Forschungsprojekte in der Paläontologie:

Trilobiten aus dem Ordovizium des Sauerlandes und des Bergischen Landes
(Rheinisches Schiefergebirge)


Von Lutz Koch, Ennepetal

Die in den ältesten Gesteinen des Ebbe-Sattels zwischen Herscheid und Plettenberg sowie im Remscheider Sattel bei Solingen nachgewiesenen Fossilien sind einmalig für Deutschland. Erst durch ihre relativ späte Entdeckung im Jahre 1937 gelang es, die Schichtenfolge altersmäßig einzustufen, sie zu gliedern und mit anderen Gebieten Europas vergleichbar zu machen. Durch die gerade in den letzten Jahren erneut auflebende paläontologische Forschung konnte das Fossilspektrum erheblich erweitert, neue Faunenelemente nachgewiesen und durch die Analyse von Mikrofossilien der Altersnachweis abgesichert werden.


Abb. 1: Geologische Karte des Sauerlandes und des Bergisches Landes (aus: EISERHARDT, K.-H. & KOCH, L. & MALETZ, J., 2001)

Im zentralen Ebbe-Sattel gehören die ältesten dort aufgeschlossenen Schichten ins Ordovizium und werden auch als Herscheid-Gruppe bezeichnet. Diese Schichtfolge beginnt zuunterst mit dem Plettenberg-Bänderschiefer (Unteres Llanvirn), es folgen der Kiesbert-Tonschiefer (Unteres Llanvirn) sowie der Rahlenberg-Grauwackenschiefer und der Solingen-Tonschiefer, die ins jüngere Ordovizium (Caradoc) gestellt werden.


Abb. 2: Corrugatagnostus magnodosus KOCH & LEMKE 1997, Länge 13 mm. Unteres Llanvirn (Ebbe-Sattel). Abb. 3: Degamella praecedens (KLOUCEK 1916), Länge 22 mm. Unteres Llanvirn (Remscheider Sattel). Abb. 4: Eoharpes primus herscheidensis KOCH & LEMKE 1995, Länge 18 mm. Unteres Llanvirn (Ebbe-Sattel).

Insgesamt gehören Trilobiten im Ordovizium des Ebbe- und Remscheider Sattels zu den sehr seltenen Fossil-Funden. Jedoch konnte im Llanvirn des Ebbe-Sattels in den letzten Jahren durch intensive Schürfarbeiten des Autors die von RICHTER & RICHTER (1954) und SIEGFRIED (1969) publizierte Fauna erheblich erweitert werden (KOCH 1999a-b, KOCH & LEMKE 1995-2000). Bislang wurden im Ebbe-Sattel 77 Stücke geborgen, die 11 Familien mit 18 Gattungen repräsentieren. Im Vergleich hierzu erscheint das im Ordovizium des Remscheider Sattels nachgewiesene Trilobiten-Material mit nur 3 Stücken als sehr gering. Dies mag an einer noch größeren Individuenarmut, an möglicherweise schlechteren Aufschlussverhältnissen und an einer bisher nicht durchgeführten intensiven Suche liegen.

Wie die Verteilung der geborgenen Trilobiten zeigt, sind die Cyclopygidae mit 39 Nachweisen (13 Taxa) von insgesamt 80 Funden die weitaus am häufigsten vertretene Gruppe. Cyclopygidae sind auf das Ordovizium beschränkte, überaus großäugige Formen. Sie sind ein Anzeichen dafür, dass auch Ebbe- und Remscheider Sattel zur cyclopygiden Biofazies gehörten, die während des Ordovizium im offenen Flachmeer des südlichen Paläokontinents Gondwana weitverbreitet war und zeitlich vom Arenig bis zum Ashgill bestand. Die Nachweise der Cyclopygidae sowohl in Europa als auch in Kasachstan und China spiegeln die räumlich große Verbreitung wider. Aber auch andere der nachgewiesenen Formen haben diese Verbreitung und fügen sich gut in die Gesamtfauna ein: Corrugatagnostus, Girvanopyge, Dionide, Placoparia und Selenopeltis. Wie neueste Untersuchungen zeigen, lag der heutige Ebbe-Sattel im Einflussbereich des Mikrokontinents Avalonia im Norden Gondwanas.

Bei einem Faunenvergleich besteht die größte Übereinstimmung zu den ordovizischen Ablagerungen in Belgien, Großbritannien (Wales) und Tschechien (Böhmen), wobei das Artenspektrum im Ebbe-Sattel größer ist als das in Belgien, jedoch noch immer weitaus kleiner als in Großbritannien und Tschechien.

