coelestin ausgefüllt. Auch im Gestein ist vieles zu beobachten, etwa ein dicker Horizont mit vom Wind freigelegten Grabbauten der marinen Fauna. Was das Wüstenklima und der Wind aus den unterschiedlich harten Gesteinen gemacht haben, ist atemberaubend. Da gibt es Felsen, deren Oberfläche von Gruben und scharfkantigen Stegen wie von einem Netz überzogen ist (Abb. 6). Und überall liegen die Nummuliten als Zeitmarken. Es ist selbstverständlich, dass man in einem solchen Fundgebiet nur auf die Umsicht der Besucher hoffen kann, damit nichts zerstört wird.
Wir beziehen Unterkunft in den gerade fertig gestellten Lehmhäusern für die Wärter des Parks. Die Fenster sind noch mit Plastikplanen verhängt, aber der aufkommende Wind reißt sie auf und bläst frischen Sand hinein. Wir wollen außerhalb des Besucherareals nach weiteren Skeletten von Walen und Seekühen suchen und ihre Position vermessen. Auf einer kleinen Kuppe liegen hellgraue Knochensplitter. Dort, wo sie tiefer im Sediment stecken, lässt sich die Größe der walzenartigen Wirbel erkennen. Ein Wirbel mit einer Länge von etwa 20 cm kann nur von einem Wal stammen (Abb. 7).
Wir vermessen und wandern weiter. Im Windschatten eines Felsens können wir noch mehrere Bereiche mit Knochensplittern aufspüren, an denen Walwirbel zerfallen sind. Doch plötzlich liegt in einem Block von rotem Gestein ein ganzer Schädel vor uns. Er ist von der Unterseite mit breit ausladenden Jochbögen zu sehen. Die Zähne sind leider schon verwittert (Abb. 8), denn die großen Temperaturunterschiede zwischen den kalten Nächten und der intensiven Sonneneinstrahlung lassen die Zähne schnell zerfallen. Wir messen ihn ein, belassen ihn aber - wie alle Fossilien - am Ort.
In das Pfeifen des Windes, der inzwischen zu einem mäßigen Sandsturm geworden ist, mischt sich plötzlich ein ganz fremdartiges Geräusch. Ein merkwürdiges klick-klick und wieder klick-klick, klick-klick ist zu hören und nähert sich langsam. Plötzlich tanzt eine leere Wasserflasche aus Plastik vorbei.
Philip D. D. Gingerich führt noch einen ganz besonderen Fund am Rande eines Seitentales vor. Aus einer hohen Felswand ragt die Schnauze eines dieser kleineren Wale heraus (Abb. 10). Der Schädel war vor der Einbettung von den beiden Unterkiefern leicht zur Seite gerutscht, und die Zähne perfekt erhalten, noch nicht verwittert. Neben dem Schädel schauen die Schwanzwirbel aus der Wand heraus. Es ist eine Besonderheit, dass diese kleineren Wale häufig stark gekrümmt eingebettet wurden, während die großen meist gestreckt im Sediment liegen. Es ist also zu erwarten, dass noch das ganze Skelett - und das in bester Erhaltung - überliefert ist.
Was ist nun das Besondere an diesen Walen? Die eozänen Wale gehören zu den Archaeoceti, die ein ausgeprägtes Gebiss besaßen. Es sind die Vorläufer der heutigen Zahn- und Bartenwale. Im Gegensatz zu den modernen Zahnwalen, sind die Zähne der Archaeoceti zweiwurzelig und haben eine blattförmige Zahnkrone mit einem gezackten Rand. Die Zähne sind mit einem Schmelz überdeckt, der im Wadi el-Hitan braun verfärbt ist. Im Wadi el-Hitan sind mehr oder weniger vollständige Skelette überliefert, die es erstmals erlauben, die wahre Länge dieser Tiere zu überprüfen, Jungtiere von Alten zu unterscheiden und die Ontogenie zu studieren. Die Skelette lassen die Form der zu Flossen umgestalteten Vorderextremitäten erkennen. Aber das Wadi el-Hitan hat noch mehr geliefert. Bei einigen Skeletten ist auch die Hinterextremität erhalten, nicht nur ein Knochenspan des Beckens, wie bei modernen Walen, sondern ein fast vollständiges Bein mit Femur, Tibia und Fibula mit den Mittelfußknochen und Phalangen (Abb. 11) (Gingerich et al. 1990). Diese Wale hatten also noch Hinterbeine, die aber so rudimentär waren, dass sie den schweren Körper auf keinen Fall mehr tragen konnten.
Eigentlich ist es nicht verwunderlich, dass bei fossilen Walen rückgebildete Hinterbeine nachgewiesen werden konnten, denn als Säugetiere gehen die Wale sicher auf vierbeinige Landtiere zurück. Lange nahm man an, dass sie sich aus recht ursprünglichen Condylarthra Gingerich. P. D. (1992): Marine mammals (Cetacea and Sirenia) from the Eocene of Gebel Mokattam and Fayum, Egypt: Stratigraphy, Age, and Paleoenvironments. - University of Michigan, Papers on Paleontology, 30: 1-84. Calamitea Cotta 1832 - eine fossile Pflanze zwischen Historie und aktueller ForschungRonny Rössler und Norbert Noll erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2008 Heft 2 März/April Calamitenreste gehören zwar zu den häufigsten, aber auch zu den rätselhaftesten Pflanzenfossilien des Permokarbons. Seit über 300 Jahren kennt man die Sedimentausgüsse ihrer hohlen Stämme sowie die kohligen Abdrücke ihrer beblätterten Zweige und Strobili, wenngleich tatsächliche Organzusammenhänge nur selten beobachtet werden. Das Spektrum an Erhaltungsformen ist gerade für Calamiten vielfältig, neben dem Abdruckmaterial gibt es kostbare, dreidimensional erhaltene Fossilien, die die Anatomie und den Aufbau der pflanzlichen Gewebe zeigen. Leider waren diese massigen, im Vergleich zu den rezenten Schachtelhalm-Kräutern anfangs etwas fremd anmutenden Erhaltungsformen selbst den Klassikern der Paläobotanik suspekt, sorgten für Verwirrung und wie in unserem Fall für Jahrzehnte andauernde Missverständnisse. Während jedem Sammler die Bezeichnung Calamites ein Begriff ist, wurde der erste jemals beschriebene, anatomisch erhaltene Calamit, von Cotta (1832, S. 67, Taf. XIV, 1-4) unter der Bezeichnung Calamitea striata publiziert, kaum bekannt. Doch gerade von dieser Pflanze erfahren wir dank hervorragend erhaltenen Fossilmaterials mehr über Morphologie, Anatomie, Lebensweise und Individualentwicklung der jungpaläophytischen Calamiten als die Tonnen Calamitenreste in vielen Sammlungen auszusagen vermögen, wenngleich diese Abdruckerhaltungen seit Jahrhunderten Monographien und Lehrbücher dominieren. Der Informationsgehalt eines Fossils ist unerschöpflich
Die verhängnisvolle Rolle von Autoritäten Artmerkmal kontra Variabilität
Alte Funde - neue Fakten
Da die Dicke des Holzkörpers im Vergleich zum Markraum bei Calamitea relativ gering und auch der Parenchymanteil gegenüber Arthropitys vergleichsweise niedrig ist, nehmen wir an, dass die Calamitea-Stämme weniger bruchresistent, vielleicht regelrecht spröde waren. Relativ häufig findet man Stammstücke, bei denen ganze Pakete des Holzes in den Markraum gedrückt worden waren. Der Holzkörper ist aufgebaut aus radial angeordneten, von breiten Primärparenchymstrahlen separierten Holzkeilen, die zentral Reihen großer Tracheiden aufweisen und an ihren Rändern den kleineren Tracheidentyp zeigen (Abb. 10). Zwischen ihnen verlaufen dünne Parenchymstrahlen.
Obwohl wir bei Calamitea bislang keine Gewebe jenseits des Holzes, also beispielsweise Phloem oder Rinde, nachweisen konnten, so verfügen wir dennoch über einen aussagekräftigen Hinweis, dass diese potentiell natürlich vorhandenen Gewebe nur sehr dünn gewesen sein können: Ein Stück aus Chemnitz (MfNC K 3770) zeigt den Kletterfarn Ankyropteris brongiartii eingebettet in einen regelrechten Filz seiner kleinen diarchen Luftwurzeln an der Peripherie eines Calamitea-Stammes (Abb. 11). Da der Kletterer samt seiner Wurzeln unmittelbar dem Holz aufsitzt, bei dem Stück ferner davon auszugehen ist, dass es sich um eine in-situ-Wuchsposition handelt, können sich nur unwesentlich dicke extraxyläre Gewebe am Calamitenstamm befunden haben. Dass die aus Chemnitz gut bekannten Kletterfarne nicht nur an Psaronius-Baumfarnen zu Hause waren, sondern auch an Calamiten wuchsen, ist ein interessanter neuer ökologischer Aspekt.
Vergleiche zwischen verschiedenen Erhaltungsformen
Ein weiterer interessanter Vergleich soll mit Abdruckmaterial aus dem Perm von Bad Sobernheim (Saar-Nahe-Becken) unternommen werden. Von hier gibt es auch Calamiten, die an jedem zweiten Knoten Verzweigungsnarben aufweisen (Abb. 14, vgl. auch Kerp & Fichter 1985, S. 207, Taf. 3), was auch bezüglich der Verzweigung eine gewisse Variabilität innerhalb der C. cruciatus-Gruppe unterstreicht. Die Prägnanz, mit der die Stammoberfläche die Verzweigungsnarben wiedergibt, half uns bei dem Versuch, die fossile Pflanze zu rekonstruieren.
Überlegungen zur Rekonstruktion von Calamitea
Bei all den Fortschritten, die Calamiten hinsichtlich ihres Internaufbaues, ihrer Verzweigungsmorphologie, Lebensweise und ihres Lebensraumes besser zu verstehen, bleiben doch noch zahlreiche Fragen. Auch der Weg zu den hier vorgestellten Erkenntnissen hat gezeigt, dass beispielsweise die Veränderungen der Pflanzen während ihrer Individualentwicklung viel stärker als bisher Beachtung finden müssen. Auch mit standortbedingten Modifikationen ist wesentlich häufiger zu rechnen als bislang angenommen. Anatomische Merkmale, vor allem jene der sekundären Pflanzenkörper, sind nur selten Klassifikationskriterien der ersten Wahl. Sie sollten viel kritischer betrachtet werden und nur dort Verwendung finden, wo eine Vorstellung von ihrer natürlichen Variabilität gegeben ist. Literatur Anschrift der Autoren: Ursprung der modernen SäugetiereThomas Martin & Irina Ruf, Bonn erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2008 Heft 1 Januar/Februar Unbestrittene Herrscher der Festländer des Mesozoikums waren die Dinosaurier. Angesichts dieser Giganten wird leicht übersehen, dass gleichzeitig mit ihnen die Vorfahren der modernen Säugetiere lebten. Diese waren allerdings meist nicht größer als eine Spitzmaus oder ein Igel. Dennoch waren es die kleinen und unscheinbaren Säugetiere, denen eine große Zukunft bevorstand, denn sie überlebten das große Aussterbe-Ereignis am Ende der Kreidezeit, im Zuge dessen die Dinosaurier, mit Ausnahme der Vögel, für immer von der Erde verschwanden. Dieser Faunenschnitt markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Stammesgeschichte der Säugetiere, denn nun war der Weg frei für ihren Aufstieg zur Herrschaft über die Festländer, der vor 65 Millionen Jahren begann und bis heute andauert. Die Schlüsselmerkmale, die Voraussetzung für die rasante Erfolgsgeschichte der Säugetiere in der Erdneuzeit waren, entstanden jedoch schon lange vorher. Sie entwickelten sich bereits während des Jura, vor etwa 200 bis 140 Millionen Jahren. Die Stammesgeschichte und Vielfalt der modernen Säugetiere lassen sich nur aus der Kenntnis dieses entscheidenden Abschnitts ihrer Entwicklungsgeschichte verstehen. Ursprüngliche Säugetiere
Abb. 1. Teilskelett des Docodonten Haldanodon exspectatus (Gui Mam 30/79) aus dem Oberen Jura der Grube Guimarota in Portugal. Das Skelett ist auf eine Kunststoff-Matrix umgebettet. Aufnahme: P. Großkopf.
Abb. 2. Rekonstruktion von Haldanodon exspectatus als ein maulwurfsähnlicher Gräber (aus Martin und Nowotny 2000).
Abb. 3. Unterkiefer-Zähne des Docodonten Haldanodon exspectatus. Bei der Unterkiefer-Zahnreihe (3a; Gui Mam 95/79) ist das komplexe Höckermuster noch gut erhalten. Dagegen sind die Höcker des einzelnen Molaren (3b) fast bis zur Unkenntlichkeit abgekaut. Raster-elektronenmikroskopische Aufnahmen. Maßstab in 3a = 1 mm, in 3b = 0.5 mm. Vorläufer der modernen Säugetiere
Abb. 4. Nahezu vollständiges Skelett des Paurodontiden Henkelotherium guimarotae aus der Grube Guimarota in Portugal (Gui Mam 138/76). Das Skelett ist auf eine Kunststoff-Matrix umgebettet. Aufnahme: P. Großkopf.
Abb. 5. Lebensbild von Henkelotherium guimarotae (aus Martin und Krebs 2000). Evolution des Innenohrs der Säugetiere
Abb. 6. Seitenansicht der Ohrregion eines Dryolestoiden aus dem Oberen Jura der Grube Guimarota in Portugal. Diese virtuelle 3D-Rekonstruktion basiert auf Mikro-CT-Aufnahmen. Die Knochen (grau) sind durchscheinend dargestellt, um einen Blick auf das knöcherne Labyrinth (rot) zu gewähren. Beachte die 270° Windung der Cochlea. Rekonstruktion: T. Ryan. Die Gebisse jurassischer Säugetiere
Abb. 7. Linker Unterkiefer (Gui Mam 49/79) des Dryolestiden Dryolestes leiriensis aus dem Oberen Jura der Grube Guimarota in Lingualansicht (von innen gesehen) mit Schneidezähnen, Eckzahn, Vorbackenzähnen und sieben Backenzähnen (von rechts nach links; vierter Backenzahn ist ausgebrochen). Der beschädigte Kiefer gibt teilweise den Blick frei auf die langen Zahnwurzeln. Die Talonide am Hinterende der Backenzähne sind noch kaum entwickelt. Kiefer ist zur Vermeidung von Lichtreflexen mit Ammoniumchlorid bedampft. Aufnahme: G. Oleschinski.
Abb. 8. Schematische Darstellung von tribosphenischen Molaren. An das ursprüngliche Trigonid der Unterkiefer-Molaren (bestehend aus den drei Höckern Protoconid, Paraconid und Metaconid) wird eine beckenförmige Struktur (das Talonid, rot unterlegt) angefügt. In dieses Becken greift ein neugebildeter Höcker (Protocon, rot unterlegt) des entsprechenden Molaren aus dem Oberkiefer wie das Pistill in einen Mörser. Talonid und Protocon ermöglichen eine quetschend-reibende Funktion gegenüber einer stechend-schneidenden bei den prätribosphenischen Backenzähnen. Mesial = vorne, buccal = außen. Verändert nach Thenius (1989). Auf mikrostruktureller Ebene kam es im Jura ebenfalls zu entscheidenden Innovationen. Bei der Analyse des Zahnschmelzes von Dryolestiden aus dem Oberen Jura konnten die ältesten Schmelzprismen in der Stammlinie der Säugetiere nachgewiesen werden (Martin 1999). Diese im Durchmesser 3-5 µm großen Bündel von Apatit-Kristalliten waren die Voraussetzung für die Entwicklung des hochkomplexen Zahnschmelzes der modernen Säugetiere, bei dem die Schmelzprismen einem Verbundwerkstoff gleich sperrholzartige Strukturen ausbilden, die eine sehr effektive Bruchsicherung darstellen. Zweifache Entstehung der tribosphenischen Molaren?
Abb. 9. Zwei untere Backenzähne von Asfaltomylos patagonicus (MPEF-PV 1671) aus dem Mittleren Jura von Patagonien (Provinz Chubut, Argentinien) in Lingualansicht (von innen gesehen) mit beckenförmigen Taloniden. Raster-elektronenmikroskopische Aufnahme. Literatur "Hässliche Entlein" oder taphonomische Besonderheiten?
Christian Klug erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2007 Heft 5 September/Oktober m Vergleich zu den wundervollen Perlmuttammoniten aus Madagaskar, Russland oder den USA haben Muschelkalkfossilien nicht gerade den Ruf, sich durch atemberaubende Schönheit auszuzeichnen. Manch ein Sammler oder eine Sammlerin begeben sich nur wenn es unbedingt sein muss in Muschelkalklokalitäten, vielleicht um einen Ceratiten als Belegexemplar für ceratitische Lobenlinien zu suchen. Reste fossiler Weichtiere aus dem Muschelkalk haben jedoch viel mehr zu bieten, als es den Anschein hat. Überraschender Weise fanden sich jüngst phosphatische Dokumente nicht nur von ursprünglich chitinigen Strukturen wie den Kiefern und der schwarzen Schicht bei Cephalopoden, sondern auch von Kiemen, Muskeln, Siphonen und anderen Weichteilen schizodonter Muscheln. Obwohl Ceratiten schon lange bekannt sind und manch namhafter Paläontologe sich mit ihnen beschäftigt hat (z. B. Wenger 1950), gibt es immer noch zahlreiche offene Fragen die Biologie der Ceratiten betreffend. Offenbar bot der Muschelkalk mit seinen oft recht feinkörnigen Sedimenten und bisweilen rascher Verschüttung durch Sturmereignisse (Aigner 1985) gute Bedingungen, um immer wieder die Phosphatisierung von Weichteilen zu ermöglichen. Bemerkenswerter Weise ist dieses Phänomen weder räumlich noch zeitlich stark eingeschränkt: Muscheln mit phosphatisierten Weichteilen wurden in ganz Deutschland und sowohl im Oberen als auch im Unteren Muschelkalk entdeckt (Klug et al. 2005). Ebenso gibt es Funde von Ceratiten, bei denen die schwarze Schicht ("black layer") und andere, ursprünglich chitinige Strukturen überliefert sind, nicht nur aus fast ganz Deutschland sondern auch aus Frankreich (Klug 2004; Klug et al. 2005, im Druck, 2007). Erhaltung von organischen Materialien und Weichteilen im Muschelkalk
Abb. 1: Rechts: Myophoria simplex, MHI 412, Oberer Muschelkalk (Trochitenkalk Formation; pulcher-robustus Zone), Crailsheim, Länge 33 mm. Links: Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme der phosphatiserten Kiemenstützen. Rechts: die ganze Muschel mit den phosphatisierten Kiemenstützen (aus Klug et al. 2005a). Slg. Muschelkalkmuseum Hagdorn Ingelfingen. Foto: Wolfgang Gerber (Tübingen). Weichkörperanheftung bei Muschelkalk-Kopffüssern
Abb. 2: Die schwarze Schicht ("black layer") bei Ceratites spinosus spinosus, SMNS 25255-33, Tonhorizont beta, spinosus Zone, Heckfeld, Durchmesser 101 mm; Seiten- und Rückenansichten. Slg: Staatliches Museum für Naturkunde, Stuttgart. Fotos: Wolfgang Gerber (Tübingen). Im Laufe weiterer Untersuchungen fanden sich dann noch andere, interessante Strukturen: Je ein Germanonautilus aus dem Muschelkalkmuseum Hagdorn in Ingelfingen und dem Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart zeigen eine feine, schwarze Linie, welche einen alten Mundrand nachzeichnet (dasselbe Phänomen ist übrigens auch vom Rezenten Perlboot bekannt). Bei dem Ingelfinger Exemplar zeichnet diese schwarze Linie eine abnorm tiefe Trichterbucht nach (Abb. 3 rechts). Durch eine Verletzung unbekannter Ursache ist die Schale im bauchseitigen Bereich des Trichters offenbar ausgebrochen. Dadurch war die Trichterbucht wesentlich tiefer als bei gesunden Exemplaren. Erneute EDX-Analysen ergaben, dass auch die schwarze Schicht bei Ceratiten und der schwarze Streifen am alten Mundrand bei den Nautiliden phosphatisiert sind (Klug 2004).
