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Paläontologische Forschung

Grabungsberichte



Ein pliozäner Kratersee mit fossilreichen Laminiten im südlichen Westerwald

In Ruppach-Goldhausen bei Montabaur liegt die Tongrube Maria der Sibelco-Deutschland GmbH. Sie steht schon länger in Abbau, ist aber geologisch bisher nicht näher bearbeitet worden. Nach einer Fundmeldung über Blätter durch den Privatmann Eberhard Klein/Wuppertal fanden mehrere Begehungen statt. Es sind verschiedene Formationen des Tertiär und Quartär anstehend:

Abfolge (Abb.1):

Quartär  
mehrere m Löß mit einer Lage Laacher See-Bims
Pliozän  
ca. 15 m Basalttuff, braun und gelb und stahlgrau, fällt mit 10° bis 45°nach Westen (Nordwand) bzw. mit 10° nach Osten ein (Südwestwand); innere Kraterfüllung von > 100 m Durchmesser; im Zentrum davon max. 4 m fossilführender Ton mit Diatomitlagen (Kratersee)
Breitscheid-Formation (Oligozän)  
0 bis 2 m Tuffite, bräunlich, horizontal gelagert, teils durchwurzelt
Arenberg-Formation (Oligozän)  
7 m Klebsand, weißgrau und gelb, teils rot gefrittet, selten mit Quarzit
5 m Klebsand, rosa („Magerton“)
4 m Klebsand, weiß („Magerton“)
1 m Klebsand mit mK-Quarzkies, gelblich bis bräunlich (Arenberg)
Bubenheim-Formation (Eozän)  
3 m Ton, grau, im oberen Bereich früher Kohle, darüber viel Markasit; Kohle keilt nach Norden aus
Lgd. > 6 m Ton, rosa und violett

Abb. 1: Überblick über die alttertiären Tone und Klebsande (hell gefärbt), überlagert von den dunkel gefärbten Vulkaniklastika (Foto: T. Schindler)

An drei Stellen können vulkanische Bildungen beobachtet werden. Am Nordwestrand der Tongrube liegt ein steil einfallender Schlot, der mit säulig abgesondertem Basalt gefüllt ist. Am Nordrand setzt den Klebsanden der Arenberg-Formation ein Schlot auf, der mächtige Vulkaniklastika gefördert hat. Nach einer phreato-magmatischen Schloträumungs-Phase, die helle Vulkaniklastika mit Devonklasten beinhaltet, wurden dunkle Schweißschlacken und Basalttuffe gefördert (Abb. 2). Der erhaltene Durchmesser des durch teils steil zum Ausbruchszentrum einfallenden Vulkaniklastika begrenzten inneren Kraters liegt bei > 100 m. Am nordöstlichen Rand der Tongrube sind in diese Vulkaniklastika Basalte intrudiert, die deutlich alteriert sind.

Abb. 2: Hell gefärbte Vulkaniklastika mit Nebengesteinsfragmenten, überlagert von dunklen verwitterten Schweißschlacken; Maßstab = 2 m (Foto: T. Schindler)

Über dem Ausbruchszentrum der Vulkaniklastika liegt eine grau gefärbte, offensichtlich lakustrine Abfolge (Abb. 3), die in Tonlaminiten die o. a. Blätter enthielt.

Abb. 3: Grau gefärbte Laminite des Seezentrums, überlagert von palustrinen kohligen Ablagerungen (Foto: T. Schindler)

Mit der Firmenleitung wurde eine Notbergung vereinbart, da die lakustrinen Sedimente in den aktuell zum Abräumen vorgesehenen Deckschichten liegen. Die Bergung wurde über drei Wochen mit bis zu 5 Grabungsteilnehmern auf einer Fahrsohle durchgeführt (Abb. 4). Sie ging im tiefsten Seeteil um, da die hangenden Teile durch eine aktive Hangrutschung nicht mehr im Verband waren.

Abb. 4: Grabung im Seezentrum (Foto: T. Schindler)

Die Seesedimente bestehen im Seezentrum aus Tonlaminiten mit wechselndem Siltgehalt, in die Silt-Turbidite (Tuffite) eingeschaltet sind. Bioturbation ist nur in Form vereinzelter Wurzeldurchbrüche zu beobachten. Zum Seerand (Kraterwall) schalten sich vermehrt grobklastische debris flows ein. Die Abfolge wird von dunkelgrauen kohligen Ablagerungen überlagert, die größere Holzstücke und einen Stubben enthalten (Abb. 5). Darüber folgen verwitterte Basalttuffe des Kraterwalls.

