Forschungsprojekte in der Paläontologie:
Mahenge, ein Fenster zum Alttertiär Afrikas
Von Thomas Kaiser, Hamburg
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Vor 48 Millionen Jahren stieg im Untergrund des Gebietes um das heutige Städtchen Singida in Zentraltansania glutflüssiges Magmagestein (Kimberlit) aus dem Erdmantel nach oben. Als die Magma knapp unter der Erdoberfläche angekommen war, kamen die Glutmassen mit dem Grundwasser in Kontakt. Das Grundwasser verdampfte eine gewaltige Wasserdampfexplosion war die Folge. Es wurde ein tiefer Krater mit einem Durchmesser von etwa 400 m aus der Erdoberfläche herausgesprengt, in dem sich ein runder blauer See im Urwald des eozänen Singida-Hochlands bildete. Er bot zahlreichen Tieren eine Lebensgrundlage. Die Leichen von Tieren und Pflanzen, die im See starben oder hineingelangt waren, wurden unversehrt in die langsam wachsenden Schichten der Kalke und Tone am Seegrund eingebettet. Heute liegen die Seesedimente von Mahenge in einem riesigen Waldgebiet wenige Meter unter der Bodenoberfläche.
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Abb. 1 Geographische Lage der Fundstelle Mahenge im Zentralen Hochland von Tansania.
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Die fossilen Tiere und Pflanzen von Mahenge, haben in der Zeit des mittleren Eozän vor 48 Millionen Jahren gelebt. Zu dieser Zeit waren die Dinosaurier bereits seit mehr als 10 Millionen Jahren ausgestorben, die ersten Menschen sollten aber erst mehr als 40 Millionen Jahre später die Erde bevölkern. Im Eozän vollzog sich eine gewaltige Entfaltung der Säugetiere, jener Tiergruppe, zu der auch der Mensch gehört. Seit langem wird vermutet, dass sich vor mehr als 50 Millionen Jahren in Afrika viele Gruppen der Säugetiere entwickelt haben. Leider wissen wir bis heute nicht, welche Lebensbedingungen in Afrika südlich der Sahara in dieser wichtigen Zeit herrschten. Bis zur Entdeckung von Mahenge konnte Afrika daher zur Beantwortung dieser Fragen nur wenig beitragen, denn es war nicht eine einzige Fundstelle bekannt, die Licht in diesen Zeitabschnitt des Alttertiärs bringen konnte. Das vom Zoologischen Institut der Universität Greifswald aus koordinierte Sub-Sahara-Palaeogene-Project (SSPP) möchte diese Wissenslücke nun ein Stück weit schließen und hat eine große paläontologische Ausgrabung an der Lokalität Mahenge durchgeführt.
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Das Gebiet um Mahenge ist ein riesiges unwegsames Urwaldgebiet. Die einzige Straße, die hierhin führt, gleicht eher einem Feldweg und ist nur in der Trockenzeit befahrbar. Das Wissenschaftlerteam hat im Zentrum des ehemaligen Kratersees ein Forschungscamp aus Zelten und einfachen Hütten aufgebaut. Um die Fundschichten freizulegen, wurden mehr als 150 Tonnen Gestein von Hand abgebaut. Im Projekt wurden daher bis zu 40 einheimische Mitarbeiter beschäftigt. Die Fundschichten von Mahenge sind so überaus reich an Fossilien, daß selbst Bruchstücke von der Größe einer Kreditkarte noch vollständige Wirbeltierskelette enthalten können.
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Abb. 2 Nach einigen Wochen Grabungsarbeit ist in den eozänen Seesedimenten von Mahenge ein tiefer stufenförmiger Profilschnitt entstanden. An seiner Basis sind die Fundschichten aufgeschlossen.
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Die Fundausbeute der Mahenge-Expedition war riesig: 1869 fossile Tier- und Pflanzenreste konnten geborgen werden. Darunter sind 993 Fische, 698 pflanzliche Fossilien (Blätter, Früchte, Blüten und Samen) und 178 Organismen, die zu anderen Tiergruppen gehören (unter anderem Insekten, Spinnentiere, Schnecken, Amphibien und Säugetiere). Die geborgenen Fossilien füllen 22 Kisten und haben ein Gesamtgewicht von über 800 kg. 680 kg davon wurden, mit der Genehmigung von zahlreichen tansanischen Regierungsstellen versehen, unlängst per Luftfracht nach Greifswald, Berlin, Frankfurt und Göttingen gebracht. Dort werden die Leihgaben derzeit analysiert.
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Abb. 3 (rechts): Ein prachtvoll erhaltener Cichlide (Buntbarsch). Nur in Afrika hat diese Tiergruppe eine Entfaltung durchlaufen, die zu einer Vielzahl von Arten mit unterschiedlichsten Ernährungsweisen geführt hat. Die Buntbarsche von Mahenge gehören zu den älteste Vertreter dieser Tiergruppe, die die Wissenschaft aus Afrika kennt. Länge: 90mm
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Die Fauna von Mahenge ist einzigartig. Unter anderem sind die frühesten Cichliden (Buntbarsche) Afrikas, die einzigen bekannten fossilen Vertreter der Denticipitoidei (Fische aus der Heringsverwandtschaft) und die einzigen pipiden Froschlurche (Verwandte der Wabenkröten) außerhalb Südamerikas überliefert. Eine reiche subtropische Pflanzenwelt ist durch Blätter, Hölzer, Früchte, Blüten und Samen überliefert.
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Abb. 4 (rechts): Dieser Froschlurch aus Mahenge stammt aus der Verwandtschaft der Wabenkröten. Diese Amphibiengruppe war lange nur aus Südamerika bekannt. Länge: 35mm.
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Neben Mahenge wurden im zentralen Hochland von Tansania noch gänzlich unerforschte Kraterstrukturen mit fossilführenden Seesedimenten entdeckt. Jeder dieser ehemaligen Seen ist ein Fenster in die Evolution in Afrika südlich der Sahara.
Kontakt: PD Dr. rer. nat. habil. Thomas M. Kaiser (Projektleiter),
Biozentrum Grindel,
Zoologisches Museum Universität Hamburg
Martin-Luther-King Platz 3, D-20146 Hamburg
Tel: +49 40 42838 7653,
Fax: +49 40 423 38 3937,
E-Mail: thomas.kaiser@uni-hamburg.de
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