Der ehemalige Lebensraum zur Zeit des Llanvirn lässt sich im Ebbe- und Remscheider Sattel als eine küstenferne Schwarzschiefer-Fazies deuten, das heißt also, es lag ein offenes Meer mit einer Wassertiefe von mindestens 200 m vor, wobei in den tiefsten Wasserschichten Sauerstoffmangel herrschte. Freischwebende Graptolithen und Nanno-Plankton (Acritarchen und Chitinozoen) sowie großäugige Trilobiten (Cyclopygidae) und Phyllocariden (Caryocaris) traten als aktive Schwimmer auf, während Ostrakoden und Agnostiden (Corrugatagnostus) im Bereich flutender Algen, auf denen sie teilweise festsitzend trieben, ihren Lebensraum hatten. Auf dem Meeresboden kamen im Schlamm kriechende augenlose Trilobiten (Dionide, Placoparia) sowie sessile Organismen (Brachiopoden, Conularien) vor. Einige Organismen sind lediglich als Spuren (Ichnofossilien) überliefert (z. B. Tomaculum).

Literatur:

EISERHARDT, K.-H. & KOCH, L. & MALETZ, J. (2001): Nördliches Rheinisches Schiefergebirge. – [In:] Stratigraphische Kommission Deutschlands (Hrsg.): Stratigraphie von Deutschland II. Ordovizium, Kambrium, Vendium, Riphäikum, Teil III. – Courier Forschungs-Institut Senckenberg, 235: 90-108, Abb. 11-14; Frankfurt/Main.
KOCH, L. (1999a): Die Familie Cyclopygidae (Trilobita) im Ordovizium des Ebbe-Sattels und Remscheider Sattels (Rheinisches Schiefergebirge, Deutschland). – Neues Jahrbuch für Geologie und Paläontologie, Abhandlungen, 213(3): 375-341, Abb. 1-15, Tab. 1-3; Stuttgart.
KOCH, L. (1999b): Corrugatagnostus (Metagnostidae, Trilobita) aus dem Ordovizium des Ebbe-Sattels (Rheinisches Schiefergebirge, Deutschland). – Geologica et Palaeontologica, 33: 9-19, Taf. 1-2; Marburg.
KOCH, L. & LEMKE, U. (1995-1996): Trilobiten aus dem Unteren Tonschiefer (Unteres Llanvirn, Ordovizium) von Kiesbert (Ebbe-Sattel, Rheinisches Schiefergebirge). – Teil 1 (1995a): Geol. Paläont. Westf., 39: 15-55, Abb. 1-11, Tab. 1-2, Taf. 1-4. -- Teil 2 (1996): Geologie und Paläontologie in Westfalen, 42: 27-59, Abb. 1-6, Tab. 1-3, Taf. 1-4; Münster.
KOCH, L. & LEMKE, U. (1998): Dionide Barrande 1847 und Dionidella Prantl & Pribyl 1949 (Dionididae, Trilobita) aus dem Ordovizium des Ebbe-Sattels (Rheinisches Schiefergebirge, Deutschland). – Neues Jahrbuch für Geologie und Paläontologie, Monatshefte, 1998 (10): 613-625, Abb. 1-4; Stuttgart.
KOCH, L. & LEMKE, U. (2000): Seltene Trilobiten-Arten aus dem Ordovizium des Ebbe-Sattels (Rheinisches Schiefergebirge, Deutschland). – Neues Jahrbuch für Geologie und Paläontologie, Monatshefte, 2000(9): 513-544, Abb. 1-10; Stuttgart.
KOCH, L. & LEMKE, U. & BRAUCKMANN, C. (1990): Vom Ordovizium bis zum Devon: Die fossile Welt des Ebbe-Gebirges. – 198 S., Abb.1-88, Taf. 1-26, Farb-Taf. 1-8; Hagen (v.d.Linnepe).
RICHTER, R. & RICHTER, E. (1954): Die Trilobiten des Ebbe-Sattels und zu vergleichende Arten (Ordovizium, Gotlandium/Devon). – Abhandlungen der senckenbergischen naturforschenden Gesellschaft, 488: 1-76, Abb. 1-12, Taf. 1-6; Frankfurt a. M.
SIEGFRIED, P. (1969): Trilobiten aus dem Ordovizium des Ebbe-Sattels im Rheinischen Schiefergebirge. – Paläontologische Zeitschrift, 43 (3/4): 148-168, Abb. 1-5, Taf. 17-19; Stuttgart.
SAMUELSSON, J. & GERDES, A. & KOCH, L. & SERVAIS, T. & VERNIERS, J. (2002): Chitinozoa and Nd isotope stratigraphy of the Ordovician rocks in the Ebbe Anticline, NW Germany. – in: WINCHESTER, J. A. & PHARAOH, T. C. & VERNIERS, J.: Palaeozoic Amalgamation of Central Europe. – Geological Society, London, Special Publication, 201: 115-131, Abb. 1-6, Taf. 1; London (im Druck).

Kontakt: l-koch@t-online.de, www.l-koch.de


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©Text und Abbildungen: Lutz Koch, Ennepetal
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