Abb. 3: Germanonautilus bidorsatus, MHI 919, compressus Zone, Oberer Muschelkalk, Künzelsau, Durchmesser 20 cm. Links: Seitenansicht; Vor dem letzten Septum ist eine weit in Richtung Mündung geschwungene Linie zu erkennen. Dies ist der Vorderrand der Anheftungsstelle des Kopfrückziehmuskels. Rechts: Bauchseite; bei diesem Germanonautilus zeichnet eine ursprünglich chitinige und jetzt phosphatiserte, dünne schwarze Linie einen alten Mundrand nach. Aus unbekanntem Grund war die Trichterbucht viel tiefer als normal. Slg. Muschelkalkmuseum Hagdorn Ingelfingen. Fotos: Wolfgang Gerber (Tübingen). Bodenbewohner oder Schwimmer?
Abb. 4: Rekonstruktion von Ceratites spinosus (verändert nach Klug et al. 2004). Viele Aspekte dieser Rekonstruktion sind selbstverständlich spekulativ, so z. B. die Zahl und Form der Arme, das Vorhandensein einer Kopfkappe, das Farbmuster etc. Das Vorhandensein und die Position des Auges sowie die horizontale Stellung der Mündung sind recht wahrscheinlich. Endemische Evolution im Germanischen Becken?
Abb. 5: Stratigraphische Tabelle der germanischen Mitteltrias mit einem Verzeichnis der Einwanderungsereignisse und der Meeresspielschwankungen (verändert nach Klug et al. 2005b). Dank Literatur Schicht für Schicht hinter das Geheimnis der RudistenStefan Götz erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2007 Heft 4 Juli/August Rudisten (Bivalven-Superfamilie Hippuritoidea) sind auf den ersten und selbst auf den zweiten Blick nicht leicht als Muscheln zu erkennen. Ihr Bauplan ist spektakulär, denn Rudisten entwickelten spezialisierte Formen mit innenliegendem oder zurückgebildetem Ligament, was eine Entrollung der Schale und sehr variable Wuchsformen ermöglichte. Zu den auffälligsten Merkmalen der Rudisten gehören jedoch die stark ungleich großen Klappen. Manche Familien bauten komplizierte Hohlkammerschalen mit Bienenwaben-Struktur oder ein kompliziertes Kanalsystem. Auch die Entwicklung kegelförmiger oder aufragender, sehr schnell wachsender Gehäuse ist auffällig, sie stellt wohl eine Anpassung an hohe Sedimentationsraten dar. Die Größe ausgewachsener Rudisten schwankt zwischen zwei Meter und wenig mehr als einem Zentimeter. Sämtliche Rudisten waren sessil und lebten entweder an Hartsubstrat festzementiert, darauf liegend, oder im Weichsubstrat steckend.
Abb. 1: Einige Schalenformen von Rudisten im Vergleich zu "normalen" Muscheln. Rechte Klappen sind gelb, linke Klappen blau markiert. Obere Reihe von links: "normale" Muschel (Fam. Unionidae); Rudisten: Diceras (Bei Diceratidae konnte entweder die rechte oder die linke Klappe als Deckelklappe fungieren), Radiolites, Durania, Lapeirousia (Radiolitidae). Untere Reihe von links: Plagioptychus (Plagioptychidae), Caprinula (Caprinidae), Titanosarcolites (Antillocaprinidae), Ichthyosarcolites (Ichthyosarcolitidae), Toucasia (Requieniidae), Torreites, Vaccinites (Hippuritidae). (Verändert nach Schumann & Steuber 1997). Rudisten wurden im Verlauf der Kreide zu den wichtigsten Riffbildnern und benthischen Karbonatproduzenten der tropischen und subtropischen Flachmeere. Über 1.000 Arten besiedelten ab dem Oberjura bis zu ihrem Aussterben an der Kreide/Tertiär Grenze die warmen Küstenbereiche der Tropen und Subtropen. Dabei bildeten Sie sowohl komplexe Riffe zusammen mit Korallen und inkrustierenden Algen als auch ausgedehnte Riffe die ausschließlich aus einer einzigen Rudistenart bestanden. Ihre rasche Evolution und große Formenvielfalt macht sie zu regional wertvollen Leitfossilien. Ihre Neigung zur Bildung endemischer Formen und ihre hohe morphologische Variabilität in Abhängigkeit von Umwelteinflüssen erschwert jedoch oftmals ihre taxonomische Bearbeitung.
Abb. 2: Links: Die Rudistengattung Coralliochama aus der Oberkreide der mexikanischen Westküste, das Taschenmesser ist 9 cm hoch. Mitte: Gefunden! Ein Kollege hält ein Vaccinites-Prachtexemplar in der Hand. Rechts: Große Rudisten der Gattung Vaccinites ragen aus dem Fels. Blick auf die Schichtunterseite (Spanische Pyrenäen). Paläobiologie: unbekannt!
Abb. 3: Ausschnitte aus Schleifebenen von vier unterschiedlichen Rudistenriffen. Von oben links nach unten rechts: Biradiolites, Radiolites, Monopleura, Hippuritella (Meßbalken = 1 cm). Schleif-Tomographie liefert quantitative Daten
Abb. 4: Entwicklung und Verwandtschaftsbeziehungen (Phylogenie) der wichtigsten Rudistenfamilien. Wichtige evolutionäre Innovationen sind durch Sterne gekennzeichnet. Pfeile weisen auf Aussterbeereignisse hin. Zählen und Messen - tausendmal.
Abb. 5: Die G&N Präzisions-Flachschleifmaschine. Der Autor bestückt die Maschine gerade mit einem kleinen Probenblock. Alles eine Frage des Aufwandes Literatur Conocardium und Hippocardia - die Vertreter der "modernen" RostroconchienMichael R. W. Amler & Nicole S. Rogalla erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2007 Heft 3 Mai/Juni Als H. G. Bronn (1835) vor über 170 Jahren die Gattung Conocardium für "ungewöhnliche" Muscheln einführte, die er auf Grund oberflächlicher, die Skulptur betreffenden Ähnlichkeiten mit rezenten Vertretern der Muschelgattung Cardium verglich, legte er unwissentlich den Grundstein für eine neue Molluskenklasse. Die Gattung Conocardium ist vielen paläontologisch und stratigraphisch arbeitenden Wissenschaftlern, aber auch zahlreichen in paläozoischen Sedimentgesteinen sammelnden Amateuren geläufig; die zugehörige Systematik, Taxonomie und Morphologie entzieht sich jedoch meist ihrer Kenntnis. Daher verwundert es nicht, dass bereits kleinste Abweichungen in der Morphologie, geringe Altersunterschiede oder Variationen im regionalen Vorkommen als Kriterien zur Aufstellung neuer "Arten" verwendet wurden. Arten der Sammelgattung Conocardium (im 19. Jahrhundert werden auch die Gattungsnamen Pleurorhynchus oder Cardium synonym verwendet) erscheinen in zahllosen Fossillisten: in Europa vor allem in den klassischen, nach heutigen Gesichtspunkten jedoch systematisch unzureichenden Monographien von Phillips (1836), M'Coy (1844), de Koninck (1841-44, 1885), Barrande (1881) und Hind (1900). Seit dem Beginn der systematischen Paläontologie sind somit rund 250 Arten (= Namen) für z.T. sehr unterschiedlich aussehende Conocardiiden eingeführt worden, die bis 1970 zur Gattung Conocardium und der Klasse Bivalvia (Muscheln) gerechnet wurden (Abb. 1, 2; Rogalla & Amler 2006d).
Abb. 1: Conocardium aliforme, Typusart der Gattung Conocardium, in Seitenansicht, Unter-Karbon, Deutschland, Länge 22 mm.
Abb. 2: Verschiedene Formtypen hippocardioider Rostroconchien in Seitenansicht: li o: Barrandeicardia abrupta, Typusart der Gattung Barrandeicardia, Unter-Devon, Tschechien, Länge 12 mm; re o: Pohlia intersculpta, Typusart der Gattung Pohlia, Mittel-Devon, USA, Länge 10 mm; li u: Hassiacardia beushauseni, Typusart der Gattung Hassiacardia, Ober-Devon, Deutschland, Länge 5 mm; re u: Iapetocardia cooperi, Typusart der Gattung Iapetocardia, Mittel-Ordovizium, USA, Länge 5 mm. Auf Grund ihrer eigentümlichen Morphologie wurde Conocardiiden (i.w.S.) von Anfang an eine systematische Sonderstellung innerhalb der Muscheln zugewiesen: zunächst als eigene Überfamilie, später unter unsicherer systematischer Position ("incertae sedis" im "Treatise on Invertebrate Paleontology"; Branson et al. in Moore 1969). Erst 1972 wurden durch Pojeta et al. einige Vertreter der Conocardien und Hippocardien (hier jedoch noch nicht als solche unterschieden) zusammen mit einigen altpaläozoischen Vertretern zur neuen Klasse Rostroconchia innerhalb der des Stammes Mollusca zusammengefasst und von den Muscheln abgetrennt. Den Rostroconchia kommt eine besondere Bedeutung zu, da sie - je nach angewendetem Konzept der Stammesgeschichte der Mollusca - als Ahnen der Bivalven und / oder der Scaphopoden (Pojeta & Runnegar 1976; Peel 1991a, 1991b, 2004) angesehen werden. Eine erste Revision und systematische Gliederung der Klasse erfolgte durch Pojeta & Runnegar (1976), die bis heute richtungsweisend ist, auch wenn in der Folgezeit eine Reihe gegenteiliger Ansichten laut geworden sind. Als Rostroconchia wird seitdem eine ausgestorbene Klasse der Weichtiere bezeichnet, deren Vertreter vom Kambrium bis zum Perm vorkamen und die in drei Ordnungen unterteilt wird. Erst durch die Überarbeitung des zur Zeit verfügbaren Typusmaterials und der anschließenden Revision der Überfamlie Conocardioidea (sensu Pojeta & Runnegar 1976), konnten nomenklaturische und systematische Probleme (Sammelgattungen, Synonymien, nomina nuda etc.) beseitigt werden (Amler & Rogalla 2004; Rogalla & Amler 2006a-d, 2007). Diesen Beitrag wollen wir auf einige Taxa der "modernen" Rostroconchien beschränken, die der Ordnung Conocardiida angehören, welche in zwei Überfamilien, Hippocardioidea und Conocardioidea (Pojeta & Runnegar 1976; Rogalla & Amler 2006c) unterteilt wird. Ihnen stehen die altpaläozoischen Vertreter der Ordnungen Ribeirioida und Ischyrinioida gegenüber. Morphologie und Erhaltung
Abb. 3: Baiosoma batilia in Posterodorsalansicht mit dorsal aufsitzendem, einklappigem Larvalgehäuse, Ober-Karbon, USA, Länge 4 mm.
Das Adultgehäuse der hier vorgestellten Vertreter der Conocardiida lässt sich grundsätzlich in drei Regionen unterteilen (Abb. 4, 5): In die anteriore Schnauze mit der permanent klaffenden Schnauzenöffnung (Abb. 6), den zentralen Klappenkörper und die Rostralfläche (Abb. 7, 8), die das Gehäuse posterior begrenzt und aus der das tubusförmige Rostrum hervorgeht (Abb. 5). Dorsal wird der zentrale Klappenkörper durch die beiden Umbospitzen (Achtung: nicht synonym mit den Wirbelspitzen der Muscheln; Umbo = Regionen maximaler Weite des Gehäuses) begrenzt, unterhalb derer die Basis des geradlinig oder gewinkelt abgehenden Rostrums liegt (Abb. 5).
Vertreter der Überfamilie Hippocardioidea weisen ein weiteres posteriores Merkmal auf: die Schleppe, die die Rostralfläche ringförmig umgibt (Abb. 7, 8). Die Schleppe ist eine Sonderform der Carina (vorspringende Kante, Kiel), die sich von allen anderen Carinae dadurch unterscheidet, dass sie ventral durch das Orifizium begrenzt wird (Abb. 7) und in ihrer ursprünglichen Ausprägung zu einer dünnen Lamelle ausgezogen ist, die gewinkelt vom zentralen Klappenkörper absteht (Abb. 8) und von dem das Orifizium auskleidenden Mantelgewebe gebildet wird. Die Schleppe ist massiv, aber fragil und besteht nur aus der äußersten Schalenschicht. Wird sie beim Bergen oder Präparieren des Fossils beschädigt oder entfernt, hinterlässt sie eine Rinne (Schleppenansatzstelle; Abb. 5), in der feine seleniforme Stege verlaufen, deren konkave Seiten immer zum Orifizium hin ausgerichtet sind und die die Ansatzstelle markiert. Dorsal reicht die Schleppe bis zu den Umbospitzen und umrandet somit die gesamte Rostralfläche (Abb. 8).
Schnauze, zentraler Klappenkörper und Rostralfläche sind ornamentiert. Im Allgemeinen lassen sich retikulate und radiale Ornamente sowie glatte, nur von feinen komarginal verlaufenden Wachstumslinien durchzogene Oberflächen unterscheiden (Abb. 2). Schnauze und zentraler Klappenkörper können die gleiche Oberflächenbeschaffenheit aufweisen oder auch durch sie voneinander abgegrenzt sein. Die Rostralfläche ist grundsätzlich mit radialen Rippen bedeckt, die sich kreisförmig um das Rostrum herum anordnen; sie können flach oder prominent ausgebildet sein (Abb. 7). Die Interpretation des eigentlichen Ornaments wird durch taphonomische Prozesse erschwert: Die Schale zahlreicher Rostroconchien weist drei Schalenebenen auf (Abb. 9; Amler 1996). Die erste zeichnet sich durch eine glatte Oberfläche aus, unter der eine zweite Ebene mit kräftigen, radialen Rippen erscheint, während die dritte, unterste Ebene ein feines Ornament aufweist. Unterschiedlich weite Transportwege und energetisch variierende Transportmechanismen haben bei einem Großteil des Materials zu mehr oder weniger starker Korrosion (chemische Zerstörung) und Abrasion (mechanischer Abschliff) geführt, wovon insbesondere randliche Klappenbereiche und die glatte obere Schalenschicht betroffen sind. Diese Schalenebenen sind auf keinen Fall mit mikrostrukturellen Schichten gleichzusetzen. Es handelt sich hierbei um ein Phänomen der Schalenarchitektur, welches nicht unbeachtet bleiben darf, da es zwei entscheidende Konsequenzen für morphologische Beschreibungen hat: Zum einen kann bei Exemplaren, die nicht exzeptionell gut erhalten sind, nicht immer bestimmt werden, welche Schalenebene erhalten ist, weshalb Artbeschreibungen, die auf dem Zählen von Rippen basieren, stets zu hinterfragen sind. Zum anderen sind die einzelnen Schalenebenen sehr dick ausgebildet. Das Fehlen einer Ebene kann den Umriss des Gehäuses so stark verändern, dass Autoren diese zwei Erhaltungszustände als zwei unterschiedliche Arten beschrieben haben. Aus diesen Gründen werden diese Merkmale von uns für systematische Unterscheidungen nicht verwendet.
Für die fossile Erhaltung spielen außerdem diagenetische Veränderungen eine bedeutende Rolle, die die Überlieferung zusätzlich erschweren können. Ein sehr großer Anteil der Conocardiida stammt aus karbonatischer Fazies. Dabei treten nahezu sämtliche Übergänge in der Erhaltung auf: Auch wenn gelegentlich noch einzelne Schalenschichten rekonstruierbar sind, so kommen häufig auch völlig umkristallisierte Schalen und mit blockigem Kalzit gefüllte Hohlräume vor, die sich nicht nur einer Präparation widersetzen, sondern auch für Dünnschliffuntersuchungen wenig geeignet sind. Aus sandiger Fazies liegen Conocardiidenreste heute dagegen vorwiegend als Steinkerne (Skulptursteinkerne) und Schalenabdrücke vor, weil durch wässrige Lösungen die ehemalige Schalensubstanz vollständig weggelöst wurde (vgl. auch Amler 1996). Die günstigste Erhaltung liefern Fundorte in toniger oder mergeliger Fazies, in der Conocardiida jedoch bedeutend seltener auftreten. Somit lässt sich zusammenfassend feststellen, dass paläobiologische Analysen von Conocardiiden in besonderem Maße von guten Erhaltungszuständen abhängig ist, um für Determinationen notwendige morphologische Details erkennen zu können. Paläobiologie Evolution und Phylogenie Zusammenfassung und Ausblick Literatur Pterosaurier als Flugmaschinen - Bionische Forschung in der Paläontologie?Eberhard "Dino" Frey, Helmut Tischlinger, Wolf Reiner Krüger & David Hone erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2007 Heft 2 März/April "Schau mal, wie der mit den Flügeln schlägt!" Lautlos und unglaublich majestätisch gleitet das riesige Pteranodon über die Hangkante und kurvt im Aufwind himmelwärts. Keiner sieht die technischen Details des ferngelenkten, bionischen Superfliegers. Bionik ist populär geworden. Ingenieure, Techniker und Elektroniker schauen den Biologen schon länger über die Schulter um Ideen für technische Lösungen aus der Natur zu stibitzen - mit Erfolg auch für die Biologen. Die technische Analyse liefert neue Erkenntnisse über die Funktionsweise ihrer Forschungsobjekte. Inzwischen wecken sogar ausgestorbene Wirbeltiere das Interesse der Ingenieure. Dazu gehören auch die Pterosaurier. Fliegende Lebewesen haben seit mehr als vier Jahrtausenden die Gedanken der Menschen im wahrsten Sinne des Wortes beflügelt. Otto Lilienthal schließlich hat es dann in aller Öffentlichkeit geschafft: Nach dem Vorbild der Störche schuf er einen Gleitflieger, welcher einen Menschen tragen konnte (Lilienthal 1889). Doch was war vom Storchenvorbild übrig geblieben? Eine eher fledermausartige Flugmaschine, reduziert auf die notwendigsten, experimentell ermittelten Grundlagen. Gerade einmal 100 Jahre nach dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright am 17. Dezember 1903 bei Kitty Hawk, USA, sind Flugzeuge aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Die ausgereifte Technik, möchte man meinen, ließe keine fundamentalen Neuerungen mehr zu, doch geben die Flugzeugingenieure nach wie vor neidlos zu, den Flügelschlag als Antriebsmechanismus nicht zu beherrschen. Schlagflüglermodelle, auch Ornithopter genannt, flattern mehr oder minder elegant durch die Lüfte, doch hat sich nur sehr selten ein bemannter Schlagflügler vom Boden erhoben (DeLaurier 1999), und wenn, dann nur für sehr kurze Zeit und fast immer mit unangenehmen Folgen für den Piloten. Auch die meisten Schlagflüglermodelle landen unsanft, weil ihre Segelleistung mit den Erfordernissen des Flügelschlages nicht vereinbar ist. Flügel von Vögeln oder Fledermäusen nachzubauen ist wegen der Materialeigenschaften und der vielfältigen Verstellmöglichkeiten der Flugapparate über Gelenke kaum sinnvoll. Hoffnungsschimmer am Horizont des Erdmittelalters
Abb. 1: Rhamphorhynchus, Wiener Exemplar; A: Gesamtansicht des Fossils, B: Ausschnitt aus dem linken Flügel unter UV-Licht (Fotos Tischlinger).