Abb. 5: Stubben (über der Person) in dunkelgrauen palustrinen Verlandungssedimenten (Foto: T. Schindler)

Aus den lakustrinen Ablagerungen konnte eine niedrig-diverse aquatische Flora und Fauna mit vielen terrestrischen Elementen geborgen werden.
Die aquatischen Elemente beschränken sich auf Cyanobakterien-Matten, Schilf, ?Seerosen, Diatomeen (nur unter dem Binokular nachgewiesen), Schwammnadeln, Reste von Schwammkörpern, Larven von Insekten (Abb. 6), Köcherfliegenköcher und Wasserwanzen. Dazu kommen Koprolithen von unbekannten Insektenfressern, Blattfressern (Abb. 7), benthivoren Elementen (Sandkoprolithen) sowie Bruchstücke phosphatischer Koprolithen unbekannter carnivorer Elemente (und unbekannter Beute!). Es liegt teils „Weichteilerhaltung“ vor (Larven, Abb. 6).

Abb. 6: Insektenlarve, PE 2009/5655-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 7: Koprolith mit Häcksel, ?Chitinresten und mineralischer Komponente; PW 2009/5084-LS (Foto: M. Poschmann)

Die terrestrischen Elemente sind vielgestaltig. Moos ist selten. Makropflanzen dominieren: Häcksel, Blätter (überwiegend Laubbäume, dazu Ginkgo; Abb. 8-11), Nadeln, Zapfen, Samen (Abb. 12), Äste (teils mit Blüten/Fruktifikationen; Abb. 13) sowie Holzstücke. Selten fanden wir auch Holzkohle. Daneben sind viele Insekten (Blattwanzen, Käfer, Hautflügler u. a.; Abb. 14-21) dokumentiert. Die Interaktion Insekten-Pflanzen ist durch Blattgallen nachgewiesen (Abb.22).

Abb. 8: unbestimmtes Blatt (Foto: M. Poschmann)

Abb. 9: Blatt von Aesculus sp. (Foto: M. Poschmann)

Abb. 10: Blatt von cf. Ulmus (Foto: M. Poschmann)

Abb. 11: Blatt von Ginkgo adiantoides (Foto: M. Poschmann)

Abb. 12: Hainbuchen-Flugsamen (Foto: M. Poschmann)

Abb. 13: Fruchtstand indet. (Foto: M. Poschmann)

Abb. 14: Baumwanze, PE 2009/5810-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 15: Baumwanze, PE 2009/5848a-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 16: Baumwanze, PE 2009/5848b-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 17: Käfer, PE 2009/5651-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 18: Käfer, PE 2009/5761-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 19: Käfer, PE 2009/5862-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 20: Hautflügler, PE 2009/5675-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 21: Insekt indet., PE 2009/5647-LS (Foto: M. Poschmann)

Abb. 22: Blatt mit Gallen (Foto: M. Poschmann)

Aus der Geometrie der Ablagerung und den während der Grabung gewonnenen sedimentologischen und paläoökologischen Erkenntnissen leiten wir folgendes vorläufiges Seemodell ab:
Der See war mäßig tief und wahrscheinlich isoliert (morphologisch bedingt: Kratersee). Vom inneren, heute noch sichtbaren Kraterwall kamen häufig Rutschmassen (debris flows) bzw. Trübeströme in den See; die Verzahnung von debris flows mit grobklastischer Wallfazies einerseits und Seesedimenten andererseits ist im Wandanschnitt gut sichtbar. Am Topp der Abfolge ist durch dunkle kohlige Sedimente mit einem Stubben Verlandung nachweisbar.
Die Isolierung und die sedimentären Ereignisse, die als Störungen auf das Ökosystem See einwirkten, erklären nicht die seltenen Wirbeltier-Nachweise (nur in Form von Koprolithen). Hier kann eventuell die Geochemie und v. a. die Bestimmung der Diatomeen-Arten helfen (Klärung des ursprünglichen Seewasser-Chemismus).
Im Hinterland wuchs ein artenreicher Laubwald.

Eine erste Bearbeitung der Palynomorphen ergab überraschend ein unterpliozänes Alter der Seesedimente. Wir hatten die Abfolge lithofaziell erst einmal zur oberoligozänen Breitscheid-Formation gestellt. Damit ist auch ein weiteres Vorkommen pliozänen Vulkanismus‘ im Westerwald nachgewiesen.

