Forschungsprojekte in der Paläontologie:

Der Rhynie Chert


Von Prof. Dr. Hans Kerp, Universität Münster

In der Nähe von Rhynie, einem kleinen Dorf in Aberdeenshire, Schottland, wurde 1912 ein Vorkommen von pflanzenreichen unterdevonischen Hornsteinen, der sogenannte Rhynie Chert, entdeckt. In diesem Rhynie Chert sind die ältesten anatomisch vollständig erhaltenen Landpflanzen überliefert; darüber hinaus führt der Rhynie Chert ein breites Spektrum tierischer Reste - u.a. einige Krebsarten, mehrere Trigonotarbiden (Spinnenartige), Milben und eine Springschwanzart – hier handelt es sich um eine der ältesten, gut erhaltenen terrestrischen Faunen. Der Rhynie Chert, der ein Alter von etwa 396 Millionen Jahren aufweist, gilt heutzutage als eine der bedeutendsten Fossillagerstätten der Welt.

Abb. oben: Stengelquerschnitt von Rhynia gwynne-vaughanii
(Photo Hans Steur)




Abb. rechts: Spaltöffnung von Aglaophyton major

Die zwischen vulkanischen Serien eingeschalteten Cherts wurden von vulkanischen Warmwasserbrunnen erzeugt und sind als Kieselsinter abgelagert. Dickbankige Cherts, in denen ganze Pflanzenbestände in Lebensstellung überliefert sind, entstanden durch gelegentlich auftretende Überflutungen der Pflanzenstandorte mit kieselsäurereichem Wasser. Die Verkieselung muss sehr schnell geschehen sein, da oft sogar sehr zarte Strukturen und feinste Details, wie z.B. keimende Sporen oder Spermatozoiden, hervorragend erhalten geblieben sind.

Neben den Gefäßpflanzen sind aus dem Rhynie Chert zahlreiche Pilzarten, Algen und sogar die älteste eindeutige Flechte nachgewiesen worden. Wechselbeziehungen zwischen Pilzen, Algen, Landpflanzen und Tieren können anhand des Rhynie Chert-Materials dokumentiert werden. Obwohl die Erzeuger häufig noch unbekannt sind, belegen Koprolithen eine Vielfalt an tierischen Lebensformen - von vegetarischen Nahrungsspezialisten über Karnivoren bis hin zu Allesfressern.

Abb. oben: Eine Trigonotarbide (Spinnenartige)



Abb. links: Keimende Spore von Aglaophyton major

Aus dem Rhynie Chert sind bislang sechs Arten höherer Landpflanzen beschrieben worden. Es handelt sich um relativ kleinwüchsige, etwa 10 bis 40 cm hohe Pflanzen. Ihre Luftsprosse sind meist unbeblättert, gabelig verzweigt und tragen endständig oder seitlich große Sporangien mit derben, mehrschichtigen Wänden. Jede der Rhynie Chert-Pflanzen hat bereits ihre eigene Wuchsform entwickelt, was darauf hinweist, dass die Arten unterschiedliche Ansprüche an ihre Lebensorte stellten.

Obwohl die Zahl der aus dem Rhynie Chert bekannten Landpflanzen relativ gering ist, gehört diese Flora mittlerweile zu den am besten bekannten fossilen Floren überhaupt. Auch wenn die Landpflanzen des Rhynie Cherts auf den ersten Blick nicht besonders aufwendig gebaut sind und sich zum Teil sogar zu ähneln scheinen, erweisen detaillierte Untersuchungen, dass ökologische Differenzierungen der Morphologie und Anatomie bereits relativ bald nach dem Erscheinen der Landpflanzen zur Ausbildung unterschiedlichster Lebensstrategien geführt haben. Aus evolutionsbiologischer Sicht sind die ältesten Landfloren von größtem Interesse. Der Rhynie Chert ist, als eines der wenigen, fast vollständig erhaltenen fossilen terrestrischen Ökosysteme ein einmaliges Schaufenster der Frühphase des Lebens auf den Festländern.

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©Text, Abb: H. Kerp, kerp@uni-muenster.de
Abb. 1: H. Steur (verwendet mit freundlicher Genehmigung)
Technische Umsetzung R. Leinfelder

© Paläontologische Gesellschaft, letzte Änderung 09.12.2002 durch R. Leinfelder