Abb. 2: Rhamphorhynchus mit erlesener Weichteilerhaltung; A: Flughaut in Substanzerhaltung, B: dieselbe Flughaut unter UV-Licht (Fotos Tischlinger). Einer der Träume eines Flugzeugkonstrukteurs ist der klappenfreie Flügel. Klappen benötigen Mechanik und erhöhen die Reibung, doch sind sie zum Steuern unerlässlich. Landeklappen z.B. erhöhen die Tragflächenkrümmung und kanalisieren die Strömung so, dass sie auch beim Langsamflug anliegen und damit der Auftrieb erhalten bleibt (Abb. 3 [Flugzeugflügel mit ausgefahrenen Landklappen]). Die Flügel der Pterosaurier waren klappenfrei, bestehend aus einer Armflughaut, die sich von der Spitze des enorm verlängerten Flugfingers bis zur Fußwurzel erstreckte. Dies ist für langschwänzige und kurzschwänzige Pterosaurierformen fossil belegt. Ebenso belegt ist der schichtige Aufbau der Armflughaut selbst, die aus mindestens sechs Gewebelagen bestand (Abb. 4; Martill & Unwin 1989, Tischlinger & Frey 2002, Frey & Tischlinger 2003, Frey et al. 2003).
Abb. 3: Eine B 747 im Endanflug. Die ausgefahrenen Landeklappen verstärken die Krümmung der Tragfläche und ermöglichen ein langsames Anfliegen für eine meist sanfte Landung (Foto Adrian Pingstone, Wikipedia).
Abb. 4: Bau und Funktion der Flugsaurierflughaut. Energie aus der Sonne Die integrierte Steuerung
Abb. 5: Pterodactylus; zwei Extremrekonstruktionen. Problematische Modelle Reverse Engineering
Abb. 6: Technischer Flügel verglichen mit einem Pterodactylus-Flügel (Hintergrundfoto DLR). Paläobionik als Hilfmittel? Literatur Unterkretazische Krokodile, Schildkröten & Dinosaurier.
Jahn J. Hornung & Mike Reich erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2007 Heft 1 Januar/Februar Ausgrabungen von Fossilien locken jährlich zahlreiche Paläontologen und Interessierte in oft weit entfernte Gebiete unseres Planeten - doch können auch "Ausgrabungen" in den Magazinen und Sammlungen deutscher Museen, "quasi vor der Haustür", Erstaunliches und teilweise Vergessenes zu Tage fördern. Ein Beispiel hierfür ist die Sammlung M. Ballerstedt - eine Kollektion unterkreide-zeitlicher Fossilien von Weltruf. Zu Beginn der Unterkreide, während des Berriasiums, hatte sich das Jurameer nach einem globalen Meeresspiegel-Abfall aus weiten Teilen Mitteleuropas zurückgezogen. Das Norddeutsche Becken, welches sich von den Niederlanden bis Polen quer über Norddeutschland erstreckte, war von einem flachen Meerbusen erfüllt, der nur über schmale Passagen Kontakt mit dem offenen Meer hatte. Durch den Zufluss von Süßwasser verbrackte dieses Randmeer, ähnlich wie heute die Ostsee. Die Ablagerungen des Berriasiums, die in Anlehnung an faziell sehr ähnliche, größtenteils aber etwas jüngere Ablagerungen in Südostengland als "Wealden" bezeichnet werden, bestehen vor allem am Südrand dieses Beckens vorwiegend aus fluviatilen Sandsteinen und geringmächtigen Kohlen. Beckenwärts gehen diese in deltaische und ästuarine Sedimente und schließlich im Beckenzentrum in Tone über.
Abb. 1: Schmelzschuppen-Fisch Lepidotes sp. (alle abgebildeten Fossilien stammen aus dem Obernkirchen-Sandstein der Umgebung von Bückeburg, Sammlung Ballerstedt. Alle Fotos: GZG Museum).
Abb. 2: Abdruck des Panzers der Schildkröte Pleurosternon sp. Wirbeltier-Fährten und -knochen
Abb. 3: Krokodil Goniopholis simus Owen, 1878. Abdruck des Schädeldaches und Gaumens.
Abb. 4: Iguanodontipus isp. - Trittsiegel (Hypichnium) eines Vogelfuß-Dinosauriers (Ornithopoda). Das Adolfinum Bückeburg und die Universität Göttingen Abformung mit Silikonkautschuk
Abb. 5: Der Dinosaurier Stenopelix valdensis v. Meyer, 1857. Fehlende Beachtung Das Projekt Danksagung Literatur Der Mexikanische Bernstein und seine EinschlüsseMónica M. Solórzano Kraemer und Jes Rust, Bonn erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2006 Heft 6 November/Dezember Bernstein hat die Phantasie und Kreativität der Menschen seit alters her angeregt und besonders fasziniert. Mythen und Legenden ranken sich um seinen Ursprung. Dies gilt auch für den Mexikanischen Bernstein, der neben dem Baltischen und Dominikanischen Bernstein zu den bedeutendsten tertiären Vorkommen fossiler Harze gehört. Aufgrund seines Artenreichtums und seiner hervorragenden Erhaltungsqualität gilt er als eine der wichtigsten Fossillagerstätten der Neotropis. Schon 250 v. Chr. wurde der Mexikanische Bernstein in Simojovel, im Bundesstaat Chiapas, im Süden Mexikos entdeckt (Rouillon 1996). Bis heute spielt er für die Einwohner dieses Gebietes eine sehr wichtige Rolle. In der prähispanischen Epoche mussten sie Bernstein aus Chiapas als Tribut oder Steuer an die Azteken bezahlen, und deshalb ist Bernstein heute in vielen archäologischen Ausgrabungsstätten zu finden. Besonders kostbar sind Bernsteine, die in ihrem Inneren tierische und pflanzliche Lebewesen bergen. Sie berichten uns von der Vielfalt des Lebens auf den Festländern längst vergangener Zeiten. Pflanzen und Tiere sind im Bernstein als dreidimensionale Gebilde mit einer Fülle von Einzelheiten und oft in großer Schönheit überliefert. Das Alter des Mexikanischen Bernsteins beträgt etwa 13 bis 20 Millionen Jahre; d.h. er gehört stratigraphisch in das Unter- bis Mittelmiozän (Solórzano Kraemer 2006). Die Ursprungspflanze des fossilen Harzes ist eine Leguminose der Gattung Hymenaea, die von Poinar & Brown (2002) als H. mexicana beschrieben worden ist. Verwandte Arten dieser Pflanze kommen noch heute in Mexiko und weiten Teilen Mittel- und Südamerikas vor.
Abb. 1: Graue Schuttfächer an den Eingängen zu den Bernsteinminen im Gebiet von Simojovel.
Abb. 2: Bergarbeiter am Eingang einer Mine. Gewinnung des Mexikanischen Bernsteins
Abb. 3: Schmuckherstellung in einem kleinen Familienbetrieb in Simojovel. Die Einschlüsse des Mexikanischen Bernsteins
Abb. 4: Pseudoskorpion aus dem Mexikanischen Bernstein. Den Hauptanteil der Inklusen aus dem Mexikanischen Bernstein bilden die Fliegen und Mücken (Abb. 5, 6), wobei Gallmücken und Buckelfliegen am häufigsten sind. In großer Zahl sind außerdem die Hautflügler mit parasitischen Wespen, Bienen und Ameisen (Abb. 7) sowie die Wanzen vertreten. Weitere seltenere, jedoch auffällige Insektengruppen sind die Schaben, Termiten, Heuschrecken, Staubläuse, Fransenflügler, Zikaden (Abb. 8), Käfer und Schmetterlinge. Aquatische Insekten sind generell selten im Mexikanischen Bernstein, aber es liegen einige Funde von Eintagsfliegen, Zuckmücken und Köcherfliegen vor. Die Mehrheit dieser Insekten sind ökologische Generalisten, die nur pauschale Rückschlüsse auf den ehemaligen Lebensraum zulassen. Daneben kommt aber auch eine größere Anzahl von ökologisch spezialisierten Gruppen vor, von denen die meisten heute in tropisch-trockenen Tieflandwäldern leben. Andere sind gegenwärtig an feuchte Standorte in tropischen Tieflandwäldern oder in Mangrovenwäldern verbreitet (Solórzano Kraemer 2006).
Abb. 5: Bremse (Tabanidae) aus dem Mexikanischen Bernstein.
Abb. 6: Trauermücke (Sciaridae) aus dem Mexikanischen Bernstein. Insgesamt ist die Insektenfauna des Mexikanischen Bernsteins der heutigen zentralamerikanischen Fauna sehr ähnlich. Beziehungen bestehen aber auch zu rezenten Insektengemeinschaften Südamerikas und einige Insektengattungen sind heute auf den Karibischen Inseln verbreitet.
Abb. 7: Ameise (Formicidae) aus dem Mexikanischen Bernstein.
Abb. 8: Zikade (Nogodinidae) aus dem Mexikanischen Bernstein. Ausblick
Abb. 9: Ausschnitt eines "lebenden Bernsteinwaldes": Mangrovengebiet an der pazifischen Südküste Mexikos im Biosphärenreservat "La Encrucijada". Literatur Jurassische Wirbeltiere aus PatagonienOliver W.M. Rauhut, München erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2006 Heft 5 September/Oktober Der Jura ist eine äußerst interessante Zeit in der Evolution des Lebens auf unserem Planeten. Während noch am Anfang des Jura der Superkontinent Pangäa bestand hatte, in dem alle heutigen Kontinente vereint waren, brach dieser im Laufe des Jura auseinander, bis im oberen Jura bereits eine Trennung zwischen den Kontinenten der südlichen und nördlichen Halbkugel etabliert war. Dieses Auseinanderbrechen der Kontinente brachte natürlich gewaltige Veränderungen in den Lebensräumen mit sich; somit ist es nicht verwunderlich, daß die meisten Wirbeltiergruppen in dieser Epoche eine bedeutende Entwicklung und Diversifizierung durchmachten. Da viele dieser Gruppen auch heute noch wichtige Elemente moderner Wirbeltierfaunen darstellen, ist der Jura somit von besonderem Interesse für unser Verständnis der Geschichte der heutigen Lebewelt. Leider ist diese Zeit jedoch immer noch fast ein "schwarzes Loch": Was wir bisher wissen ist überwiegend die geringe Diversität der betroffenen Gruppen am Anfang des Jura und die große Formenvielfalt am Ende der Epoche, aber sehr wenig darüber, was dazwischen passierte. Dies gilt insbesondere für die Evolution der terrestrischen Wirbeltiere der südlichen Halbkugel zu dieser Zeit. Geologischer und Paläontologischer Rahmen
Abb. 1: Blick auf Sedimente der Cañadón Calcáreo Formation von der Sierra Mesa. In der Cañadón Calcáreo Formation finden sich sehr häufig Pflanzenreste, überwiegend verkieselte Baumstämme und Araukarienzapfen. Invertebraten sind überwiegend durch Conchostraken vertreten, wobei auch einige Ostrakoden beschrieben wurden. Wirbeltiere sind hier überwiegend durch Fische bekannt, die in den basalen lakustrinen Lagen massenhaft auftreten. Dabei handelt es sich überwiegend um einen sehr häufigen basalen Teleosteer, "Tharrias" feruglioi (Abb. 2) und seltenere Raubfische der Art Oligopleurus groeberi (López-Arbarello 2004). Zudem stammt der ursprünglich der Cañadón Asfalto zugewiesene Sauropode Tehuelchesaurus (Rich et al. 1999) ebenfalls aus dieser Formation.
Abb. 2: Mehrere Exemplare des kleinen Teleosteers "Tharrias" feruglioi aus der Cañadón Calcáreo Formation. Neue Funde aus der Cañadón Asfalto Formation
Abb. 3: Der winzige Unterkiefer von Asfaltomylos patagonicus vor (A) und nach (B) der Präparation. Der Kiefer ist insgesamt 13 mm lang. Der vielleicht bedeutendste Fund aus dieser Formation bisher war vermutlich der erste Skelettrest eines Säugetieres aus dem Jura Südamerikas (Rauhut et al. 2002). Der durch einen nur etwas mehr als 1 cm langen Kiefer vertretene Asfaltomylos patagonicus ist aufgrund seiner modernen Zahnstruktur bemerkenswert (Abb. 3). Die Backenzähne zeigen ein modern ausgebildetes Zahnbecken (Talonid), wie es für die Zähne der modernen Säugetiere, der Tribosphenida, typisch ist. Bis vor kurzem war die allgemeine Meinung, daß die tribosphenischen Säugetiere erst in der unteren Kreidezeit, also etwa 25 Ma später, und auf der nördlichen Halbkugel entstanden. Diese Hypothese war erst vor wenigen Jahren durch den Fund eines tribosphenischen Zahnes aus dem mittleren Jura Madagaskars ins Wanken geraten (Flynn et al. 1999). Asfaltomylos zeigte jedoch eine verwirrende Merkmalskombination. Im Gegensatz zu den Backenzähnen ist der Kieferknochen noch sehr primitiv, so finden sich z.B. noch Spuren von zusätzlichen Knochen neben dem Dentale, ein Merkmal, das nach bisheriger Meinung lange vor dem Ursprung der modernen, tribosphenischen Zähnen verschwand. Diese ungewöhnliche Kombination von Asfaltomylos stützte somit eine erst kürzlich aufgestellte und sehr kontroverse Hypothese, daß die modernen Backenzähne in der Evolution der Säugetiere zweimal entstanden sind, zuerst in Gondwana auf der Entwicklungslinie der Monotremen (eierlegenden Säugetiere) und dann in Laurasia bei den Tribospheniden, zu denen die Beuteltiere und die Plazentatiere gehören (Luo et al. 2001). Auch bei der detaillierten Untersuchung des Gebisses von Asfaltomylos fanden sich Hinweise darauf, daß, obwohl die Struktur sehr ähnlich war, sich seine Backenzähne offenbar in der Funktion von jenen der modernen Säugetiere unterschied (Martin & Rauhut 2005).
Abb. 4: Umriss-Rekonstruktion von Condorraptor currumili, mit erhaltenen Knochen eingezeichnet. Maßstab ist 50 cm. Funde aus der Cañadón Calcáreo Formation
Abb. 5: Geländearbeit in der Cañadón Calcáreo Formation. Ausgrabung von Schwanzwirbeln eines großen Sauropoden. Auch in der Cañadón Calcáreo Formation haben die Grabungen von 2000-2002 zu zahlreichen neuen Funden geführt (Abb. 5). Größere Grabungen in verschiedenen Fischfundstellen erbrachten nicht nur neue Daten zur Feinstratigraphie und Taphonomie der Fundstellen, sondern erbrachten auch seltenere Faunenelemente der Fischfauna (López-Arbarello 2004). Zudem wurden zahlreiche neue Dinosaurierreste in dieser Formation lokalisiert, von denen jedoch die meisten bisher noch nicht ausgegraben werden konnten.
Abb. 6: Arbeit an der Wirbelsäule von Brachytrachelopan mesai. Im Hintergrund der Cerro Chivo, ein tertiärer Vulkanschlot.
Abb. 7: Die Wirbelsäule von Brachytrachelopan mesai in einem frühen Stadium der Ausgrabung. Der bedeutendste Fund aus der Cañadón Calcáreo Formation ist bisher aber wohl das Teilskelett eines anderen Sauropoden, den wir Brachytrachelopan mesai genannt haben (Abb. 6, 7; Rauhut et al. 2005). Brachytrachelopan ist ein recht ungewöhnlicher Sauropode, der mit vermutlich weniger als 10 m Länge für diese Gruppe eine eher kleine Art darstellt (Abb. 8). Zudem ist der Hals sehr kurz; während bei Sauropoden generell eher die Tendenz besteht, den Hals zu verlängern, und die Halslänge bei den extremsten Formen mehr als das vierfache der Rückenlänge ausmacht, ist er bei der neuen Art deutlich kürzer als der Rücken. Zudem schränken die stark nach vorne inklinierten Dornfortsätze der Halswirbel die Beweglichkeit des Halses nach oben stark ein, so daß er vermutlich nicht viel über die Horizontale erhoben werden konnte. Das deutet auf eine stärkere Spezialisierung bei Brachytrachelopan hin. Generell nimmt man an, daß die Halslänge und ?haltung bei der Nutzung verschiedener ökologischer Nischen bei den Sauropoden eine wichtige Rolle gespielt hat (z.B. Upchurch et al. 2004). Somit dürfte die relativ kleine Größe und der kurze Hals bei Brachytrachelopan darauf hindeuten, daß dieses Taxon auf niedrigwachsende Vegetation und eventuell sogar auf bestimmte Pflanzentypen spezialisiert war.
Abb. 8: Umriss-Rekonstruktion von Brachytrachelopan mesai, mit erhaltenen Knochen eingezeichnet. Maßstab ist 50 cm. Von besonderem Interese ist zudem die systematische Stellung von Brachytrachelopan. Wie an den ungewöhnlichen Merkmalen seiner Wirbelsäule - gegabelte, nach anterodorsal inklinierte Dornfortsätze im Halsbereich, paddelförmige Dornfortsätze im hinteren Rückenbereich - eindeutig festzustellen ist, handelt es sich bei diesem Taxon um einen Dicraeosauriden, also einen Vertreter eben jener Gruppe, die im Jura bisher nur aus Tendaguru bekannt war. Somit scheinen die Dicraeosauriden offenbar wirklich eine wichtige Gruppe der Sauropoden im oberen Jura von Gondwana darzustellen. Zudem deuten die weite Verbreitung bereits im oberen Jura und ihr völliges Fehlen auf der nördlichen Halbkugel darauf hin, daß sich diese Gruppe hoch spezialisierter Sauropoden offenbar sehr schnell nach der Trennung Gondwanas von Nord Amerika, an der Mitteljura-Oberjura-Grenze, über die gesamten Gondwana-Kontinente ausgebreitet hat. Dies spricht für eine rasche Anpassungsfähigkeit der Sauropodenfaunen in dieser sich drastisch verändernden Welt des Mittel- bis Oberjura. Es scheint also, daß die Sauropoden, häufig als Epitom für schwerfällige und wandlungsunfähige Riesen genommen, erfolgreicher und anpassungsfähiger waren, als man gemeinhin angenommen hat. Ein weiterer neuer Fund repräsentiert ebenfalls eine bekannte Gruppe vom Tendaguru, die Brachiosauriden (Rauhut 2006). Somit scheint zumindest die Sauropodenfauna der Cañadón Calcáreo Formation jener des Tendaguru bemerkenswert ähnlich zu sein, trotz einer geografischen Distanz von mehreren tausend Kilometern und einer ca. 15° weiter südlich gelegenen Lage auf paläogeographischen Karten des Oberjura. Ausblick Literatur Die Erminger TurritellenplatteMichael W. Rasser & James H. Nebelsick erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2006 Heft 4 Juli/August Manchmal überrascht es, wie wenig über vermeintlich gut bekannte Fossillagerstätten bekannt ist. Ein Beispiel dafür ist die Erminger Turritellenplatte, ein vorwiegend aus der Turmschnecke Turritella turris bestehender sandiger Kalkstein aus dem Untermiozän (ca. 20 Millionen Jahre). Es ist eine - auch im internationalen Maßstab - außergewöhnliche Fossilanhäufung, dessen Vorkommen auf ein kleines Waldstück bei Ermingen westlich von Ulm beschränkt ist. Über einen langen Zeitraum wurde dieser Kalk als Baustein abgebaut und den meisten Sammlern und Geowissenschaftlern in Südwestdeutschland ist die Erminger Turritellenplatte ein Begriff (z.B. www.turritellenplatte.de).