Pliozäne Seeablagerungen sind in Deutschland selten. In Willershausen/Harz ist ein fossilreicher Subrosionssee mit zahlreichen aquatischen und terrestrischen Elementen bekannt. Weiterhin sind z. B. in Frankfurt a. M. („Klärbeckenflora“), im Niederrheinischen Braunkohlenrevier (Reuver-Ton), in Berga in Sachsen-Anhalt und natürlich auch im Westerwald (Dernbacher Eisenstein-Flora) Pflanzenfundstellen bekannt. Ein pliozäner Kratersee wird hier erstmalig nachgewiesen.

Pliozäne Seeablagerungen sind in Deutschland selten. In Willershausen/Harz ist ein fossilreicher Subrosionssee mit zahlreichen aquatischen und terrestrischen Elementen bekannt. Weiterhin sind z. B. in Frankfurt a. M. („Klärbeckenflora“), im Niederrheinischen Braunkohlenrevier (Reuver-Ton), in Berga in Sachsen-Anhalt und natürlich auch im Westerwald (Dernbacher Eisenstein-Flora) Pflanzenfundstellen bekannt. Ein pliozäner Kratersee wird hier erstmalig nachgewiesen.

Thomas Schindler, MIchael Wuttke, Martin Hottenrott, Mark Herrmann, Dieter Uhl


Die Wissenschaftliche Grabung auf den Versteinerten Wald
von Chemnitz-Hilbersdorf

