Forschungsprojekte in der Paläontologie:
Die mittelpleistozänen Mosbach-Sande von Wiesbaden
Von Thomas Keller, Wiesbaden
Die eiszeitlichen Mosbach-Sande auf dem Stadtgebiet von Wiesbaden gehören zu den herausragenden mitteleuropäischen Fossilfundstellen dieses erdgeschichtlich jungen Zeitabschnitts. Bereits vor 170 Jahren, als durch die Forscher Schimper und Agassiz der Begriff der "Eiszeit" gerade aus der Taufe gehoben war, kamen in den Biebricher Sandgruben Fossilien zu Tage. Heute ist eine für die mitteleuropäische Pleistozängliederung sehr bedeutsame Säugetierfauna von mehr als 63 Arten bekannt, hinzu kommen Fisch- und Vogelreste sowie eine bemerkenswert reiche Molluskenfauna von rund 150 Arten.
Abb. 1: Ein neueres Profil der Mosbach-Sande (2008); im Bild feinkörnige Ablagerungen der höheren Schichtfolge.
Die Mosbach-Sande liegen auf tertiärzeitlichem Kalk und wurden daher lange als Abraum abgebaggert. Auch nach dem Ende des Kalk-Abbaues (2005) werden sie noch gefördert.
Die ungefähr 500000 Jahre alten Flussande wurden von einem Ur-Main abgesetzt. Zwei unterschiedlich alte Faunen lassen sich am Fundort auseinander halten: Eine altpleistozäne, arten- und individuenarme Fauna (Mosbach 1) sowie die hier vorgestellte, viel reichere mittelpleistozäne Fauna Mosbach 2. Eine Einordnung von Mosbach 2 in das Cromer-Interglazial III oder IV erscheint möglich (Maul et al. 2000). Die letzte, breitgefächerte Forschungsphase war, vom Mainzer Naturhistorischen Museum ausgehend, in den späten 60er-Jahren des 20. Jh. von Herbert Brüning initiiert worden. Die Ergebnisse wurden seinerzeit überwiegend in der Reihe Mainzer Naturwissenschaftliches Archiv publiziert. Dieses besondere Interesse an der Fossilfundstätte endete praktisch mit dem Tod Herbert Brünings 1983.
Abb. 2: Fundbergungen als tägliches Brot paläontologischer Denkmalpflege. Abgebildet der Fund eines Paarhufer-Beckens, Mai 2008.
Ein neuer Forschungsansatz ergibt sich aus den 1991 von der Paläontologischen Denkmalpflege begonnenen, sehr dichten Begehungen der Aufschlüsse, die umfassende Funddokumentationen nach sich zogen. Diese waren und sind stets verbunden mit aktueller Dokumentation der beim Abbau entstehenden Profile. So ließ sich im Lauf der Zeit ein ungefährer Überblick über die Architektur der fluvialen Sequenzen und insbesondere den zyklischen Aufbau der Ablagerungen gewinnen. Damit ist erstmals die Möglichkeit gegeben, das umfangreiche, bei den Begehungen angefallene Knochenmaterial sehr divergenter Art und Erhaltung unterschiedlichen Grabgemeinschaften und taphonomischen Pfaden zuzuordnen.
Abb. 3: Beispiel einer seltenen Fundgruppe: Blätter von Ulme und Pappel aus dem Bereich der Mosbach-Sande, wahrscheinlich einer Interglazial-Flora zuzuordnen.
Parallel läuft ein seit kurzem von der hessischen Denkmalpflege finanziell unterstütztes Projekt "Mauer - Mosbach" (Beteiligte: Dr. L. Maul, Forschungsstation für Quartärpaläontologie Weimar der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft; Dr. M. Löscher Leimen/St. Ilgen; Landesamt für Denkmalpflege Hessen); es beabsichtigt, durch eine Erweiterung der Materialbasis beider Fundstellen eine verbesserte Kleinsäuger-Biostratigraphie zu erreichen.
Abb. 4: Neufund des Unterkiefers eines Jaguars, Panthera onca gombaszoegensis. Aus der Zeitspanne eines Jahrhunderts liegen nur drei sehr fragmentäre Überreste dieses Taxons aus den Mosbach-Sanden vor. Der vorliegende Rest gab Anlass zu einer Neubearbeitung.
Erste Ergebnisse (Auswahl)
Gruner, H. & M. (2002): Erstnachweis von Micromys (Muridae) für die Wirbeltierfauna der mittelpleistozänen Mosbach-Sande bei Wiesbaden. - Jb. nass. Ver. Naturkde. 123, 65-66.
Hemmer, H., Kahlke, R.-D. & Keller, Th. (2003): Panthera onca gombaszoegensis (Kretzoi, 1938) aus den frühmittelpleistozänen Mosbach-Sanden (Wiesbaden, Hessen, Deutschland) - Ein Beitrag zur Kenntnis der Variabilität und Verbreitungsgeschichte des Jaguars. - N. Jb. Geol. Paläont. Abh. 229 (1), 31-60.
Hemmer, H., Kahlke, R.-D. & Keller, Th. (2008): Geparde im Mittelpleistozän Europas: Acinonyx pardinensis (sensu lato) intermedius (Thenius, 1954) aus den Mosbach-Sanden (Wiesbaden, Hessen, Deutschland).- N. Jb. Geol. Paläont. Abh. (im Druck).
Kalthoff, D.C., Keller, Th. & Barej, M (2009): Late Pleistocene loess sections from the Mosbach quarry (Mayence Basin, western Germany) with rare steppe marmot remains (Marmota bobak). - In Vorbereitung.
Keller, Th. (2003): Nachweis eines Fuchses (Vulpes sp.) in der frühmittelpleistozänen Wirbeltierfauna der Mosbach-Sande von Wiesbaden. - Jb. nass. Ver. Naturkde. 124, 91-94.
Koenigswald, W.v., Holly Smith, B. & Keller, Th. (2007): Supernumerary teeth in a subadult rhino mandible (Stephanorhinus hundsheimensis) from the middle Pleistocene of Mosbach in Wiesbaden (Germany). - Paläontologische Zeitschrift 2007, 81/4, 416-428.
Maul, L.-Ch., Rekovets, L., Heinrich, W.-D., Keller, Th. & Storch, G. (2000): Arvicola mosbachensis (Schmidtgen 1911) of Mosbach 2: a basic sample fort he early evolution of the genus and a reference for further biostratigraphical studies. - Senckenbergiana lethaea 80 (1), 129-147.
Wilde, V., Kaiser, Th. & Keller, Th. (2005): Erste Funde von Blättern aus dem Bereich der mittelpleistozänen Mosbach-Sande von Wiesbaden-Biebrich (Hessen).- Geol. Jb. Hessen 132: 131-138.
Kontakt:
Thomas Keller
Paläontologische Denkmalpflege
Landesamt für Denkmalpflege Hessen
Schloss Biebrich
65203 Wiesbaden
Tel.: 0611/6906-154
Fax : 0611/6906-137
E-Mail: t.keller@denkmalpflege-hessen.de
Link: www.denkmalpflege-hessen.de/Archaeologie/Palaeontologie/
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© Paläontologische Gesellschaft, letzte Änderung 14.08.2008 durch August Ilg
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