Abb. 1. Handstück der Erminger Turritellenplatte, dicht gepackt mit Turmschnecken der Art Turritella turris. Größte Länge der gezeigten Turritellen: 60 mm. Turritellenkalk als Baustein
Abb. 2. Das Soldatendenkmal am Friedhof in Harthausen besteht aus Kalksteinblöcken von der Erminger Turritellenplatte. Naturdenkmal Turritellenplatte Turritellen früher und heute Das Molasse-Meer und seine Fossilien Graben - aber wo?
Abb. 3. Bodenradar-Untersuchungen halfen bei der Suche nach geeigneten Grabungsstellen. Rechtes Foto: In dem roten Kasten, der über den Boden gezogen wird, befinden sich Sender und Empfänger für die Radarwellen. Linkes Foto: M. Schuh von Neckargeo führt die Messungen durch, vor sich den Kontrollbildschirm mit den ersten Messergebnissen. Unten: Das Ergebnis! Die einzelnen horizontalen Linien zeigen Reflektoren im Untergrund, z.B. Schichtflächen; dadurch können gestörte und ungestörte Schichtverbände unterschieden werden. Vielfältige Gesteinstypen
Abb. 6. M. Kapitzke und M. Rieter bergen eine Austernplatte (siehe Abb. 7).
Abb. 7. Austernplatte mit einem Durchmesser von 90 cm und bis zu 27 cm langen Austernschalen. Derartige Austernlagen waren bislang von der Erminger Turritellenplatte nicht bekannt und stellen auch sonst eine Besonderheit in der Oberen Meeresmolasse dar. Das Profil
Abb. 4. Prof. Dr. J. H. Nebelsick, T. Fusswinkel und M. Dragan bei der Profilaufnahme. Der Profilschurf ergab eine ca. 3,5 mächtigen Abfolge der Erminger Turritellenplatte. Das Liegende
Abb. 5. Schichtfläche mit freigelegten Turritellen. Die Orientierung der Gehäuse wurde mit dem Kompass eingemessen, um später die Paläo-Strömungsrichtungen errechnen zu können. Lebensraum Turritellenplatte? Einen ca. 15minütigen Film von D. Hagmann über die Grabung finden Sie auf der interaktiven CD-Rom zum 20jährigen Jubiläum des Museums am Löwentor, erhältlich im Museumsshop des Naturkundemuseums Stuttgart (www.naturkundemuseum-bw.de/stuttgart). Dank Zitierte Literatur Abbildungen: Alle Fotos M. W. Rasser Messelsäuger aus WyomingWighart v. Koenigswald erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2006 Heft 3 Mai/Juni Auf vielen Fossilmärkten werden immer wieder fossile Fische auf einem hellen Plattenkalk angeboten. Sie stammen aus dem "Fossil Lake" der Green-River-Formation, also dem Eozän von Wyoming. Westlich von Kemmerer, am Ostrand der Rocky Mountains, liegt das "National Monument Fossil Butte", das in einem kleinen Museum die große Vielfalt der Fische, Insekten, Krokodile, Schildkröten und Vögel, aber auch von eingeschwemmten Pflanzen aus den Ablagerungen des ehemaligen Fossil Lake zeigt. Sie alle sind ein Nachweis für besonders warme Klimaverhältnisse in einem fast tropischen See. Der Fossilreichtum einzelner Schichten zeigt, dass es mehrfach zu Massensterben kam. Die Ablagerungen des Fossil Lake reichen weit über den streng geschützten Bereich des National Monument hinaus und liegen auf privatem Grund. Überall dort, wo die fischreichen Horizonte ausstreichen, werden Steinbrüche auf Fossilien betrieben. Weil die Steppenlandschaft nur wenig Vegetation trägt, sieht man schon von weitem die Abraumhalden dieser Steinbrüche, die wie Kränze die Hügel umziehen.
Abb: 1 Eine typische Platte aus einem Fischhorizont mit Dilpomystus aus dem ehemaligen Fossil Lake bei Kemmerer in Wyoming (USA). Der Fossil Lake war so groß, dass Landtiere und besonders Säugetiere kaum bis in das Fundgebiet eingeschwemmt wurden. Als einziger Säugetierfund galt lange Zeit das Skelett der Fledermaus Icaronycteris index. Diese Fledermaus, von der inzwischen mehrere Exemplare vorliegen, ist der älteste Beleg für die Fledermäuse überhaupt, wirkt aber, ähnlich wie die Fledermäuse von Messel, recht modern. Die Ablagerungen vom Fossil Basin sind etwa 52 Millionen Jahre alt und damit etwas älter als Messel, für das jetzt 47 Millionen Jahre angegeben werden. Aus einem der Steinbrüche wurden jüngst einige weitere Säugetierskelette bekannt, die in verblüffender Weise den Funden aus Messel ähneln. Messel, die einzige Fossillagerstätte in Deutschland, die zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt wurde, liegt bei Darmstadt, und hat viele hervorragende Fossilien aus einem Süßwassersee geliefert. Die große Bedeutung der Säugetierfunde aus Messel liegt darin, dass man aus den meist vollständig überlieferten Skeletten die Lebensweise dieser Tiergruppen erschließen kann. So konnten am Skelett von Buxolestes piscator am Schädel, den Gliedmaßen und besonders am Schwanz spezielle Schwimm-Anpassungen gefunden werden, die darauf schließen ließen, dass diese Art semiaquatisch war und wie ein Fischotter gelebt hat. Als Bestätigung für die angenommene Lebensweise enthält der Mageninhalt mehrerer Tiere Fischreste. Buxolestes war aber kein Verwandter der Fischotter, sondern gehört zu den Pantolestiden, also im weitesten Sinne zu den Insektenfressern.
Abb. 2 Das Skelett des Fischräubers Buxolestes piscator aus dem Eozän von Messel (Hessen) zeigt deutliche Anpassungen an ein semiaquatische Lebensweise (Exemplar aus dem Landesmuseum für Naturkunde, Karlsruhe). Diese ausgestorbene Gruppe war auch in Nordamerika verbreitet, wie viele Zahnfossilien zeigen. Aus dem Fossil Lake von Wyoming kam nun ein Skelett zum Vorschein, das die seltene Gelegenheit bot zu überprüfen, ob die amerikanische Form, die Palaeosinopa benannt wurde, die gleichen Spezialanpassungen wie die Art aus Messel zeigen würde. Der Vergleich der Skelette ergab eine so weitgehende Übereinstimmung in den Anpassungen, dass man eine ganz ähnliche Lebensweise annehmen kann. Für einen semiaquatischen Fischräuber sprechen auch die Fischschuppen, die im Magen-Darmbereich gut sichtbar sind. Wenn Buxolestes aus Messel und Palaeosinopa aus Wyoming sich in der speziellen Lebensweise so sehr ähneln, kann man annehmen, dass die ganze Gruppe der Pantolestiden in ähnlicher Weise angepasst war.
Abb. 3 Das erste Skelett von einem Pantolestiden (Palaeosinopa) aus Nordamerika, aus dem ehemaligen Fossil Lake bei Kemmerer in Wyoming (Privatbesitz, Abguss u.a. im Hessischen Landemuseum, Darmstadt). Inzwischen sind die fischotterartigen Pantolestiden nicht mehr die einzigen Formen die im Fossil Lake und in Messel vorkommen. Säugetiere mit einer anderen, ebenfalls sehr ungewöhnlichen Anpassung sind die Apatemyiden, die man auch zu den Insektenfressern im weitesten Sinne stellt, oder als eigene (ausgestorbene) Ordnung ansieht. Zähne dieser Tiere, die sehr kräftige Schneidezähne und vielspitzige Backenzähne haben, sind seit langem bekannt. Auskunft über die Lebensweise konnten aber erst die Skelettfunde aus Messel geben. Die kleinen Tiere, deren Körper etwa 18 cm lang ist, und die einen langen Schwanz haben, gehören zur Gattung Heterohyus und lebten in Bäumen. Auffallend sind ganz ungewöhnlich verlängerte Finger, was diesem Tier den Spitznamen "Langfinger" eintrug. Verlängert sind aber nicht alle Finger, sondern nur der zweite und dritte. Auch bei Fingergliedern gibt es erhebliche Unterschiede, während der erste und zweite Fingerknochen extrem verlängert ist, ist der dritte mit der Kralle ganz kurz. Man braucht nicht lange zu rätseln, wozu derartige Finger gebraucht werden, denn unter den heutigen Säugetieren gibt es zwei Formen, die eine ganz ähnliche Verlängerung bestimmter Finger aufweisen. Ein Lemur aus Madagaskar, das Aye-Aye oder Fingertier, sowie ein Beuteltier aus Neu-Guinea benutzen diese Finger, um Insektenlarven aus den Ritzen der Baumrinde oder aus morschem Holz herauszuangeln. Wie bei den Apatemyiden ist das letzte Fingerglied kurz, denn es muss in der Enge der Ritzen eingewinkelt werden können, um die Beute herauszuziehen. Trotz der funktionellen Ähnlichkeit in den Fingern haben die Apatemyiden, der Lemur und das Beuteltier diese Anpassungen unabhängig voneinander entwickelt, was sich daran ablesen lässt, dass jeweils andere Finger verlängert wurden. Bei den Apatemyiden sind die kräftigen Schneidezähne sehr hilfreich, um das Holz aufzureißen und die schneidenden Vorbackenzähne, um die fetten Larven der Holzinsekten zu zerteilen. Bei einem der Exemplare aus Messel ist sogar ein Teil des Körperschattens erhalten, der einen buschigen Schwanz erkennen lässt.
Abb. 4 Am Skelett des Apatemyiden (Heterohyus nanus) aus Messel, sind die verlängerten Finger gut zu erkennen (Hessisches Landesmuseum, Darmstadt). Von diesen Apatemyiden gibt es aus Nordamerika viele Zahnfunde, aber aus dem Plattenkalk vom Fossil Lake liegt das erste vollständige Skelett aus Nordamerika vor. Geradezu, als ob der Fischreichtum der Fundschicht betont werden sollte, liegt eine kleine Knightia mit auf der gleichen Platte. Dieser Apatemyide aus der namengebenden Gattung Apatemys gleicht dem Tier aus Messel wiederum weitgehend. Es hat einen ähnlich schweren Schädel, eine entsprechende Bezahnung und fast die gleichen Körperproportionen. Leider ist die Platte bei der Bergung zerbrochen, so dass gerade die Details aus der Handwurzel verloren sind. Aber die Finger sind gut erkennbar und lassen die Verlängerung des zweiten und dritten Strahls mit den kleinen Krallen eindeutig erkennen. Sogar die Knochenhöcker für die Bänder, die Schlaufen für die starken Sehnen bildeten, sind Dank der vorzüglichen Erhaltung an den Fingerknochen sichtbar. Vergleicht man aber die Länge der Finger, so zeigt sich, dass die von Apatemys deutlich kürzer waren als die von Heterohyus aus Messel. Nun sind die Schichten von Fossil Butte etwa 5 Millionen Jahre älter, und in dieser Zeit können sich die Apatemyiden durchaus weiterentwickelt haben.
Abb. 5 Das Skelett von Apatemys aus dem Fossil Lake von Wyoming zeigt den großen Schädel mit dem starken Gebiss, vor allem aber die verlängerten Finger, die für diese Gruppe charakteristisch sind (Privatbesitz, Abguss u.a. im Hessischen Landemuseum Darmstadt) Die verblüffende Ähnlichkeit zwischen den Pantolestiden und Apatemyiden aus Messel und Wyoming werfen Fragen auf. Zum einen muss verständlich gemacht werden, warum so ähnliche Formen beiderseits des Atlantiks vorkommen. Zum anderen ist es erstaunlich, dass sich die Pantolestiden so ähnlich geblieben sind, während die Apatemyiden in der gleichen Zeit eine fortschreitende Evolution zeigen. Schließlich bleibt zu fragen, warum beide Gruppen, die so hervorragend angepasst waren, ausgestorben sind. Im Alttertiär gab es den Atlantik zwar bereits, aber an der Wende vom Paleozän zum Eozän lassen sich auf beiden Seiten des Ozeans ganz ähnliche Gattungen unter den Landtieren feststellen. Man muss daher für diese Zeit einen intensiven Faunenaustausch postulieren. Nach den Rekonstruktionen der Kontinentalverschiebung kommt eine Landverbindung aber nur zwischen Grönland und Skandinavien in Betracht. Nach allem was wir wissen, muss sie sogar nördlich des Polarkreises gelegen haben. Auf den ersten Blick mag man vielleicht einen Faunenaustausch so weit im Norden für unmöglich halten, aber entsprechende Faunenfunde gibt es aus Ellesmere Island, einer Insel nordwestlich von Grönland. Obwohl diese Inseln auch im Paleozän ähnlich weit im Norden lagen, sind dort für diese Zeit nicht nur Wälder sondern sogar Krokodile überliefert. Dabei muss man bedenken, dass die Pole im Eozän noch nicht vergletschert waren und für das Eozän ein ausgesprochenes greenhouse-Klima anzunehmen ist. Es gab zwar auch eine Verbindung von Nordamerika nach Asien, aber im Westen Asiens versperrte ein breites Meer, das von Norden nach Süden den Kontinent überflutete, den Weg für Landtiere. Zu Beginn des Untereozäns war dieser Faunenaustausch möglich und aus diesem Erbe stammen auch die Gemeinsamkeiten in der Säugetierfauna von Messel und Wyoming. In der Folgezeit, als die Landverbindung nicht mehr existierte, entwickelten sich die Gruppen auf beiden Seiten des Ozeans unabhängig voneinander weiter. Konservative Formen, wie die Pantolestiden, veränderten sich gar nicht oder sehr langsam, während sich andere, wie die Apatemyiden, deutlich schneller veränderten. Bekanntlich läuft die Evolution in den einzelnen Gruppen mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit ab. So sind die Fledermäuse aus Fossil Butte und Messel kaum von den modernen Fledermäusen zu unterscheiden, während die kleinen Urpferdchen und erst recht die Primaten noch einen langen Weg vor sich hatten. Gründe für das Aussterben der einen oder anderen Form sind nur schwer mit hinreichender Sicherheit anzugeben. Aber aus der Einnischung kann man Rückschlüsse ziehen. Die Pantolestiden waren sicher im Gebiss und besonders in der Gehirnentwicklung den späteren echten Raubtieren unterlegen. Daran kann es gelegen haben, dass die Pantolestiden aus ihrer Nische, die sie für viele Millionen Jahre besetzt hielten, verdrängt wurden. Die Apatemyiden hatten eine sehr ergiebige Nische besetzt und Holzinsekten erbeutet. Heute beuten die Spechte diese Nahrungsquelle aus. Die beiden rezenten Säugetiere, die diese Nische noch innehaben, leben auf Inseln, wo es keine Spechte gab. Daraus könnte man schließen, dass es, solange die Apatemyiden verbreitet waren, noch keine Spechte gab. Das lässt sich z.B. in der recht reichen Vogelfauna von Messel prüfen. Es gab zwar Spechtverwandte, die hatten aber noch keinen so starken Schnabel wie die heutigen, und dürften sich noch nicht auf die Holzinsekten spezialisiert haben. Fossilien auszugraben kann sehr spannend sein, aber der folgende Schritt, sie als Zeugnisse der Erdgeschichte zu betrachten, bietet oft noch größere Überraschungen, weil sie einen nachprüfbaren Einblick in das Gesamtgeschehen der Evolution bieten. Literatur: Koenigswald, W.v. Rose, K. D., Grande, L. & Martin, R. D. (2005): Die Lebensweise eozäner Säugetiere (Pantolestidae und Apatemyidae) aus Messel (Europa) im Vergleich zu neuen Skelettfunden aus dem Fossil Butte Member von Wyoming. - Geologisches Jahrbuch Hessen, 132: 43-52; Wiesbaden. Einzigartig und dennoch ausgestorben - Die Schachtelhalm-Giganten des PermsRonny Rößler, Chemnitz erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2006 Heft 2 März/April Die Schachtelhalmgewächse sind im Verlauf der Erdgeschichte ohne Zweifel eine der erfolgreichsten, aber gleichzeitig auch eine der rätselhaftesten Gruppen unter den Gefäßpflanzen. Unübersehbare konstruktive Gemeinsamkeiten bei den fossilen und rezenten Sphenopsiden schließen Vielgestaltigkeit nicht aus. Die attraktiven Annularia-Blätter oder Calamostachys-Fruktifikationen sind nicht nur dem Paläontologen ein Begriff und bilden seit über 300 Jahren einen beliebten Gegenstand für Sammler und Forscher gleichermaßen (Barthel 2004); ja sie gehören zu den häufigsten Fossilresten aus dem Karbon und Perm weltweit. Sicher inspiriert durch den möglichen Vergleich mit heute lebenden Schachtelhalmen fehlen die Calamiten, baumförmige Schachtelhalmgewächse des Erdaltertums, in keiner Lebensraum-Rekonstruktion, wenngleich eine echte Vervollkommnung der zeichnerischen- und Modellrekonstruktionen nur in sehr kleinen Schritten voran schreitet. Vorstellungen zu ihrer Wuchsform beruhen in der Mehrzahl auf den weit verbreiteten Abdruck-Erhaltungen ihrer Marksteinkerne (Sedimentfüllungen der Markhohlräume) und auf Coal Balls aus dem Oberkarbon des paläoäquatorialen Florengürtels (Daviero & Lecoustre 2000). Letztere sind fossilreiche Dolomit-Konkretionen, die in den vom Meer beeinflussten Kohlenmooren der nördlichen Hemisphäre gebildet wurden. Sie sind für die herausragende, dreidimensionale Erhaltung der Zell- und Gewebestrukturen ihrer fossilen Reste bekannt und durch einfach herzustellende Peels der mikroskopischen Untersuchung zugänglich (Rothwell 2002). Allein ihre geringe Größe schränkt den Erkenntnisgewinn über die baumförmigen Riesen so weit ein, dass bei isolierten Achsenfragmenten häufig nicht einmal zu entscheiden ist, ob es sich um juvenile Hauptachsen oder Verzweigungen unterschiedlicher Ordnung handelt. Viele anatomische Merkmale (siehe Abb. 1), die häufig zur Abgrenzung von Arten herangezogen wurden, haben sich als zu variabel, umweltabhängig und damit denkbar ungeeignet für taxonomische Belange erwiesen. Dazu gehören das Verhältnis Markhöhle/Stammdurchmesser, die Länge der Internodien, die Größe der Carinalkanäle, das Ausmaß des Sekundärzuwachses, die Anzahl der Holzfaszikel, die Wandstruktur der Tracheiden, der Aufbau der interfaszikularen Markstrahlen und der Parenchymanteil des Holzes.