Stimuliert durch das internationale UN-Jahr der Erde 2008 und in Vorbereitung der Bewerbung der Stadt Chemnitz um Anerkennung ihres Versteinerten Waldes als Weltnaturerbe der Unesco organisierte das Museum für Naturkunde auf einem knapp 500 m2 großen Areal eine wissenschaftliche Grabung, wahrscheinlich die erste paläontologische Grabung überhaupt in Chemnitz - jenseits sporadischer Funde im täglichen Baugeschehen. Am 4. April 2008, dem 167. Geburtstag von Gründungsdirektor Johann Traugott Sterzel, begann das Grabungsvorhaben an der Frankenberger Straße 61 in Chemnitz. Damit ging im 140. Jahr des Bestehens des ältesten städtischen Museums in Chemnitz für das Team ein lang gehegter Traum in Erfüllung.
Die Fossillagerstätte des Versteinerten Waldes von Chemnitz bietet mannigfaltige Möglichkeiten, Kenntnisse über die Lebewelt des Perms zu gewinnen. Generationen von Forschern beschäftigten sich nicht nur mit der Anatomie der paläozoischen Pflanzen, sondern halfen auch dabei, den Prozess der Fossilwerdung näher zu beleuchten. Heute ist unser Kenntnisstand an einem Punkt angelangt, der eine wissenschaftliche Grabung als einen logischen nächsten Schritt fast schon zwingend erforderlich machte. Zu verlockend war die weltweit einzigartige Chance, ein in Tuff konserviertes, über 290 Mio. Jahre altes Ökosystem in-situ anzutreffen und im Detail erforschen zu können. Für die Zeit des frühen Perms gehören die dreidimensional-strukturerhaltenen Permineralisationen aus Chemnitz zu den weltweit aussagekräftigsten Pflanzenfossilien. Die Sammlung des Museums und einzelne Neufunde bildeten in den letzten Jahren die Grundlage für die Revision einzelner Taxa (z.B. Arthropitys, Calamitea) zu einem Zeitpunkt, als die nunmehr durchgeführte Grabung noch nicht abzusehen war. Umso erfreulicher ist es aber, dass nunmehr zahlreiche herausragende Funde insbesondere das in den letzten Jahren stark modifizierte Bild von den Calamiten des Perms stützen und weiter präzisieren. Neben den vielfältigen organisatorischen Notwendigkeiten, welche im Vorfeld einer Grabung in bebautem Gebiet zu bedienen sind, wurden insbesondere Recherchen zum historischen Fundgebiet versteinerter Hölzer in Chemnitz durchgeführt. Unterlagen im Liegenschaftsamt der Stadt ergaben, dass es sich bei dem avisierten Grabungsgrundstück um eine schon immer existierende Bebauungslücke handelt – ein nahezu unverritztes Areal inmitten der Großstadt. Auf der geologischen Spezialkarte von 1907 (Section Chemnitz, Blatt 96, Siegert & Danzig) sind die umliegenden Häuser noch nicht eingezeichnet, damalige Sammler orientierten sich am Höhenmesspunkt 340,8 m, welcher in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grabungsareal liegt. In der Sammlung des Museums für Naturkunde fand sich dieser Punkt nicht selten als Fundortangabe auf historischen Originaletiketten attraktiver Psaronien und Medullosen.
Im Oktober 2007 wurden auf dem avisierten Gelände mehrere Erkundungsschachtungen durchgeführt. Ziel war in erster Linie der Ausschluss anthropogener Beeinflussung auf dem potenziellen Grabungsareal. Die fünf Schürfe wurden gleichmäßig verteilt ausgeführt, markante Auffüllungen oder gar Fundamente wurden dabei nicht angetroffen.
In Vorbereitung der Grabung erfolgten im Dezember 2007 sowie im Januar und im April 2008 oberflächengeophysikalische Messungen. Diese hatten zum Ziel, die angewendeten Verfahren Georadar (Ground Penetrating Radar) und Widerstandsgeoelektrik auf ihre Eignung zur Erkundung von Vorkommen versteinerter Hölzer sowie der begleitenden geologischen Bedingungen zu testen. Die Testbedingungen waren hier auch deshalb besonders günstig, da das nachträgliche Aufgraben der Fläche eine eingehende Untersuchung der Ursachen für eventuell im Messbild erkennbare Anomalien in Aussicht stellte. Durch die Messungen auf dem Grabungsgelände galt es zu untersuchen, ob versteinerte Hölzer – insbesondere größere Stämme – durch das Messverfahren lokalisiert werden können und ob die Tiefenlage der Fundschichten feststellbar ist. Vier Monate vor Grabungsstart erfolgte die erste Messung. Dazu wurde eine Messapparatur vom Typ SIR-10 der Firma Geophysical Survey Systems Inc. mit einer Antenne von 50 MHz und anschließend von 200 MHz eingesetzt. Bei der Auswertung der Messergebnisse in Form von Profil- und Tiefenschnitten zeigte sich leider, dass unter den gegebenen Standortbedingungen kein signifikanter Nachweis versteinerter Hölzer mit dem gewählten Verfahren möglich ist. Die zahlreichen, in der bis zu 2 m mächtigen Lockergesteinsdecke enthaltenen Gesteins- und Kieselholzfragmente beeinträchtigen das Radarsignal bereits so stark, dass tiefer liegende Reflexionsflächen nicht mehr detektierbar waren. Dies ist wohl einerseits in der starken Klüftigkeit des anstehenden Tuffs begründet, andererseits sind nach bisherigem Grabungsbefund auf der Messfläche ganz überwiegend Stämme und Äste kleinerer Durchmesser angetroffen worden, an denen sich ohnehin nur in geringem Umfang Reflexion hätte ergeben können.
Auf dem Grabungsgelände wurden ferner zwei widerstandsgeoelektrische Flächenmessungen durchgeführt. Diese so genannten 3D-tomographischen geoelektrischen Widerstandsmessungen erfolgten unter Verwendung einer Messapparatur vom Typ GMS 150 der Firma GeoSys Umwelttechnik und Geogeräte GmbH Leipzig. Die erste Messung wurde auf der intakten Rasenfläche während einer relativ trockenen Witterungsperiode am 13.01.2008 vorgenommen. Auf einer Fläche von 18 x 18 m wurden insgesamt 100 Elektroden im Abstand von je 2 m angeordnet. Eine zweite Messung erfolgte am 13.04.2008, nachdem Mutterboden und Hangschutt auf etwa 1,5 bis 1,7 m Mächtigkeit mittels Baggertechnik von der Fläche entfernt worden waren. In den Tagen vor der zweiten Messung waren intensive Niederschläge zu verzeichnen. Infolge des geringeren Teufenabstandes zum fossilführenden Horizont und der intensiven Durchfeuchtung des Bodens ergaben sich bei der zweiten Messung deutlicher ausgeprägte Widerstandskontraste mit zum Teil hochohmigen, gut differenzierbaren Anomalien. Wie sich während des anschließenden Grabungsgeschehens zeigte, korrelieren dabei mindestens zwei dieser Anomalien mit der Lage größerer Kieselhölzer im Untergrund. Ein etwa mittig zur Nordostböschung und ca. 3 m im Grabungsfeld aufrecht (in-situ-) stehender Gymnospermen-Stamm von etwa 0,4 m Durchmesser zeigte sich als deutliche Widerstandsanomalie. Bei der zweiten Messung ebenfalls deutlich abgrenzbar war ein liegender Stamm im Nordfeld der Grabung. Dieser hat einen Durchmesser von etwa 0,35 m und lag zum Untersuchungszeitpunkt bei ca. 3 m unter Geländeoberkante. Im Ergebnis der vorläufigen Auswertung kann festgestellt werden, dass widerstandsgeoelektrische Flächenmessungen unter bestimmten Bedingungen geeignet sind, Kieselhölzer im Boden zu detektieren. Dazu ist allerdings in jedem Fall die Erstellung eines an das konkrete Messgebiet angepassten räumlichen Widerstands-Tiefen-Modells erforderlich. Die Kieselhölzer bilden sich darin als relativ hochohmige Maxima in einer vergleichsweise niederohmigen Matrix ab. Zur Vorerkundung höffiger Areale von Kieselholzvorkommen stellt die Oberflächen-Geoelektrik als zerstörungsfreies Verfahren eine sinnvolle Ergänzung klassischer Erkundungsmethoden wie Bohren und Schürfen dar. Geologische Grenzen lassen sich unter den Bedingungen des Chemnitzer Rotliegend nicht nachweisen, da hierfür die Widerstandskontraste zwischen den einzelnen Horizonten zu gering sind.
Am 18.02.2008 wurden in Ergänzung der Schürfe zwei Kernbohrungen von 150 mm Durchmesser auf dem Grabungsgelände niedergebracht. Ziele waren die Gewinnung von Schichtprofilen und die Ermittlung der Grabungstiefe, mit der schließlich die Aushubmassen bestimmt werden konnten und der Aufwand der Erschließung zu kalkulieren war. Die Grabungstiefe wird hierbei von der Mächtigkeit des Zeisigwald-Tuffs bestimmt. Die Kerne erbrachten unter dem Bodenhorizont tuffogenen, stückigen, verlehmten Hangschutt und rötliches (ungebleichtes) mürbes Tuffgestein. Bei einer Tiefe von ca. 5 m unter Geländeoberkante wurde die Basis des Zeisigwald-Tuffs durchteuft und damit die Plantiefe erreicht. Heute wissen wir um das felsartige, von Klüften durchsetzte Tuffgestein mit seinen vielen grünlich-grauen Bleichungszonen. In den Bohrkernen fanden sich diese Details leider nicht abgebildet.
Von April bis Mitte November wurde jeweils von Montag bis Freitag gegraben, an den Wochenenden wurden für die Bevölkerung Führungen angeboten. Von Anbeginn an erfolgte eine begleitende Filmdokumentation der Grabung. Auf Beschluss des Medienrates der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien wurde für das Filmprojekt „Ausgrabung des Versteinerten Waldes in Chemnitz“ von Dr. Joachim Zill, Fa. Audiovision Chemnitz, eine Förderung genehmigt.
Ende November 2008 waren circa 2/3 der Grabungsfläche auf etwa 4 m Tiefe freigelegt. An einer Zielschachtung im Südteil der Grabungsfläche wurde die Basis des Zeisigwald-Tuff-Horizontes bei 5,2 m erreicht. Bei diesem Stand wurde die Grabung unterbrochen, die Böschungen wurden abgedeckt, im Frühjahr 2009 sollen die Arbeiten fortgeführt werden. Einerseits wurden die wissenschaftlichen Erwartungen bereits jetzt weit übertroffen, andererseits kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine umfassende Auswertung und Analyse der gewonnenen Daten erfolgen. Es wurden bislang etwa 200 Funde katalogisiert (jeweils 100 aus dem Hangschutt und aus dem Anstehenden), einige der spektakulärsten sind seit Oktober 2008 im Museum zu sehen. Sämtliche Funde wurden in das Museum verbracht, ein Teil davon wird derzeit präpariert bzw. für Forschung und Präsentation vorbereitet. Ferner wurden über 1000 Fundfotos und 80.000 Webcam-Bilder gemacht, 300 Gesteinsproben entnommen und 2000 3D-Messpunkte im Gelände erfasst. Die Auswertung dieses Datenmaterials erfolgt in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und wird voraussichtlich mehrere Jahre dauern.
Hauptbestandteil der Flora bilden die Gymnospermen, vorwiegend vom Dadoxylon-Typ. Darunter befinden sich vier größere, horizontal eingebettete Stammsegmente und drei noch in Wuchsposition aufrecht stehende Stammbasen. Den größten Teil bilden jedoch abgebrochene Äste und Verzweigungen, welche in der Nähe der Stämme im Gestein liegen. Erstmals kann bei einem liegenden Gymnospermen-Stamm der Verzweigungsmodus detaillierter beobachtet werden. Weiterhin kamen acht kleinere Stämme des Farnsamers Medullosa zum Vorschein. Sechs dieser Achsen stehen noch aufrecht (in-situ), einer zeigt an seinem terminalen Ende noch Wedelstielbasen sowie vereinzelt Abdrücke kleiner parallelnerviger Blätter. Vier Funde des Baumfarnes Psaronius simplex konnten identifiziert werden, einer davon an der Basis noch in Wuchsposition, weiter oben jedoch durch auflagernde Pyroklastika in Richtung Westen umgebrochen und horizontal eingebettet, ein weiterer basaler Stammteil ebenfalls aufrecht stehend. Drei Calamitenstämme vom Typ Arthropitys, von denen einer eine reiche Verzweigung aufweist und eine völlig neue Wuchsform-Rekonstruktion ermöglichen wird, zeugen ferner von der diversen Flora.
Knapp 40 Sponsoren und Spender engagierten sich im Rahmen unseres Grabungsvorhabens und ermöglichten es überhaupt.
Die Qualität der Berichterstattung in lokalen, nationalen und internationalen Medien aller Art war unerwartet hoch. Die Grabung wurde als externe Sonderausstellung des Museums organisiert und ist sowohl in wissenschaftlicher als auch touristischer Sicht als großer Erfolg zu werten. Mit der Grabung hat das Museum für Naturkunde nicht nur die touristische Relevanz des Versteinerten Waldes eindrucksvoll unter Beweis gestellt, sondern eine herausragende Medienkampagne für Chemnitz initiiert. Keine Aktivität hat 2008 in Chemnitz mehr hochkarätige Medienbeiträge (TV, Funk, Internet, Print) generiert als die Grabung des Museums. Auch diesem Umstand ist es wohl geschuldet, dass für unser Projekt mittlerweile eine breite Unterstützung existiert. Den zahlreichen Sponsoren, den sehr interessierten Bürgern der Stadt, ca. 4000 Besuchern aus ganz Deutschland und über 70 Wissenschaftlern aus 13 Ländern ist es daher zu danken, dass unsere Grabung 2009 fortgesetzt und zu einem erfolgreichen Abschluss geführt werden kann.