Abb. 1 Prinzipskizze eines Calamiten-Stammstückes.
Der Zweifel am Bekannten als Antrieb
Abb. 2 Reizvolle Landschaft am Rio Tocantins - Fundgebiet des permischen versteinerten Waldes im Norden Brasiliens.
Das wissenschaftliche Potenzial versteinerter Wälder
Abb. 3 Arthropitys sp. mit verholzten Seitenzweigen und Zweignarben, Perm von Tocantins/Brasilien. Der Überlieferung der Fossilreste nahe dem Wuchsort der Pflanzen verdanken wir, dass einige dieser Seitensprosse sogar noch am Stamm ansitzen. Darüber hinaus finden wir die zahlreichen Narben krautiger (?saisonaler) und sicher beblätterter Zweige an einzelnen Knoten. Während letztere von der Peripherie des Markraumes durch das gesamte Holz hindurch zu verfolgen sind und sich dabei allmählich vergrößern, ist von den starken, verholzten Seitensprossen im Markraum noch nichts zu sehen. Sie entstehen meist aus einem Markstrahl inmitten des Holzmantels. Somit sind jene massiven Seitensprosse, die die Biomechanik der Pflanze am nachhaltigsten beeinflusst haben dürften, weder am Marksteinkern noch im marknahen Holz der permischen Calamiten erkennbar. Aber gerade die Abdruck-Erhaltungsformen bildeten über Jahrzehnte die Datenbasis für die bekannten zeichnerischen und Modell-Rekonstruktionen. Darüber muss man nun neu nachdenken. Möglicherweise wurden die krautigen Zweige periodisch abgeworfen und wiederholt gebildet. Diese Anpassung wäre ein Hinweis auf saisonale Klimabedingungen und hier insbesondere auf periodische Trockenzeiten. Einen anderen Hinweis auf wechselnde Temperatur und Feuchte fanden wir sowohl in Calamiten aus Tocantins, als auch an jenen aus Chemnitz: Zuwachszonen, d.h. konzentrisch angeordnete Unregelmäßigkeiten im Durchmesser der Holzzellen, die beim sekundären Dickenwachstum entstehen (Abb. 4). Wenngleich diese nicht streng genommen als Jahresringe gedeutet werden müssen, unterstützen sie doch die anderen genannten Hinweise auf klimatische Zyklizität im Perm.
Abb. 4 Zuwachszonen (Pfeile) bei Arthropitys cf. bistriata - Indikatoren für klimatische Zyklizität, Perm von Chemnitz.
Neuigkeiten von der Typuslokalität
Abb. 5 Arthropitys ezonata Göppert, der größte Calamit der Welt, Perm von Chemnitz. Der im Querschnitt recht homogen wirkende, bis 35 cm dicke Holzmantel zeigt im Tangentialschnitt eine weitere Überraschung: Das insgesamt sehr lockere, großlumige Holz dieser Bäume enthält einen hohen, bis zu 50% betragenden Anteil Parenchym (Abb. 6). Dieses saftige Speichergewebe suggeriert die Möglichkeit der Pflanze, auch trockenere Phasen durch eine gewisse "Sukkulenz" überdauert zu haben. Aber welchen Vorteil brachte das Riesenwachstum für die Pflanze noch? Zumindest war mit der Vergrößerung des Individualalters eine Vervielfachung der Reproduktionsmöglichkeiten verbunden - eine Chance, die zur Erhaltung der Art erforderliche Reproduktionsrate auch unter erschwerten Bedingungen einer gestressten Umwelt zu garantieren. Hier gibt es Parallelen zu anderen permischen Pflanzengruppen, wie beispielsweise den Medullosen, einer Gruppe baumförmiger Farnsamer. Auch bei ihnen zeigen die letzten (permischen) Vertreter der bis dahin sehr erfolgreichen und innovativen Pteridospermen-Familie die Ausbildung mächtiger Holzstämme und damit eine Tendenz zur Erhöhung ihres Individualalters. All diese Merkmale, die variablen Verzweigungstypen mit einerseits permanenten und andererseits saisonal hinfälligen Seitenzweigen sowie die "Sukkulenz", die übrigens bei mehreren Arthropitys-Formen zu beobachten ist, dürften als Anpassungen an ein insgesamt dynamischeres Environment im unteren Perm zu interpretieren sein. Die permischen Calamiten waren demnach in ökologischer Hinsicht viel toleranter und anpassungsfähiger, als es ihre karbonischen Vorfahren an ihren monotonen, sumpfigen Uferstandorten nötig hatten.
Abb. 6 Der Tangentialschnitt von A. ezonata zeigt den hohen Anteil Parenchym (PC) im Vergleich zu den Tracheiden (T) des Holzes.
Es ist, was eigentlich nicht sein darf
Abb. 7 Arthropitys sp., basaler Stamm mit sprossbürtigen Adventivwurzeln (W) unterschiedlicher Dimension, Perm von Tocantins/Brasilien.
Konsequenzen aus der Sammelleidenschaft Literatur PD Dr. Ronny Rößler Museum für Naturkunde, Moritzstraße 20, D-09111 Chemnitz Dr. Beringer und die Würzburger Lügenstein-AffaireBirgit Niebuhr erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2006 Heft 1 Januar/Februar Die Geschehnisse um Dr. Johann Bartholomäus Adam Beringer im Würzburg des frühen 18. Jahrhunderts werden bestimmt bis zum Ende einer historischen Wissenschaftsbetrachtung als die berühmteste Fossilfälschungsaffaire in den Lehrbüchern verankert bleiben. Wohl alle angehenden Geologen und Paläontologen bekommen die Geschichte erzählt - leider meistens falsch. Wie es wirklich war, ist von einem Wust an Spekulationen und Verleumdungen so sehr überkleistert, dass eine präzise Rekonstruktion der Ereignisse in den Jahren 1725 und 1726 kaum mehr möglich sein wird. Bis heute werden die alten Geschichten, die sich um Beringer und seine als "Lügensteine" bezeichneten Muschelkalk-Figuren ranken, gebetsmühlenartig repetiert. |
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Die Fama Vereinfacht stellt sich die üblicherweise erzählte Geschichte so dar: Im Jahr 1725 war der Hobby-Paläontologe Beringer zum einen Leibarzt des Fürstbischofs und Chef des renommierten Julius-Spitals, zum anderen Professor für Medizin an der Universität Würzburg. Zwei seiner Kollegen, der Mathematiker Roderique und der Bibliothekar und Geheimrat Eckhart, waren der selbstherrlichen Art Beringers überdrüssig und entwickelten einen ausgefuchsten Plan: Von drei jungen Burschen ließen sie Fälschungen von Versteinerungen aus lokalem Kalkstein herstellen. Diese Fossilfälschungen zeigten ziemlich ungewöhnliche "Erhaltungen". Es gab Vögel mit ihren Eiern, Schnecken und Muscheln, in denen scheinbar der Weichkörper erhalten blieb, Spinnen, die noch in ihrem Netz saßen, oder auch Blüten, die gerade von Insekten besucht wurden. Daneben "fand" man immer kuriosere Objekte wie Kometen mit Schweif, Sonnen mit menschlichen Gesichtern und schließlich sogar Platten mit hebräischen Schriftzeichen. Eine alternative Fassung besagt, dass die drei Burschen zu der Untat von Roderique als einem geheimen Verehrer der Frau Beringer angestiftet worden seien. Ende des 19. Jahrhunderts schmückte August Demmin das Geschehen besonders phantasievoll aus: Töpfer sollen die Figurensteine aus weißem Ton geformt und anschließend gebrannt haben. Der Chef der Bande musste dafür ein halbes Jahr in den Kerker. Besonders pikant daran ist, dass August Demmin selbst einen Lügenstein in seiner Sammlung hatte! Karl von Zittel vertrat etwa 20 Jahre später die Ansicht, es habe sich schlicht um einen Studentenulk gehandelt. |
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Dramatis personae Die Lügenstein-Affäre hat vier Haupt- und vier Nebendarsteller: Der tragische Held des Dramas, Johann Bartholomäus Adam Beringer, wurde vermutlich 1667 in Würzburg geboren und war ein waschechter Franke. Bereits sein Vater war Medizin-Professor und Chefarzt am Würzburger Julius-Spital gewesen, und der Sohn folgte ihm fast zwangsläufig nach. Eine Studienreise ins niederländische Leiden blieb die weiteste Reise seines Lebens. Ab und an klingen in der Lithographiae Wirceburgensis Komplexe an, die denjenigen ereilen, für den alles Fremde zugleich erstrebenswert und bedrohlich wirkt. Beringer starb ungefähr 70-jährig im Frühjahr 1738.
Die Corpora Delicti Die ersten Figurensteine (kursiv: Zitate) soll Beringer am Fronleichnamstag (dem 31. Mai) des Jahres 1725 erhalten haben. Er war so begeistert, dass er die beiden Hehn-Brüder und Zänger zwischen Juni und November intensiv am "Fundort", dem Monte Eivelstadiano, graben ließ. In 15 nationalen und internationalen Sammlungen (Würzburg, Bamberg, Erlangen, München, Schleusingen, Jena, Waldenburg, Marbach am Neckar, Stuttgart, Köln, Haarlem/Niederlande, Oxford/England, Graz/Österreich) sind heute 434 der Corpora Delicti wieder gefunden worden, von weiteren 60 verschollenen Lügensteinen existieren Fotos bzw. eine Zeichnung. Unter diesen 494 Lügensteinen sind 89 Originale, die auch auf den Kupferstich-Tafeln der Lithographiae Wirceburgensis abgebildet sind. Recherchen ergaben, dass Beringer sicher über 600, möglicherweise auch 1 100 Exemplare gehabt hat. Ob es jedoch jemals die von ihm angegebenen etwa 2 000 Figurensteine gab, ist aufgrund des kurzen zur Verfügung stehenden Herstellungszeitraumes anzuzweifeln. Alle Lügensteine sind aus Lesesteinen des Oberen Muschelkalk hergestellt worden. Die Lithographiae Wirceburgensis Beringer begann die Lithographiae Wirceburgensis zu schreiben, als die Zahl der gefundenen Figurensteine noch kräftig anstieg. Die hervorragend gearbeiteten 21 Tafeln, auf denen der Kupferstecher Puschner 204 verschiedenen Stücke abgebildet hat, müssen im Winter 1725/1726 - als Roderique nach Würzburg kam - bereits fertig gewesen sein. Diese Lügensteine werden auch als "erste Generation" bezeichnet.
Das Nachspiel Und die Moral von der Geschicht'? In den Verhören gaben die drei Eibelstadter Burschen lediglich zu, Beringer Figurensteine verkauft zu haben, aber nicht, sie hergestellt zu haben. Die Corpora Delicti selbst zeigen auch Tiere und Pflanzen, die sie gar nicht kennen konnten, es sei denn, sie hatten Zugang zu Naturwissenschaftsbüchern. Auch sind einige der Lügensteine so detailliert gearbeitet, dass bestimmt auch Steinmetze mit von der Partie waren. Es ist anzunehmen, dass die Hersteller kein Hebräisch konnten, und den Stein mit Beringers Namen hat es wohl nie gegeben.
Herausgegeben vom Verein "Freunde der Würzburger Geowissenschaften", Universität Würzburg, Pleicherwall 1, D-97070 Würzburg: Beringer, J. B. A. & Hueber, G. L.: Lithographiae Wirceburgensis. Nachdruck der 1. Auflage von 1726 mit 10 S. Zueignung und 5 S. Corollaria Medica von G. L. Hueber sowie 98 S., 22 Taf. und 1 S. Erratum von J. B. A. Beringer. - Beringeria Sonderheft 5, Teil I; Würzburg 2005. Alle abgebildeten Lügensteine sind im Institut für Geologie der Universität Würzburg zu bewundern. Fotos: B. Niebuhr. Vergessene Welt: Süßwassermuscheln aus der Oberkreide von NordamerikaHenning Scholz, Joseph H. Hartman erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2005 Heft 6 November/Dezember Die bisher erschienenen Jurassic Park Filme haben nicht nur einen Dinosaurierboom ausgelöst bzw. forciert. Sie haben auch Fossilfundstellen in den Badlands von Montana berühmt gemacht, die so gar nichts mit dem Jura zu tun haben. Gemeint sind die Fundstellen von T. rex und Co. in der oberkretazischen Hell Creek Formation. Weit weniger bekannt sind die fossilen Süßwassermuscheln der Ordnung Unionoida, die aber gerade in Montana außergewöhnlich häufig und sehr wichtig sind. Immerhin geben sie weiteren Aufschluss über die Vorgänge am Ende der Kreidezeit und damit auch über das Ende der Dinosaurier. Unionoide Muscheln, Dinosaurier und das Ende der Kreide Die Süßwassermuscheln der Ordnung Unionoida sind heute ein überaus wichtiger Bestandteil der Fauna unserer Flüsse und Seen. Sie filtern große Mengen an Wasser und entziehen dem Wasser somit Schweb- und Schadstoffe. Deshalb werden weltweit derzeit große Anstrengungen unternommen, den Fortbestand der Arten zu sichern. Verglichen mit dem Forschungsaufwand von Biologen ist das Interesse von Paläontologen an dieser Tiergruppe weitaus geringer. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: unionoide Muscheln sind schlecht erhaltungsfähig und in der Regel nicht besonders attraktiv. Doch es gibt Ausnahmen: in der oberkretazischen Hell Creek Formation im Norden der USA (Abb. 1 und 2) sind unionoide Muscheln sehr gut erhalten. Außerdem ist die Arten- und Formenvielfalt der Muscheln außergewöhnlich hoch (Abb. 3). Schon allein das ist Grund genug, sich mit diesen Fossilien etwas näher zu beschäftigen. Das eigentlich Besondere aber ist die Tatsache, dass die Muscheln in den gleichen Gesteinen vorkommen, wie die - abgesehen von den Vögeln - letzten Dinosaurier der Erde. Darüberhinaus geht die oberkretazische Hell Creek Formation in den Bundesstaaten Montana und North Dakota kontinuierlich in die paläozäne Fort Union Formation über. Man hat hier also die Möglichkeit, den Übergang von der Kreide ins Tertiär und damit das Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreide und den Aufschwung der Säugetiere im Tertiär im Detail zu untersuchen. Die unionoiden Muscheln sind dabei sehr wichtig, kann man doch mit ihnen nicht nur die Umweltbedingungen rekonstruieren, sondern auch mögliche Ursachen des Massenaussterbens bewerten.
Abb.1. Lage des Williston Becken im Norden der USA. Der überwiegende Teil des Beckens wird von Sedimenten des Paläozän gebildet (gelb). In der Umrandung dieser Sedimente sind die Gesteine der Oberkreide aufgeschlossen (grün).
Abb.2. Die Badlands südlich des Fort Peck Stausees aus der Luft: menschenleere Einöde soweit das Auge reicht. Kaum vorstellbar, dass vor etwas mehr als 65 Millionen Jahren "blühende Landschaften" Dinosauriern und Muscheln das Überleben sicherten (Foto: H. Scholz).
Abb. 3. Sieben aus etwa 35 Unionoidenarten der Hell Creek (A-E) und Fort Union Formationen (F-G) des Williston Becken: A Plesielliptio brachyopisthus (White, 1876), B Plesielliptio stantoni (White, 1905), C Proparreysia pyramidatoides (Whitfield, 1907), D Proparreysia retusoides (Whitfield, 1903), E Proparreysia percorrugata (Whitfield, 1903), F Unio sp. A, G Unio sp. B (Fotos: H. Scholz und J.H. Hartman). Das Hell Creek Projekt in Montana John R. "Jack" Horner, Dinosaurierforscher und wissenschaftlicher Berater bei der Produktion der Jurassic Park Filme, ist der Vater des aktuellen Hell Creek Projekts. Seit 1999 sucht und gräbt er mit seinem Team von der Universität in Bozeman (Montana) im Osten des Bundesstaates nach Dinosauriern. Was diese Truppe dort leistet, ist beachtlich: In den Badlands südlich und nördlich des Missouri müssen lange Fußmärsche durch unwegsames und menschenleeres Gelände bergauf und bergab bewältigt werden, um auch nur einen Dinosaurierknochen zu finden. Doch die Mühe lohnt sich, seit Beginn der Kampagne hat die Gruppe um Jack Horner insgesamt 31 Dinosaurierskelette finden und bergen können. Allein 8 dieser Skelette gehören zu Tyrannosaurus rex. Zum Glück für uns wurden aber nicht nur Dinosaurier gefunden, sondern auch andere Fossilien. Schilllagen sind im Gelände besonders auffällig: das Perlmutt der großen Muschelschalen glänzt in der Sonne und erleichtert somit deren Entdeckung (Abb. 4). Auf diese Weise wurden allein in dem relativ kleinen Gebiet östlich und westlich des Hell Creek zwischen Jordan und dem Fort Peck Stausee 136 Schalenlagen gefunden. Im Juni 2003 hatten wir zum letzten Mal Gelegenheit, im Hell Creek Gebiet zu arbeiten und Muscheln zu sammeln. Es war eine außerordentlich spektakuläre Geländekampagne. Jack Horner hatte es geschafft, einen Sponsor für einen Helikopter zu finden. Das Fluggerät war natürlich in erster Linie dafür da, die Ausrüstung der Dinosauriergräber in die entlegensten Winkel der Badlands zu fliegen. Aber auch uns ersparte er stundenlange Märsche mit schwerbeladenen Rucksäcken (Abb. 5). So konnten wir sehr effektiv arbeiten - manchmal 12 Stunden am Stück - und sehr viel Material sammeln. Ein weiterer Glücksfall für uns war die Anwesenheit von James Schmitt von der Universität von Montana, der uns als Sedimentolge wertvolle Hinweise zum Ablagerungsraum geben konnte.
Abb. 4. Unionoidenschalen und Dinosaurierknochen im Gelände: die glänzenden und glitzernden Stücke sind freigewitterte Schalen, die im gleichen Gestein vorkommen, wie die Knochen (Foto: J.H. Hartman).
Abb. 5. Ein Helikopter als Geländefahrzeug: während unserer Geländearbeit im Jahr 2003 setzte uns der Pilot mitten im Nirgendwo aus um uns abends schwerbeladen wieder einzusammeln (Foto: J.H. Hartman). Die Schalen der Muscheln als Spiegel ihrer Umwelt Seit mehr als einem Jahrhundert ist die Abhängigkeit der Schalenmorphologie unionoider Muscheln von den Umweltbedingungen bekannt. Unterschiedliche Strömungsbedingungen und Unterschiede in der zeitlichen und räumlichen Stabilität der Habitate führen zur Ausbildung ganz unterschiedlicher Schalenformen innerhalb einer Art. Neben der Schalenmorphologie werden aber auch die Faunenzusammensetzung und Artenvielfalt von der Strömung und der Habitatstabilität beeinflusst. Im Mississippi und seinen großen Zuflüssen (Missouri, Ohio, Tennessee) zum Beispiel, einem der größten und ältesten Flusssysteme der Erde, lebt heute mit über 200 Arten die artenreichste Unionoidenfauna der Welt. Dieses Wissen über die Zusammenhänge zwischen Schalenmorphologie bzw. Artenvielfalt und Umwelt in heutigen Flusssystemen konnten wir nutzen, um die Umweltbedingungen und deren Änderungen im Kreide-Tertiär Intervall zu rekonstruieren. Die Gesteine der Hell Creek Formation sind als Ablagerungen des Mittellaufes eines großen und alten mäandrierenden Flusssystems zu betrachten. Die Hauptrinne des Flusses ist durch eine hochdiverse Muschelfauna gekennzeichnet. Insgesamt lassen sich 19 Arten sicher diesem Lebensraum zuordnen. In den kleineren Neben- und Zuflüssen leben nur sehr wenige Arten (2-3), die zudem in der Hauptrinne nicht vorkommen. Neben den Flussrinnen gibt es auch kleinere Seen, in denen nur eine einzige Muschelart lebt. Noch vor dem Ende der Kreide ändert sich dieses Bild: Die gesamte Fauna verschwindet und wird von einer anderen Fauna ersetzt, die sehr viel artenärmer ist. Es ist also noch vor dem Ende der Kreide und damit auch vor dem Einschlag des Chicxulub-Meteoriten etwas passiert, dass die Muschelfauna zerstört hat und sicher auch an den Dinosauriern nicht spurlos vorübergegangen ist. Neben klimatischen Änderungen als Folge des Deccan-Trapp Vulkanismus in Indien und Gebirgsbildungsprozessen in den heutigen Rocky Mountains haben wir einen Meeresvorstoß ins Innere von Nordamerika als Verursacher identifiziert. Bis weit nach North Dakota hinein hat das Cannonball Meer im Kreide-Tertiär Intervall das Land überflutet und das stabile Ökosystem des Hell Creek Flusssystems der Oberkreide gestört. Der Meteoriteneinschlag am Ende der Kreide war also nicht die Hauptursache für den Faunenwechsel bei den Unionoida. Er hat das zerstörerische Werk der Cannonball Transgression jedoch vollendet und eine Erholung der Fauna verhindert. Es hat viele Millionen Jahre gedauert, bis sich die Muscheln davon erholt hatten und sich zur artenreichsten Unionoidenfauna weltweit entwickelten: die Fauna des Mississippi. Doch das Artensterben beginnt erneut, diesmal ohne Transgressionen und extraterrestrische Phänomene, diesmal sind wir Menschen selbst schuld daran. Durch Umweltverschmutzung und Staudämme verändern wir die Habitate der Muscheln nachhaltig und sehr zum Nachteil der Muscheln. Dabei ist das heutige Artensterben in seinem Muster und seinen Konsequenzen durchaus mit dem Artensterben vor etwas mehr als 65 Millionen Jahren vergleichbar. Unsere Arbeit hat deutlich gezeigt, dass wir nicht nur aus der Gegenwart lernen können, um ehemalige Ökosysteme der Vergangenheit der Erde zu rekonstruieren, sondern dass wir auch aus der Vergangenheit lernen müssen, um bestehende Ökosysteme zu erhalten und zu schützen. Wichtige Literatur: Hartman, J.H. (1998): The biostratigraphy and paleontology of Latest Cretaceous and Paleocene freshwater bivalves from the Western Williston Basin, Montana, U.S.A. In: Johnston, P.A. & Haggart, J.W. (Hrsg.). Bivalves: An eon of evolution: University of Calgary, Calgary, S. 317-345. Hartman, J.H., Johnson, K.R. & Nichols, D.J., Hrsg. (2002): The Hell Creek Formation and the Cretaceous-Tertiary boundary in the northern Great Plains: An integrated continental record of the end of the Cretaceous. Geological Society of America, Boulder. Russell, L.S. (1976): Pelecypods of the Hell Creek Formation (Uppermost Cretaceous) of Garfield County, Montana. Canadian Journal of Earth Sciences 13: 365-388. Seelilien aus der Obertrias von Guanling in Süd-China (Provinz Guizhou)Hans Hagdorn, Ingelfingen erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2005 Heft 5 September/Oktober Die Fossillagerstätte in den Schwarzschiefern der Xiaowa-Formation von Guanling aus der frühen Obertrias (Wende Ladinium / Karnium) öffnet ein Fenster zu einer fremdartigen Lebewelt, deren Reste außergewöhnlich gut erhalten sind. Aus dieser Zeit vor ca. 230 Millionen Jahren gibt es sonst weltweit keine Lagerstätte, die Vergleichbares bietet. Den Xiaowa-Schwarzschiefern kommt deshalb erhebliche Bedeutung zu, nicht nur für die Erd- und Lebensgeschichte Chinas, sondern der ganzen Welt. Zeitgleich wurde in Mitteleuropa in einem ausgedehnten Flusssystem der Schilfsandstein abgelagert, der historische Bausandstein Heilbronns und Stuttgarts, und in den Südalpen wuchsen mächtige Dolomitriffe heran.
Abb. 1: Traumatocrinus-Kronen mit je vier Hauptarmen und zahlreichen endotom abzweigenden Nebenarmen pro Strahl. Der Stiel zeigt die Gliederung in etwas dickere Nodalia und mehrere Serien von Internodalia; zwischen den Stielgliedern öffnen sich die Poren, welchen die Seelilie ihren früheren Namen Porocrinus verdankt. Von außen nicht zu sehen sind die Kanäle, welche den Seelilienstiel der Länge nach durchziehen. Xiaowa-Schwarzschieferformation, Guanling County, Provinz Guizhou, China.
Ihre Weltgeltung verdanken die Xiaowa-Schwarzschiefer von Guanling den außergewöhnlich gut und vollständig erhaltenen Fossilien. Bei den Wirbeltieren sind dies Ichthyosaurier der Familie Shastasauridae, welche für die Stammesgeschichte dieser Reptilien besondere Bedeutung haben, gepanzerte Pflasterzahnsaurier (Cyamodontoidea) und die sonst äußerst seltenen Thalattosaurier, die aus Guanling in beachtlicher Diversität und in zahlreichen vollständigen Funden vorliegen. Fische sind vergleichsweise selten. Nicht weniger spektakulär sind die Wirbellosen mit ganzen Kolonien driftender Seelilien; die Schwarzschiefer lieferten die weltweit am besten und vollständigsten erhaltenen Vertreter der Gattung Traumatocrinus, außerdem zusammenhängende Reste winzige Schwebcrinoiden (Gattung Osteocrinus, Somphocrinidae). Alle anderen Traumatocrinus-Vorkommen (Österreich, Rumänien, Türkei, Iran, Afghanistan, Indonesien, Timor, USA) haben bisher nur fragmentarisches Material geliefert. Die Funde von Guanling gestatten die detaillierte Beschreibung des ganzen Tieres, einschließlich seiner Entwicklungsstadien und innerartlicher Variabilität.
Abb. 2: Drei Meter langes Treibholz (abgedeckt) mit einer Traumatocrinus-Kolonie; die Stiele der größten Individuen sind länger als acht Meter. Konturen mit Kreide nachgezeichnet. Wolong Gong, Guanling County.
Die Familie Traumatocrinidae ist eine spezialisierte Gruppe der artikulaten Crinoiden, die sich in der ausgehenden Mitteltrias aus den z. B. im Muschelkalk häufigen Encriniden entwickelt hat. Während diese am Meeresboden lebten, begannen die Traumatocriniden Treibhölzer zu besiedeln und konnten auf diese Weise die oberen Wasserschichten auch in solchen Meeren bewohnen, deren Bodenwasser durch Faulschlamm vergiftet war. Derartige Bedingungen herrschten im unteren Karnium im Zentralbereich des Tethys-Meeres am SW-Rand der Yangtse-Plattform in einem Riftbecken, dem Ablagerungstrog von Guanling. Unter normalen Bedingungen wären die gegliederten Skelette der Stachelhäuter und der Reptilien am Meeresboden rasch zerfallen, doch wenn die Tiere erst einmal in den lebensfeindlichen Faulschlamm gesunken waren, wurden sie nicht mehr von Aasfressern zerrissen, sondern von Bakterienmatten versiegelt. So sind in Guanling komplette Seelilienkolonien mitsamt ihren Treibholz-Flößen perfekt konserviert worden. Darunter sind Tiere mit Stielen, die bis zu 11 m Länge erreichten, die damit zu den größten Wirbellosen überhaupt gehören. Die im gemeinsamen Projekt angelaufene Erforschung der Schwarzschiefer erlaubt Rückschlüsse auf den Nahrungserwerb und die Fortpflanzungsstrategien der Traumatocriniden und auf die Vorgänge, die zu ihrer Einbettung im Faulschlamm führten.
Abb. 3: Subtropischer Kegelkarst mit Höhlen, unterirdischen Flussläufen und Wasserfällen kennzeichnet die Gebirgslandschaft im Guanling County. Auf dem Wolong Gong, dem Hügel, wo der Drache schläft, streichen die Xiaowa-Schwarzschiefer aus. Hier soll ein paläontologisches Museum entstehen.
Für die Paläontologie Baden-Württembergs besonders spannend wird diese Geschichte, weil die Xiaowa-Schwarzschiefer ihr perfektes Gegenstück im Posidonienschiefer des Albvorlandes finden, nur dass dieser 50 Millionen Jahre jünger ist, also Einblicke in ein anderes Zeitfenster öffnet. Wie in Guanling gibt es in den schwäbischen Juraschichten Meeresreptilien, Fische, Ammoniten - und die riesigen Crinoidenkolonien, die gleichfalls an Treibhölzern hingen. Diese Seelilien der Gattungen Seirocrinus und Pentacrinites sind jedoch Abkömmlinge der mitteltriassischen Holocriniden, die ab der höheren Obertrias (Norium) mit ihrer ähnlichen Spezialisierung ähnliche Anpassungen mitmachten und dabei ihre Gestalt in ähnlicher Weise veränderten - ein Musterbeispiel biologischer Konvergenz. Spannend ist auch, wie sich die ökologische Nische "Driften an Treibholz" durch die Zeiten verändert hat. Die Nische öffnete sich, als zu Beginn der Obertrias Hölzer von hinreichender Größe verfügbar waren, und sie schloss sich, als die Bohrmuscheln ihre Entwicklung nahmen und dafür sorgten, dass Treibholz nur für begrenzte Zeit im Meer driftete, bis es ausgehöhlt war und schwerere Fracht nicht mehr tragen konnte. In Guanling - wie auch in Holzmaden - spielen Interaktionen mit byssaten Muscheln der Gattung Daonella herein, die gleichfalls an den Hölzern hingen und die mit ihrem Gewicht das Absinken der Hölzer beschleunigten. Das Projekt - In gemeinschaftlicher Feldarbeit im Sommer 2002 und 2004 wurde im Rahmen des chinesisch-europäischen Projekts "The Triassic Guanling Fossil Lagerstätten" in Guanling County an den offenen Fragen gearbeitet, die weiteren Aufschluss zur Entstehung der Lagerstätte und zur Paläobiologie der Fauna brachten. Im August 2004 besuchte eine Delegation von chinesischen Wissenschaftlern und Politikern aus Guanling und vom Geologischen Institut Yichang (Provinz Hubei) Museen und Forschungsstätten in Deutschland. Im Steinbruch des Zementwerks Dotternhausen bei Balingen verschaffte man sich ein Bild vom schwäbischen Posidonienschiefer. Wie man in Deutschland Fossilien birgt, präpariert, konserviert und schließlich in Museen einem anspruchsvollen Publikum präsentiert, konnten die Gäste aus China im Muschelkalkmuseum Ingelfingen, im Werkforum Dotternhausen, vor allem aber im Senckenbergmuseum in Frankfurt und im Löwentormuseum in Stuttgart studieren. Von diesen Naturkundemuseen von internationalem Rang sind an die chinesischen Partner auch Angebote ausgesprochen worden, geschickte junge Leute aus China in allen Techniken hier in Deutschland auszubilden, damit sie später in ihrer Heimat die Bergung, Präparation und Präsentation von Großfossilien aus Guanling professionell organisieren und ausführen können. Mit dem Bau eines Museums auf der Lagerstätte am Drachenhügel Wolong Gong plant man eine touristische Attraktion zu schaffen, die der märchenhaften Karstlandschaft mit ihren Höhlen und Wasserfällen im "Guanling National Geological Park of Fossil Biota Guizhou Province" viele Besucher bringen soll. Koordiniert wird das Projekt von Prof. Dr. Wang Xiaofeng vom Yichang Institute of Geology and Mineral Resources, aus dessen Institut weitere Wissenschaftler beteiligt sind, außerdem Paläontologen aus den Fossilschutz-Behörden des Guanling County. Europäische Partner sind als Sedimentologe Prof. Dr. Gerhard H. Bachmann vom Geowissenschaftlichen Institut der Universität Halle/Saale, als Spezialist für marine Reptilien PD Dr. Martin Sander vom Paläontologischen Institut der Universität Bonn, als Spezialist für fossile Fische Dr. Gilles Cuny vom Naturhistorischen Museum Kopenhagen (Dänemark) und Dr. Hans Hagdorn vom Muschelkalkmuseum Ingelfingen als Experte für triassische Seelilien. Das Projekt ist auf mehrere Jahre ausgelegt und wird von deutscher Seite durch die genannten Institutionen und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft durch Reisemittel unterstützt. Hier in Deutschland haben die Alberti-Stiftung, die Stiftung Würth Künzelsau, die Bürkert Werke Ingelfingen und die Sparkasse Hohenlohekreis sowie die Universität Halle-Wittenberg das Projekt gefördert.
Abb. 4: Das chinesisch-europäische Forschungsteam mit Projektleiter Prof. Wang Xiaofeng (Dritter von rechts). Survival of the fattest - der Gigantismus der sauropoden DinosaurierOliver Rauhut erscheint in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2005 Heft 4 Juli/August Die Größe ist eines der herausstechenden Merkmale der Dinosaurier. Innerhalb der Dinosaurier ist es insbesondere die Gruppe der Langhalssaurier, der Sauropoden, die die absoluten Superlative hervorgebracht hat. Allerdings sind die Gründe für dieses Riesenwachstum und die Frage, wie diese Giganten biomechanisch und physiologisch funktionierten, bisher nur unbefriedigend erforscht. Eine neue Forschergruppe der DFG, an der in einem interdisziplinären Ansatz Paläontologen, Physiologen, Biomechaniker, Materialwissenschaftler und Zoologen von sieben Universitäten in drei Ländern beteiligt sind, soll nun mehr Licht auf diese Fragen werfen. Die größten Landwirbeltiere der Erdgeschichte Bei dem Namen "Dinosaurier" denkt selbst der Laie unwillkürlich an riesige Geschöpfe - und wirklich lassen viele dieser Tiere selbst die größten heutigen Landbewohner - Elefanten und Giraffen - wie Zwerge aussehen. Körperlängen von über zehn Metern, Gewichte, bei denen fünf Tonnen und mehr keine Seltenheit sind, beflügeln die Phantasie der Menschen und sprengen in vielerlei Hinsicht oft unsere Vorstellungskraft. Doch selbst innerhalb der großen Dinosaurier gibt es in Bezug auf die Körpergröße noch gewaltige Unterschiede. Obwohl viele verschiedene Entwicklungslinien riesige Vertreter hervorgebracht haben, erreichen die größten Tiere bei den meisten höchstens bis zu zehn Tonnen Gewicht. Nur eine Gruppe sticht hier nochmals besonders hervor: Die Sauropoden scheinen bei zehn Metern Länge und etwa acht Tonnen Gewicht gerade erst anzufangen und ihre größten Vertreter erreichten geradezu unvorstellbare Ausmaße von vermutlich über einhundert Tonnen Gewicht. Diese Größen liegen tatsächlich schon nahe am Limit dessen, was für landlebende Wirbeltiere theoretisch überhaupt möglich erscheint; die Größengrenze dieser Tiere ist anhand von physiologischen und biomechanischen Untersuchungen bei etwa einhundertfünfzig Tonnen Gewicht anzunehmen (Hokkanen 1986). Die oft gestellte Frage, welcher Dinosaurier denn nun der größte war, ist übrigens schwer zu beantworten. Dies liegt zum einen daran, daß von den größten Tieren meist nur Fragmente gefunden werden, zum anderen aber auch daran, daß offenbar verschiedene Gruppen der Sauropoden unabhängig voneinander extreme Giganten von ähnlichen Ausmaßen hervorgebracht haben. So dürften die längsten Sauropoden vermutlich bei den Diplodociden zu suchen sein, so etwa Seismosaurus, der vermutlich 40 m oder mehr in Länge erreichte, während die höchsten Sauropoden eher bei den Brachiosauriden zu finden sind, bei denen einzelne Knochen darauf hindeuten, daß die größten Tiere ihren Kopf in Höhen von 17 m oder mehr trugen. Was den Rekord in Hinsicht auf das Körpergewicht angeht, so ist der Titanosaurier Argentinosaurus mit geschätzten 100-120 t ein heisser Kandidat (Abb. 1), obwohl es gerade innerhalb der Titanosaurier mehrere gigantische Vertreter gibt.