Ronny Rößler, Chemnitz

Zwei permineralisierte Gymnospermenstämme (abgebrochener Stammteil liegend, Stammbasis aufrecht am Wuchsort stehend) im Tuff.


Viele Wirbeltier-Fossilien bei Götzenhain geborgen
Neue Erkenntnisse für die Wissenschaft

Das reichste Material von Wirbeltieren, das bisher aus dem westdeutschen höheren Rotliegend (Perm, Erdaltertum) bekannt ist, ist heuer beim Dreieicher Ortsteil Götzenhain (Landkreis Offenbach am Main) aus den 290 Millionen Jahren alten Ablagerungen eines Süßwassersee geborgen worden. Zahlreiche Belege von Haien, Schmelzschupper-Fischen und molchähnlichen Sauriern gruben Mitglieder der Arbeitsgruppe Palaeo-Geo e. V., Kelkheim, in der Baustelle der Ortsumfahrung Götzenhain aus. Über 300 Funde aus der von April bis November dieses Jahres dauernden Grabungskampagne konnten dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt übergeben werden; dort werden sie wissen­schaftlich ausgewertet. Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden, hatte dem Museum, in dessen Auftrag dann wiederum die Vereinsmitglieder tätig wurden, hierfür eine Nachforschungs­genehmigung erteilt, und damit die rechtliche Grundlage für die Notgrabungen geschaffen.

"Durch diese Baustelle hat sich ein für die Region einmaliges Fenster in die Erdgeschichte geöffnet", so Wolfgang Ott, Offenbach, der mit der Grabungsleitung vor Ort betraut worden war. Bislang seien Fossilien aus diesen Schichten nur zufällig und selten im Raum Dreieich entdeckt worden. Schon jetzt sei festzustellen, dass durch die konzertierte Aktion und den Arbeitseinsatz der Vereinsmitglieder wichtige neue Erkenntnisse für die Forschung gewonnen werden konnten.

Eine erste wissenschaftliche Sichtung der Funde durch den Geologen Thomas Schindler, Spabrücken, im Hessischen Landesmuseum hat ein für das westdeutsche höhere Rotliegend bislang artenreichstes Spektrum an Wirbeltieren ergeben. Außerdem ist bedeutsam, dass unter den Funden außergewöhnlich viele artikulierte Individuen sind. Erstmals im Sprendlinger Horst sind größere Amphibien nachgewiesen worden. Der Fund eines weiteren, bisher nur in Rheinland-Pfalz bekannten molchähnlichen Amphibs (Eimerisaurus) dokumentiert die damals bestehende Verbindung zwischen den beiden Seebecken - dem Hessischen Becken, zu dem der Ablagerungsraum bei Götzenhain gehört, und dem Saar-Nahe-Becken. Weiterhin belegt der Fund eines Schmelzschupper-Fisches mit einer ursprünglichen Gesamtlänge von 50 cm das größte bisher weltweit bekannte Exemplar dieser "Stumpfflosser" genannten Fischfamilie (Amblypteriden).

Weitere Aufschlüsse über die damalige Lebewelt sind, so Ott, nach der Auswertung der Geländedaten durch Fachwissenschaftler und der Präparation von Fundstücken durch Mitglieder der Arbeitsgruppe zu erwarten.

Die inzwischen auf fast 70 Mitglieder angewachsene Arbeitsgruppe Palaeo-Geo e. V., Kelkheim, die im Juni 2004 gegründet wurde, hat es sich vor allem zur Aufgabe gesetzt, Fossilien zu bergen und zu präparieren, um sie der Wissenschaft zugänglich zu machen. Zudem wird an den monatlichen Vereinsabenden und in Ausstellungen über paläontologische Themen informiert und es werden Exkursionen zu Fossilien-Fundstellen und Museen sowie Tauschtage durchgeführt. Im Internet kann man sich über die Arbeitsgruppe unter www.palaeo-geo-ev.de unterrichten: Hier werden Fotos von den Grabungsaktivitäten und einige Fossilien in der "Bildergalerie" ab Anfang Februar zu sehen sein.

Wolfgang Ott 16.12.2006

Jahresrückblick der Arbeitsgruppe Palaeo-Geo e.V., Kelkheim, für 2006

Jahresrückblick der Arbeitsgruppe Palaeo-Geo e.V., Kelkheim, für 2007

Jahresrückblick der Arbeitsgruppe Palaeo-Geo e.V., Kelkheim, für 2009 als PDF

Jahresrückblick der Arbeitsgruppe Palaeo-Geo e.V., Kelkheim, für 2008 als PDF

Fig.1: In der Baustelle der Ortsumfahrung Götzenhain (Stadt Dreieich, Landkreis Offenbach am Main) freigebaggerte, 30 qm große Fläche mit Plattenkalken aus dem höheren Rotliegend (Perm, circa 290 Millionen Jahre alt).

Fig.2: Beim Begutachten eines der über 300 Funde, die von April bis November 2006 in einer Grabungskampagne von der Arbeitsgruppe Palaeo-Geo e.V., Kelkheim, im Auftrag des Hessischen Landesmuseums Darmstadt geborgen wurden - aus den plattigen Kalken eines Süßwasser-Seehorizontes. Literaturangaben in der neuesten paläontologischen Bearbeitung der Rotliegend-Plattenkalke des Sprendlinger Horstes in Ott & Schindler 2005.

Fig.3: Ein gut erhaltener, fast vollständiger Schmelzschupper-Fisch (Elonichthyide, Maßstab 1 cm)

Fig.4: Branchiosaurier (Melanerpeton sp., Maßstab 1 cm), ein molchähnliches Amphib


Auf "Krokodiljagd" im Nusplinger Plattenkalk

Seit 11 Jahren gräbt ein Team des Stuttgarter Naturkundemuseums systematisch im oberjurassischen Nusplinger Plattenkalk nach Fossilien. Bis heute sind von dort annähernd 8000 Funde in die Magazine des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart gewandert, von denen nur ein kleiner Teil bisher präpariert werden konnte. Unter diesen befinden sich Funde von versteinerten Landpflanzen, Libellen, fantastisch erhaltenen Krebsen, Tintenfischen und Fischen, unter den Haien die berühmten Meerengel von Nusplingen. Im 19. Jahrhundert kamen als allergrößte Seltenheit auch wenige Flugsaurier und das Meereskrokodil Geosaurus ans Tageslicht.