Abb. 1: Vorderbeine und vorderer Rückenwirbel eines der größten Sauropoden, Argentinosaurus, aus der Kreide Patagoniens im Museo Paleontológico Egidio Feruglio in Trelew, Argentinien. Foto: Kristian Remes. Das Problem des Gigantismus Die Körpergröße beeinflusst die Biologie eines Lebewesens ganz gewaltig vom Wachstum über die Biomechanik und die Physiologie bis hin zur Reproduktion. Warum das so ist, wird verständlich, wenn man sich eine einfache mathematische Relation vor Augen führt: Ein Volumen wächst im Kubik, während eine Fläche (also etwa ein Querschnitt einer dreidimensionalen Struktur) nur im Quadrat zunimmt. Somit wächst also bei zunehmender Größe eines Tieres das Gewicht rascher als etwa der Querschnitt der Knochen, die dieses Gewicht zu tragen haben, oder jener der Luftröhre und der Blutgefäße, die die Gewebe versorgen müssen. Auch die Kraft eines Muskels ergibt sich hauptsächlich aus seinem Querschnitt. Man kann also ein kleines Tier nicht einfach skaliert vergrößern, sondern in vielen Organsystemen müssen Umbauten vorgenommen werden, um die Funktion eines größeren Tieres zu garantieren. Somit stellt sich für die extreme Größe vieler Sauropoden die Frage, wie diese Tiere überhaupt funktionieren konnten. Wie konnten sich diese Tiere fortbewegen? Wie schafften sie es, einen ausreichenden Blutdruck zu erzeugen, um den gewaltigen Körper mit Blut zu versorgen, aber ohne daß die feinen Äderchen, etwa die Kapillaren im Gehirn, unter diesem Druck platzten? Wie überwanden die Riesen den gewaltigen Totraum ihrer teilweise zehn Meter langen Luftröhre, um dennoch frische Luft in die Lungen zu kriegen? Obwohl die gigantischen Sauropoden seit nunmehr mehr als hundert Jahren der Wissenschaft bekannt sind, sind viele dieser Fragen bisher immer noch nicht befriedigend beantwortet. Ein Problem dabei ist natürlich, daß es sich um eine nachkommenlos ausgestorbene Gruppe handelt, so daß wir nur auf ihre überlieferten Knochen und Vergleiche mit heutigen großen Tieren angewiesen sind. Darüber hinaus können uns aber natürlich auch ihre nächsten lebenden Verwandten (Krokodile und Vögel) wichtige Daten liefern. Mögliche Lösungen für Multitonnen-Giganten Wie schafften es diese Riesen also nun, mit ihrem Gigantismus umzugehen? Obwohl diese Frage wie gesagt noch nicht abschließend geklärt ist, gibt es verschiedene Lösungsansätze und Ideen dazu. In den siebziger Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, daß unsere alten Vorstellungen von den Sauropoden als amphibische Lebewesen, die ihr Gewicht praktisch nur im Wasser stehend tragen konnten, falsch ist und es sich bei dieser Gruppe durchaus um Bewohner des festen Landes handelt. Biomechanische Untersuchungen unterstützten diese Erkenntnis: Die Beine der Giganten waren nicht nur durchaus in der Lage, das enorme Gewicht zu stüzen und zu bewegen, sondern, in einigen Gruppen, sogar stark genug, eine kurzzeitige zweibeinige Position auszuhalten (Alexander 1989). Weitere Unterstützung kam von der Untersuchung fossiler Fussspuren, die zeigen, daß Sauropoden sich zwar normalerweise langsam, aber doch effektiv auf dem trockenen Land fortbewegen konnten (siehe Upchurch, Barrett & Dodson 2004). Eine Besonderheit der Sauropoden ist zudem die Leichtbauweise, in der insbesondere ihre Wirbelsäule verwirklicht ist (Abb. 2). Die Neuralbögen der Wirbel bestehen fast ausschließlich aus dünnen Knochenlamellen, die die hauptsächlich belasteten Regionen miteinander verbinden und sowohl die Wirbelkörper als auch die Neuralbögen sind weitgehend ausgehöhlt und der eigentliche Knochen nur auf dünne Knochenwände beschränkt. Schon lange hatten Wissenschaftler vermutet, daß diese Hohlräume Luftgefüllt gewesen sind und diese Vermutung wurde in letzter Zeit von mehreren detaillierten Untersuchungen bestätigt (z. B. Wedel 2003). Dies hat natürlich eine Auswirkung auf unsere Gewichtsschätzungen von Sauropoden: Bei einer üblichen Methode wird das Körpervolumen der Tiere ermittelt und dann mit der angenommenen durchschnittlichen Dichte des Gewebes multipliziert, um das Gewicht zu erlangen (z. B. Alexander 1989). Früher wurde dabei normalerweise die Dichte von Krokodilgewebe (etwa 1g/cm3) zugrunde gelegt. Das ermittelte Gewicht sinkt jedoch deutlich, wenn man, aufgrund eines hohen Anteiles luftgefüllter Knochen, wie er etwa bei heutigen Vögeln vorkommt, eine niedrigere Dichte annimmt, wie etwa 0,8-0,9g/cm3, was der durchschnittlichen Dichte des Gewebes vieler Vögel entspricht. Somit waren viele der Giganten vermutlich deutlich leichter, als man früher angenommen hat.
Abb. 2: Leichtbauweise der Wirbel der Sauropoden, am Beispiel von Rückenwirbeln von Tehuelchesaurus. Deutlich erkennbar sind die großen Öffnungen in den Wirbelkörpern, die in große Hohlräume im Inneren des Wirbels führen, sowie das Leistensystem des Neuralbogens. Foto: Oliver Rauhut. Die luftgefüllten Knochen könnten auch noch einen Hinweis für die Lösung eines anderen Rätsels geben - das der Atmung der Sauropoden. Bei den Vögeln sind diese Hohlräume direkt mit der Lunge verbunden, von der daneben noch weitere, große Luftsäcke ausgehen, die eine wichtige Rolle bei der Atmung spielen. Vögel haben nämlich eine im heutigen Tierreich einmalige Durchstromlunge, durch die, durch ein ausgeklügeltes Luftsacksystem immer nur in eine Richtung und immer frische Luft strömt, egal ob das Tier ein- oder ausatmet (Abb. 3). Dadurch ist die Vogellunge in Hinsicht auf den Gasaustausch deutlich effektiver als etwa eine Säugetier- oder Reptilienlunge. Sollten die Hohlräume in den Knochen der Sauropoden auch auf eine solche Durchstromlunge hinweisen, wie es einige Forscher vermuten (z. B. Perry & Reuter 1999), so würde dies gleich mehrere Probleme lösen, so etwa die Frage nach einer effektiven Versorgung des Körpers mit Sauerstoff oder das Problem des zu überwindenden Totraumes in der Luftröhre beim Atmen. Zudem würde ein solches Luftsacksystem natürlich auch bei anderen physiologischen Vorgängen eine große Rolle spielen, etwa beim Abführen von überschüssiger Körperwärme.
Abb. 3: Prinzip der Durchstromlunge der Vögel beim ein- (A) und ausatmen (B). Die Luftsäcke (große Ovale) werden ventiliert, der Luftstrom passiert die Lunge nur in eine Richtung und führt immer frische Luft (hellblau). Die Frage des Blutdruckes ist deutlich schwerer zu beantworten, da hier praktisch das gesamte Organsystem aus Muskel- und Bindegewebe besteht, das nicht fossil erhaltungsfähig ist. Um überhaupt die nötige Blutmenge mit dem nötigen Druck in den Körper zu pumpen, muß das Herz dieser Titanen riesig gewesen sein - nach einer Berechnung von Gunga et al. (1999) muß das Herz des Berliner Brachiosaurus mindestens 386 kg schwer gewesen sein und in etwa 14-15 Schlägen pro Minute jeweils 17,4 l Blut in die Arterien gepumpt haben. Das gesamte Blutvolumen dieses Riesen muss demnach bei über 3600 l gelegen haben. Um zu erklären, warum insbesondere die zarten Hirnäderchen nicht durch den gewaltigen Blutdruck platzten, mag die heutige Giraffe als mögliches Modell dienen. Bei der Giraffe sorgt ein sogenanntes "Wundernetz" (rete mirabele) dafür, daß sich das Blut vor dem Eindringen in die Kapillaren auf zahlreiche Blutgefäße aufteilt und dadurch abgebremst wird. Eine ähnliche Anpassung kann man somit auch für Sauropoden annehmen. Woher kamen die Giganten? Neben der Frage, wie diese Riesen biomechanisch und physiologisch funktionierten ist natürlich auch der Ursprung und die evolutive Geschichte dieses Gigantismus von großem Interesse. Wir wissen inzwischen, daß die Dinosaurier nicht als Riesen begonnen haben; die ältesten bekannten Vertreter ihrer Stammlinie waren kleine und schlanke Tiere, wie etwa Marasuchus aus der mittleren Trias Argentiniens, der nur etwa 40 cm lang war und vermutlich weniger als 1 kg wog. Zudem waren diese Tiere biped, so daß die Quadrupedie bei den Sauropoden offenbar sekundär ist. Wie und warum wurden nun aus diesen kleinen, schnellen, bipeden Fleischfressern die gigantischen, quadrupeden, pflanzenfressenden Sauropoden? Der Fossilbericht und neue Methoden der Rekonstruktion der Phylogenie der Dinosaurier haben in den letzten Jahren geholfen, einige Muster in der Evolution zu den Sauropoden zu erkennen. Auf der Entwicklungslinie der Sauropoden, bei den früher gemeinhin als "Prosauropoden" zusammengefassten Formen, ist zunächst eine offenbar graduelle Größenzunahme festzustellen, die mit einer zunehmenden Spezialisierung auf eine herbivore Ernährungsweise einhergeht. Dies ist an sich nichts ungewöhnliches; generell tendieren Pflanzenfresser dazu, größer zu werden als die Fleischfresser (auch heute sind die größten landlebenden Säugetiere ausnahmslos Pflanzenfresser). Neben der Erklärung, daß Pflanzen, trotz ihres niedrigeren Energiewertes, einfacher und in größeren Mengen zur Verfügung stehen als Beutetiere und somit einfacher ein Größenwachstum erlauben, hat die Größe für Pflanzenfresser zahlreiche Vorteile: Sie bietet Schutz vor kleineren Raubtieren, ermöglicht die Erschließung von mehr Nahrungsquellen (insbesondere bei Tieren mit langen Hälsen, wie etwa den Sauropoden) und schafft Platz für große Verdauungstrakte, die zum Aufschluss der harten Pflanzennahrung von Vorteil sind. Bei den basalen Sauropodomorphen kam es nun also zu einer Umstellung von ursprünglichen Fleischfressern, über Allesfresser, zu spezialisierten Pflanzenfressern. Mit zunehmender Größe ließen sich die ursprünglich bipeden Tiere dann auch wieder auf alle Viere nieder, bei großen basalen Formen, wie etwa dem "schwäbischen Lindwurm" Plateosaurus, zunächst wohl nur zum langsamen Schreiten und Äsen, bei fortschrittlicheren Gruppen, wie den Sauropoden, dann permanent. Damit wandelten sich natürlich auch die Extremitäten deutlich um; die Langknochen wurden massiger, gestreckt und verloren ihre ursprüngliche Krümmung, die ursprünglich als Greiforgan ausgebildete Hand wurde vereinfacht und zu einer gewichtstragenden, säulenförmigen Struktur umgewandelt (Abb. 4). Schließlich kam es dann an der Basis der Sauropoden zu einer raschen Größenzunahme; schon aus dem unteren Jura sind Tiere von mehr als zehn Meter Länge und mehreren Tonnen Gewicht bekannt (Abb. 5).
Abb. 4: Vorderbein eines basalen Sauropodomorphen und eines Sauropoden im Vergleich. Links Arm mit Greifhand von Plateosaurus (im Institut und Museum für Geologie und Paläontologie der Universität Tübingen). Rechts Säulenbein von Diplodocus (im Museum of Natural History in Denver, USA). Fotos: Oliver Rauhut.
Abb. 5: Ein früher Riese: Kotasaurus aus der unterjurassischen Kota Formation Indiens im Birla Science Center in Hyderabad, Indien. Foto: Oliver Rauhut. Während wir bei dem "wie" also schon einige Vorstellungen haben, ist das "warum" natürlich ungleich schwerer zu beantworten. Viele verschiedene Erklärungsversuche sind hier schon gemacht worden, darunter einige, die den Gigantismus auf äußere Einflüsse zurückführen (z. B. höherer Sauerstoffgehalt der Luft im Mesozoikum; besonders nährstoffreiche Pflanzen) und andere, die Besonderheiten der Dinosaurier aufführen (z. B. Schlüsselanpassungen, wie etwa eine Durchstromlunge; eventuell pathologische Überfunktion der Schilddrüse). Die Erklärungen durch äußere Einflüsse haben alle einen Schwachpunkt: Sie erklären nicht, warum nur die Sauropoden eine Größenordnung größer waren als jegliche anderen Tiere des Mesozoikum und warum ein solch extremer Gigantismus bei keiner anderen Gruppe vorkommt, während er bei Sauropoden offenbar eher die Regel war und sogar in verschiedenen Gruppen unabhängig voneinander zu ähnlichen Extremen führte. Somit müssen neben eventuellen äußeren Einflüssen auf jeden Fall auch innere Mechanismen bei diesem Größenwachstum eine Rolle gespielt haben. Ausblick: Weitere Erforschung des Gigantismus der Sauropoden Obwohl somit unser Wissen und unser Verständnis der Sauropoden als lebende Organismen in den letzten Jahren und Jahrzehnten rasch zugenommen hat, bleiben viele unbeantwortete Fragen. Auf Initiative von Dr. Martin Sander vom Paläontologischen Institut der Universität Bonn ist letztes Jahr eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Forschergruppe zustande gekommen, in der zum ersten Mal das gesamte Phänomen des Gigantismus der Sauropoden und seine Evolution durch eine Integration von Daten aus der Paläontologie, der Biomechanik und der Physiologie untersucht werden wird. Die Ansätze der insgesamt 12 Arbeitsgruppen sind vielfältig, so untersucht z. B. Martin Sander mit seiner Gruppe an der Universität Bonn das Wachstum der Sauropen anhand ihrer Knochenhistologie, während die Forscher um Marcus Clauss von der LMU München den Energiegehalt und die Verwertbarkeit mesozoischer Pflanzen genauer unter die Lupe nehmen, Thomas Tütken an der Universität Tübingen der Biologie der Sauropoden mit Hilfe von Isotopenuntersuchungen der Knochen auf die Spuren zu kommen versucht, mehrere Projekte, z.B. das von Andreas Christian in Flensburg, sich mit der Biomechanik des Skelettes der Sauropoden beschäftigen und Anke Pyzalla von der Technischen Universität Wien sich die Knochen der Giganten aus Sicht der Materialforschung betrachtet (für eine Übersicht über alle Projekte siehe http://www.sauropod-dinosaurs.uni-bonn.de). Meine Arbeitsgruppe an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie beschäftigt sich mit der detaillierten Evolution des Bauplanes der Sauropoden, von den kleinen, bipeden Dinosauriformen zu den Multitonnen-Giganten. Die gerade richtig in Fahrt kommende Forschung im Rahmen dieser Forschergruppe liefert sicher interessante neue Erkenntnisse, und wir können sicher sein, daß das letzte Wort über den Gigantismus der Sauropoden noch lange nicht gesprochen ist... Literatur Alexander, R.M. (1989): Dynamics of dinosaurs and other extinct giants. Columbia University Press, New York, 167 S. Karbonische Ammonoideen aus dem Anti-Atlas von MarokkoVolker Ebbighausen, Christian Klug, Dieter Korn/h3> erschienen in der Reihe Paläontologie aktuell in Fossilien 2005 Heft 3 Mai/Juni, S.144-146 Neue Funde karbonischer Ammonoideen aus Marokko erlauben uns, die Evolution und paläogeographische Verbreitung dieser Formen intensiver zu studieren und zu rekonstruieren. Sie geben Aufschluss über eine Blütezeit einer Organismengruppe, deren Hauptentfaltung sich unter anderem im heutigen Nordafrika vollzogen hat./div>
Abb. 1. Typische Landschaftsform im östlichen Anti-Atlas von Marokko, im Vordergrund eine Schichtstufe unterkarbonischer Kalksteine (Photo: D. Korn, Berlin). Eine Landschaft und ihre Fossilien
Abb. 2. Unterkarbonische Ammonoideen, wie sie im Gelände vorgefunden wurden (Photo: D. Korn, Berlin). Um es gleich vorweg zu nehmen: Alle diese Fragen können mit "ja" beantwortet werden. Das hat mehrere Gründe. Der Schwerpunkt der Forschungsaktivitäten lag bisher beim Studium devonischer Schichten und ihrem Forschungsinhalt; das Karbon wurde bislang stark vernachlässigt. Außerdem sind noch nicht alle Gegenden intensiv untersucht worden; besonders die aus militärischen Gründen unzugänglichen Gebiete enthalten mitunter "weiße Flecken". Aber genau diese waren das Ziel unserer Expeditionen: das Studium von karbonischen Sedimentgesteinen im militärisch kontrollierten Gebiet nahe der Grenze mit Algerien. Hier ist ohne eine persönliche Genehmigung der zuständigen Autoritäten, die nur bei guter Begründung erteilt wird, keine Forschung möglich. Wir sind daher den marokkanischen Behörden und dem Militär, die unser Forschungsvorhaben großzügig unterstützt haben, besonders zu Dank verpflichtet. Expedition in die marokkanische Sahara
Abb. 3. Unterkarbonische Mudmounds im Südöstlichen Anti-Atlas (Photo: D. Korn, Berlin). Es ist schon eigenartig, dass die Vorkommen von gut erhaltenen Vergesellschaftungen von Ammonoideen aus der jüngeren Visé-Stufe (Unterkarbon) auch von den kartierenden Geologen bisher so weitgehend unbemerkt geblieben sind. Das ist besonders erstaunlich, weil diese Fossilien mit 2 bis 12 cm Gehäusedurchmesser keineswegs klein sind und teilweise frei herausgewittert auf der Oberfläche liegen, wenngleich an sehr wenigen Stellen. Ihre eigentliche Entdeckung verdanken wir geologischen Profilaufnahmen im Jahr 1998, als wir eher zufällig auf die ersten Exemplare stießen. Dabei ist interessant, dass gerade die drei ersten Stücke die schönsten dort seither gefundenen Exemplare sind.
Abb. 4. Dombarites granofalcatus, coll. Klug 1998, aus Schichten der jüngsten Visé-Stufe (Photo: W. Gerber, Tübingen). Karbonische Ammonoideen als Forschungsobjekte Paläontologische Forschung beschränkt sich aber nicht allein auf die Suche und Bergung von Fossilien und deren Beschreibung. Wir versuchen, mit diesen Objekten, die zugegebenermaßen auch sehr schön anzusehen sind, Kenntnisse über die Lebensbedingungen in vergangenen Zeiten zu erlangen, über die biologische Evolution der früheren Lebewelt und über deren zeitliche und räumliche Verbreitung. Und genau das macht die neuen Funde so wertvoll für die Wissenschaft. Im Unterkarbon kam es zum Zusammenstoß der beiden Superkontinente Laurussia (im Norden gelegen, bestehend aus Nordamerika, Nordeuropa und weiten Teilen von Russland) und Gondwana (der riesige Südkontinent, bestehend aus dem heutigen Südamerika, Afrika, Indien, Australien und Antarktika). Während dieser lang andauernden Kollisionsphase, welche das Variszische Gebirge schuf, gab es noch ausgedehnte Schelfmeere an den Rändern der Kontinente. Hier lebten unter anderem die Ammonoideen, denen das Hauptaugenmerk unserer Untersuchung gilt. Im frühen Unterkarbon hatten relativ ähnliche Formen eine fast weltweite Verbreitung, zumindest in den tropischen Zonen. Mit zunehmender Annäherung der beiden Kontinente entstand mit dem Aufwölben der Varisziden eine Barriere, die das große Schelfgebiet von Nord-Gondwana von dem kleineren nordvariszischen Schelf, zu welchem zum Beispiel auch das Rheinische Schiefergebirge zu zählen ist, abtrennte. Die Konsequenz war ein zunehmender Provinzialismus der Ammonoideen-Faunen; in der späten Visé-Stufe gab es kaum noch Übereinstimmungen zwischen den Faunen aus beiden Regionen. Die neu entdeckten Vergesellschaftungen aus Marokko haben zwar dasselbe Alter wie bereits aus Mittel- und Nordeuropa bekannte Vorkommen, sind aber deutlich verschieden und ähneln eher den bereits aus dem Südural bekannten Faunen. Das späte Unterkarbon war eine Zeit, in der die Ammonoideen eine Blütezeit erlebten: Das gilt sowohl für die Diversität als auch für die morphologische Disparität, also für den Arten- und den Formenreichtum. Auch hier steuern die Neufunde aus Marokko zum Zuwachs der Kenntnisse bei: Während sich in der Vergangenheit umfangreiche Forschungsprojekte mit den Aussterbe-Ereignissen der Erdgeschichte beschäftigten, rücken heute die Paläobiogeographie und die Untersuchung von adaptiven Radiationen stärker in den Vordergrund des Interesses. Diese Untersuchungen werden im Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt. Albert Oppel (1831-1865) - ein viel zu kurzes Leben für die PaläontologieGünter Schweigert Der Paläontologe und Jura-Forscher Albert Oppel ist uns noch heute wohlbekannt, obwohl ihm nur ein kurzes Leben vergönnt war. Weit über die Wirbellosen der Jurazeit hinaus bekannt aber blieb Oppel sicherlich durch den von ihm eingeführten Begriff der Zone, einer deutlichen Verfeinerung der damals von Alcide d'Orbigny propagierten und ebenfalls noch heute gebräuchlichen erdgeschichtlichen Gliederung in Stufen. Und der kleine Weiler Pliensbach im Vorland der mittleren Schwäbischen Alb mit dem gleichnamigen Bach ist als Pliensbachium für eine Stufe des Unter-Jura bis heute international in aller Munde. Eine weitere Stufenbezeichnung des Jura, das Tithonium, fand ebenfalls internationale Anerkennung.