Am 29. Juni 2004 machte das Grabungsteam (Dr. Günter Schweigert, Dr. Gerd Dietl, beide Stuttgart, Rolf Hugger, Albstadt-Onstmettingen und Burkhart Russ, Nusplingen) eine weitere sensationelle Entdeckung. Auf der "Jagd" nach Fossilien im Nusplinger Plattenkalk gelang der "Fang" eines weiteren Meereskrokodils. Dieses stellt den wohl bedeutendsten Wirbeltierfund der Stuttgarter Grabung dar, denn der letzte Fund eines solchen Tiers liegt schon über 100 Jahre zurück. Allerdings ist dieses Krokodil, welches derzeit in der Werkstatt des Stuttgarter Naturkundemuseums freigelegt wird, nicht vollständig erhalten. Es handelt sich vielmehr um einen Torso, dem der Schädel und die vorderen Gliedmassen fehlen. Ein anderer hatte nämlich schon vor 150 Millionen Jahren Jagd auf dieses Meereskrokodil gemacht. Mit diesem müssen wir uns die Beute teilen. Vermutlich war der unbekannte Jäger das noch viel größere Meereskrokodil Dakosaurus, von dem bei den bisherigen Ausgrabungen einige isolierte Zähne gefunden wurden. Dakosaurus war mit etwa 6m Länge der wohl größte Räuber in der Nusplinger Plattenkalk-Lagune. Er hat dem neuen Krokodil, von dem wir derzeit noch nicht wissen, ob es sich hierbei um eine neue Art handelt, offensichtlich mit einem einzigen Biss den Vorderkörper abgetrennt. Die vollständige Präparation dieses neuen Krokodilfunds wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber schon jetzt sind Reste von dessen letzter Mahlzeit in Form des Mageninhalts zu erkennen, der aus einem Ammonit, einem Belemnit und Fischresten besteht. Überraschenderweise sind darüber hinaus sogar Reste der Haut erhalten geblieben. Weitere interessante Einzelheiten werden sicherlich bei fortschreitender Präparation noch hinzukommen. Über die Grabung und Aktuelles zur Fossillagerstätte Nusplingen (Neufunde, Exkursionen, Publikationen, etc.) informiert übrigens eine Homepage http://www.plattenkalk-nusplingen.naturkundemuseum-bw.de/.

Gerd Dietl & Günter Schweigert


Auf einer Schichtfläche im Nusplinger Steinbruch ist die Wirbelsäule des Krokodil-Neufunds aufgedeckt und paust sich bereits durch die Gesteinsschichten hindurch. Foto G. Schweigert.



Rumpf des Krokodils nach der Präparation. Foto G. Schweigert.


Die Nusplinger "Krokodiljagd" ging weiter

Im letzten Heft von GMIT wurde über den Fund eines Meereskrokodils bei der Grabung des Stuttgarter Naturkundemuseums im oberjurassischen Nusplinger Plattenkalk berichtet. Der kopflose Torso des Meereskrokodil, das inzwischen als zur Gattung Geosaurus gehörend identifiziert werden konnte, ist stummer Zeuge der Jagd eines noch größeren Räubers, wohl des Krokodils Dakosaurus geworden, von dem dort bisher nur einzelne Zähne gefunden wurden. Zuletzt war im Jahre 1898 ein Geosaurus zu Tage gekommen, der heute im Stuttgarter Naturkundemuseum ausgestellt ist. Der gewaltige Räuber Dakosaurus scheint die Lagune öfters besucht zu haben. Man mag sich diese Lagune deswegen nicht mehr als tropische Südsee-Idylle vorstellen, sondern als ein lebensgefährliches Gewässer voller Jäger und Gejagter. Nur 2 Meter vom Torso entfernt, aber 30 cm höher im Profil kamen einen Monat später erneut Krokodilknochen zum Vorschein, die ebenfalls zu einem Geosaurus gehören. Offensichtlich handelt es sich dabei um den verlorenen Bissen einer weiteren Krokodilmahlzeit.Wiederum eine Woche später, am 12. August 2004, fand sich dann auf derselben Schichtfläche wie der Torso, aber etwa 10 Meter davon entfernt, auch noch der zugehörige Schädel! Die Schnauze steckte schräg im Kalk und durchspießte mehrere Plattenkalklagen. Man kann nun das damalige Szenario sehr gut rekonstruieren: Zunächst griff der Dakosaurus den Geosaurus von hinten an und biss ihm das Schwanzende ab. Den dadurch in seiner Beweglichkeit stark behinderten Geosaurus packte er anschließend mehrfach - kenntlich an zerbissenen Rippen - und riss ihn dann mit einem gewaltigen Biss zwischen Hals und Bauch in Stücke. Auch der Kopf bekam Bisse ab. Der hintere Körperabschnitt und der Schädel sanken getrennt zum tiefen Meeresboden ab und entgingen dadurch dem Gefressenwerden.

Der völlig überraschende Fund des Schädels grenzt an einen Volltreffer im Lotto! Hätte er nur wenige Dezimeter weiter vom Torso entfernt gelegen, so wäre er vielleicht für immer verborgen geblieben, denn 20 cm hinter der Fundstelle des Schädels grenzt die Grabungsfläche an die derzeitige Steinbruchwand. Aber ein bisschen Glück ist sicherlich auch bei einer wissenschaftlichen Grabung dann und wann vonnöten.

Gerd Dietl & Günter Schweigert

35 cm langer Schädel des Meereskrokodils Geosaurus aus Nusplingen. Foto G. Schweigert.


© Paläontologische Gesellschaft, letzte Änderung 09.04.2010 durch August Ilg