Kindheit und Jugend Beruf und Leidenschaft Quenstedt und Oppel - der autoritäre Lehrer und sein "missratener" Schüler Ob Riesenfrosch, ob Beutelthier. Zunächst mit seiner preisgekrönten Erstlingsarbeit noch ganz in den Fußstapfen seines Lehrers Quenstedt bleibend, betrat Oppel mit seinem zwar weit enger gefassten, aber trotz damals noch fehlender nomenklatorischer Richtlinien klarer definierten Artkonzept und seiner verfeinerten Gliederungsmethodik Neuland. Quenstedt hingegen vermochte sich nur schwer von einer einmal eingeschlagenen Richtung wieder abzuwenden und blieb in seiner Forschung außerdem weitest gehend dem Schwäbischen Jura verbunden. Zu persönlichen Diskussionen zwischen Quenstedt und Oppel ist es offenbar nie gekommen, und misstrauisch betrachtete der autoritäre Meister das Werk seines Schülers, ohne es je in seiner Bedeutung anzuerkennen. In seinem Spätwerk, den Ammoniten des Schwäbischen Jura (Quenstedt 1885-1888), wird noch immer die damals schon umstrittene und längst überholte Benennung der Arten mit mehr als zwei Namen verfochten. In diesem Werk wimmelt es von polemischen Seitenhieben und Sticheleien gegen den in seinen Augen missratenen "Zuhörer Oppel", dem er meistens völlig zu Unrecht fachlichen Unverstand unterstellt. Die Münchner Zeit Seine Arbeiten über den Jura machten Oppel rasch in ganz Europa bekannt, und so konnte es nicht ausbleiben, dass man versuchte, ihn aus München wegzulocken. Im Jahr 1860 erhielt er einen Ruf an die Universität Göttingen. Von Münchner Seite machte man jedoch ernsthafte Anstrengungen, ihn in München zu halten. Oppel wurde zunächst zum außerordentlichen Professor ernannt und sein Gehalt von 400 auf 1000 Gulden erhöht. Dank seiner vielfältigen persönlichen und brieflichen Kontakte gelang es ihm, bedeutende Sammlungen für das Münchner Museum zu erwerben, darunter die Oberndorfer'sche Sammlung aus dem Oberjura - mit dem berühmten Saurier Compsognathus - und aus der Kreide von Kelheim, die Sammlung von mesozoischen Ammoniten der Gebrüder Schlagintweit aus dem Himalaya und vor allem die Hohenegger'sche Sammlung. Ludwig Hohenegger war Bergwerksdirektor in Teschen (heute: Te¨in, Tschechien) und hatte eine über 100.000 Objekte umfassende Fossiliensammlung aus den Karpathen zusammengetragen. Oppel als Erforscher von Krebsen Familienleben und früher Tod Etwas mysteriös erscheint der allzu frühe, unerwartete Tod Albert Oppels. Im Spätherbst 1865 erkrankte seine Tochter Antonie, gerade als Anna Oppel für einige Tage ihre Mutter in Stuttgart besuchte, was ihr Mann wegen seiner Spannungen mit der Schwiegermutter nur sehr widerwillig erlaubt hatte. Trotz der fürsorglichen Pflege durch die Schwester der Mutter starb Antonie im Alter von nur 11 Monaten, noch ehe die Mutter nach München zurück eilen konnte. Offenbar schon in den vorangegangenen Monaten von der Arbeit in feuchten, unbeheizten Kellerräumen, wo Oppel die riesige Hohenegger'sche Sammlung ordnete, und weiteren beruflichen Belastungen, über die nichts Näheres bekannt wurde, geschwächt, erfasste ihn nur wenige Tage nach dem privaten Schicksalsschlag selbst ein "typhöses Fieber", das ihn aufs Krankenlager warf und dem er trotz aller ärztlicher Bemühungen und der aufopferungsvollen Pflege durch seine Frau und deren Schwester nach kaum zwei Wochen erlag. Er wurde unter großer Anteilnahme auf dem alten Münchner Südfriedhof bestattet. Oppels umfangreiche private Fossiliensammlung, aufbewahrt in 15 Schränken zu je 14 Schubladen, wurde nach seinem Tod für die stolze Summe von 10.000 Gulden vom bayerischen Staat erworben und befindet sich heute, leider stark dezimiert durch die Einwirkungen des 2. Weltkriegs, in der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München. Ohne Zweifel hätte Oppel noch manchen wertvollen Beitrag zur Paläontologie und insbesondere zu der damals heiß diskutierten Evolutionstheorie Charles Darwins beitragen können. Oppel hatte durchaus auch schon erkannt, dass Arten auseinander hervorgehen können und beabsichtigte sogar, dies anhand der liassischen Amaltheen und Pleuroceraten zu beweisen. Sein früher Tod hat die Ausarbeitung dieses und vieler weiterer Projekte verhindert, nur Weniges wurde noch von seinem Schüler Wilhelm Waagen und seinem Nachfolger Karl Alfred von Zittel vollendet. Dennoch sind seine Werke von so "nachhaltigem" Einfluss, dass wir bis heute seinen Weitblick und seine klare Art zu denken nur bewundern können. Landwirbeltiere aus dem Unterperm Europas: der Bromacker im Thüringer WaldJohannes Müller, Toronto, & Thomas Martens, Gotha Der Ursprung der Amnioten, jener Wirbeltiere, die ein von einer kalkigen Schale geschütztes Ei an Land legen und zu denen man in unserer heutigen Lebewelt die Säugetiere, Vögel, Krokodile, Schildkröten, Eidechsen und Schlangen rechnet, ist auch heute noch nicht vollständig geklärt. Umso wichtiger ist es, neue Fossilien aus der Zeit dieses Ursprungs im ausgehenden Erdaltertum zu finden. Der Bromacker bei Tambach-Dietharz im Thüringer Wald bietet eine solche Möglichkeit und erlaubt zudem einen für Europa bisher einzigartigen Blick in die Zusammensetzung der Landwirbeltierfauna des Unterperms vor ungefähr 290 Millionen Jahren.
Abb. 1. Der Bromacker-Aufschluß im Thüringer Wald. Die Funde stammen aus der zum unteren Oberrotliegend gerechneten Tambach-Formation, die sich aus einer bis zu 400 m mächtigen Abfolge aus Konglomeraten, Sandsteinen und Tonsteinen zusammensetzt. Die Fossilien selbst wurden jedoch fast ausschließlich in zwei massiven Sand- und Siltstein-Horizonten im oberen Teil des sog. Tambacher Sandsteins gefunden. Die heute noch als Erosionsrelikt nachweisbare Verbreitung der Tambach-Formation im Bereich des Thüringer Waldes deutet auf einen Ablagerungsraum mit einem Durchmesser von mindestens 20 km hin. Es handelte sich dabei um ein breites Hochlandbecken, dessen flaches Beckeninneres von einem weitverzweigten Flußsystem durchzogen wurde. Klimatisch gehörte die Region zu den nördlich des Äquators gelegenen randlichen Tropen, das Klima war demzufolge durch einen jahreszeitlichen Wechsel von Trocken- und Regenzeiten bei gleichbleibend hohen Temperaturen bestimmt.
Abb. 2. Zwei außerordentlich gut erhaltene Examplare des Tetrapoden Seymouria sanjuanensis. Diese Art war bis vor kurzem nur aus dem Perm von Nordamerika bekannt. Die im Bromacker vorgefundenen Wirbeltiere sind in der Regel vorzüglich erhalten und häufig noch in einem völlig zusammenhängenden Zustand. Derzeit wird angenommen, dass Tod und Einbettung ungefähr zur gleichen Zeit erfolgten, vermutlich bedingt durch saisonale Regenfälle, deren Fluten viele der im Becken lebenden Tiere töteten und unmittelbar begruben. Die Faunenelemente des Bromackers zeigen oftmals sehr enge Beziehungen zu zeitgleichen Fundstellen in Nordamerika. Unter den nicht-amnioten Wirbeltieren finden sich temnospondyle Amphibien aus der Gruppe der Trematopiden (Tambachia trogallas) sowie mindestens ein bis zwei weitere, noch nicht näher bearbeitete Amphibienarten. Am häufigsten sind jedoch die frühen Amnioten und ihre nächsten Verwandten im Bromacker anzutreffen: Sowohl seymouriamorphe als auch diadectomorphe Vertreter (Seymouria sanjuanensis, Diadectes absitus, Orobates pabsti) konnten bisher beschrieben werden, beide Gruppen stehen den Amnioten verwandtschaftlich sehr nahe. Insbesondere die wahrscheinlich pflanzenfressenden Diadectomorphen treten in erstaunlich hoher und weltweit einzigartiger Individuenzahl auf. Aber auch von den Amnioten selbst konnten mittlerweile Vertreter aller wichtigen Gruppen identifiziert werden. So gehört beispielsweise die erste jemals vom Bromacker neu beschriebene Wirbeltierart, der kleine, eidechsenähnliche Thuringothyris mahlendorffae, in die Gruppe der Eureptilien, zu denen man auch unsere heute lebenden Reptilien und die Dinosaurier rechnet. Besonders spektakuläre Funde sind zudem der ein Rückensegel tragende Räuber Dimetrodon (in diesem Fall handelt es sich um die neue, kleinwüchsige Art D. teutonis) sowie das grazile Reptil Eudibamus cursoris, welches als ältestes bekanntes Tier in der Lage war, im Zweifel nur auf seinen Hinterbeinen laufen zu können. Interessanterweise sind bislang keinerlei aquatische Wirbeltiere gefunden worden, der Bromacker ist in dieser Hinsicht einzigartig.
Abb. 3. Vorzüglich erhaltenes Skelett des kürzlich neu beschriebenen Diadectomorphen Orobates pabsti, welcher bisher nur im Bromacker gefunden wurde. Die Grabungen am Bromacker gehen immer noch voran, vornehmlich unter der Beteiligung nordamerikanischer Wissenschaftler vom Carnegie Museum Pittsburgh, der California State University of San Bernardino und der University of Toronto. In den zurückliegenden 10 Jahren wurden sowohl die Grabungs- als auch die Forschungsprojekte von der National Geographic Society und der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Letztere unterstützte die Aktivitäten am Bromacker durch ein von 1997-2001 gefördertes Projekt (Ma 1472/2-1, Ma 1472/2-2) und gegenwärtig durch ein im Rahmen des Emmy Noether-Programms laufendes Forschungsvorhaben (Mu 1760/2-1).
Abb. 4. Rekonstruktion des bisher nur vom Bromacker bekannten Reptils Eudibamus cursoris (Rekonstruktion von Diane Scott, Toronto). Anschrift der Verfasser: Dr. Johannes Müller, Department of Biology, University of Toronto at Mississauga, 3359 Mississauga Rd. N., Mississauga, ON L5L 1C6, Kanada. Email: jmuller@utm.utoronto.ca Dr. Thomas Martens, Museum der Natur Gotha, Parkallee 15, D-99867 Gotha. Email: Martens-MNG-Gotha-Kultur@t-online.de Weiterführende Literatur: Berman, D. S., Henrici, A. S., Sumida, S. S. & Martens, T. (2000): Redescription of Seymouria sanjuanensis (Seymouriamorpha) from the Lower Permian of Germany based on complete, mature specimens with a discussion of the paleoecology of the Bromacker locality assemblage. - Journal of Vertebrate Paleontology 20: 253-268. Klimaarchiv Posidonienschiefer von Dr. Manfred Jäger, DotternhausenZur Jura-Zeit war Mitteleuropa zum großen Teil vom Meer überflutet. Inseln waren zum Beispiel das Rheinische Schiefergebirge, das französische Zentralmassiv sowie Böhmen mit einer daran hängenden Landzunge in Südostbayern. Auf den Inseln wuchsen Nadelwälder, und Dinosaurier streiften umher. Das Klima war subtropisch. Im warmen, flachen Meer wimmelte es von verschiedenen Kopffüßern und Fischen - Nahrung für Krokodile und für die äußerlich an Delphine erinnernden Fischsaurier, die bis 15 m lang werden konnten. An der Meeresoberfläche driftete Treibholz, das daran angehefteten Muscheln und Seelilien als natürliches Floß diente. Seelilien sind Meerestiere, Verwandte der Seesterne und Seeigel. Mit ihrer grazilen, blütenähnlichen Armkrone filtern sie Plankton aus dem Wasser./div> Das war zur Zeit des Unteren Jura, genauer gesagt im Lias epsilon vor etwa 180 bis 185 Millionen Jahren. Heute liegen uns die Ablagerungen dieses längst vergangenen Meeres als Gestein vor - als sogenannter Posidonienschiefer. Der etwa 10 m dicke Posidonienschiefer besteht aus dunkelgrauen Mergeln, in die einige Kalksteinbänke und Kalksteinknollen, die sogenannten "Laibsteine", eingelagert sind. In Süddeutschland ist der Posidonienschiefer am Fuß der Schwäbischen und Fränkischen Alb weit verbreitet. Auch in Norddeutschland tritt er stellenweise zu Tage. Benannt wurde das Gestein nach der in manchen Schichten massenhaft vorkommenden Muschel Posidonomya, die heute allerdings Bositra heißt. Holzmaden und Dotternhausen, zwei kleine Orte am Fuß der Schwäbischen Alb, sind bekannt für Fossilfunde aus dem Posidonienschiefer. Am häufigsten sind Ammoniten, Belemniten und Muscheln, besonders imposant die großen, gut erhaltenen Fischsaurier, Krokodile, Fische und Seelilien. Im Wasser lebten zahllose winzige Plankton-Algen. Sie bildeten den Anfang der Nahrungskette, an deren Ende die Fischsaurier, Krokodile und Haifische standen. Die Reste der toten Plankton-Algen sanken zum Meeresboden. Dort herrschte die meiste Zeit Sauerstoffmangel. Daher wurde das abgesunkene organische Material nur unvollständig zersetzt. Von den Plankton-Algen blieb Kerogen übrig, das sind bitumenähnliche, energiereiche Kohlenwasserstoffe. Dort wo der Posidonienschiefer später tief in die Erdkruste versenkt und dabei erhitzt wurde, ist das feste Kerogen teilweise in flüssiges Erdöl umgewandelt worden, zum Beispiel im Pariser Becken und im Nordseebecken. Dem Sauerstoffmangel und dem giftigen Schwefelwasserstoff, der bei der Fäulnis entstand und zumindest zeitweise die Aasfresser vom Meeresboden fernhielt, ist auch die gute Erhaltung vieler fossiler Wirbeltierskelette zu verdanken. Bei den Fossilien handelt es sich überwiegend um Reste von aktiven Schwimmern, die sich zu Lebzeiten in den oberen, gut durchlüfteten Meeresregionen aufhielten. Bewohner des Meeresbodens dagegen konnten nicht existieren, abgesehen von Bakterien und einigen wenigen anspruchslosen Foraminiferen (Einzellern) und Muscheln, die kurze Phasen mit höherem Sauerstoffgehalt nutzten. Ausgangspunkt einer Erklärung, wie es zum Sauerstoffmangel am Meeresboden und zur Ablagerung des dunklen, kerogenhaltigen Posidonienschiefers kam, ist die Lage der Kontinente, Ozeane und Flachmeere sowie das Klima zur Zeit des Unteren Jura: Die Kontinente hingen noch als ein Riesenkontinent ("Pangäa") zusammen, der von einem riesigen Ozean umgeben war. In Europa gab es mehrere kleine Meeresbecken, die durch Inseln und Untiefen teilweise voneinander abgegrenzt waren. Das Meeresbecken von Süddeutschland lag auf 30 bis 40° nördlicher Breite. Die Wassertemperatur an der Meeresoberfläche betrug ca. 25 bis 30 °C - Temperaturen, bei denen sich Krokodile und riesige Fischsaurier wohlfühlten. Generell stieg der Meeresspiegel, von Schwankungen unterbrochen, langsam an. Die unausgewogene Verteilung - hier ein Riesenkontinent, dort ein Riesenozean - verursachte kräftige Hoch- und Tiefdruckgebiete und ein ausgeprägtes Monsun-Passat-Klima. Im Sommer wehte der Südwest-Monsun; es regnete kräftig. Flüsse brachten Süßwasser und Nährstoffe ins Meer, verringerten damit den Salzgehalt des Oberflächenwassers und förderten die Vermehrung der Plankton-Algen. Das wärmere, salzärmere Oberflächenwasser vermischte sich auf Grund seiner geringeren Dichte nicht mit dem Bodenwasser. Vom Ozean her strömte kaum frisches Wasser ein. Am Meeresboden wurde der Sauerstoff für den Abbau der abgesunkenen Algenmassen mehr oder weniger vollständig verbraucht. Im Winter wehte der trockene Nordost-Passat. Jetzt war die Verdunstung im süddeutschen Meeresbecken größer als der Zustrom von Süßwasser. Vom Ozean her konnte warmes Oberflächenwasser einströmen, abkühlen, absinken und so den Meeresboden mit sauerstoffhaltigem Wasser versorgen. Dieser winterliche Wasserzustrom vom Ozean und damit die Sauerstoffversorgung funktionierte am besten bei hohem Wasserspiegel, wenn die trennenden Schwellen bzw. Inseln teilweise überflutet waren. So lassen sich im Posidonienschiefer Schichtabschnitte unterscheiden, die bei hohem Meeresspiegel abgelagert wurden und relativ wenig Kerogen und Wirbeltierskelette enthalten, während andere mit hohem Kerogen-Gehalt und zahlreichen Wirbeltierskeletten bei niedrigem Meeresspiegel gebildet wurden. Dieses Modell wurde Ende der neunziger Jahre erarbeitet von einem Team des Instituts für Geologie und Paläontologie der Universität Tübingen, bestehend aus Prof. Dr. Wolfgang Oschmann (jetzt Frankfurt/Main), Dr. Hans-Joachim Röhl und Dr. Annette Schmid-Röhl. Die beiden zuletzt genannten untersuchten im Posidonienschiefer von Dotternhausen Schicht für Schicht die fossile Bodenfauna sowie den Gehalt an organischem und gesamtem Kohlenstoff, Schwefel und Stickstoff. Die Auswertung des umfangreichen Datenmaterials ergab unter anderem periodische Schwankungen in den Kohlenstoff-Kurven, die auf regelmäßige kleine Klimaschwankungen zurückgeführt werden. Diese wiederum beruhen auf gesetzmäßigen Veränderungen der Lage der Erdachse und der Form der Erdbahn um die Sonne, sogenannten "Milankovitch-Zyklen". So liefert uns der Posidonienschiefer Einsichten in die Lebewelt und das globale Klima vor mehr als 180 Millionen Jahren.
Fossilien des Posidonienschiefers im Museum: Abenteuer Wissenschaft: Auf der Jagd nach Fossilien des Posidonienschiefers |
Kopf und Vorderende des Rumpfes von einem Fischsaurier aus Holzmaden, Schwäbische Alb (Geowissenschaftliche Sammlung der Universität Bremen) |
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