Forschungsprojekte in der Paläontologie:Diversität und Provinzialismus paläozoischer AmmonoideenEin Beitrag von Jürgen Kullmann, Tübingen
Die nähere Erforschung des Ausmaßes, des Zeitplans und der Ursachen der Diversitäts-Schwankungen in quantitativer und qualitativer Hinsicht erforderte den Aufbau einer Datenbank, die nicht nur die Anzahl der Familien, Gattungen und Arten, ihre biostratigraphische Lebensdauer und paläogeographische Verbreitung feststellt und vergleichbar macht, sondern vor allem die morphologischen Merkmale aller Arten erkennen läßt. Die traditionelle systematische Forschung ist im wesentlich phylogenetisch ausgerichtet und sucht die stammesgeschichtlichen Beziehungen der Formen zu ergründen. Die Forschungsrichtung, die auf Ermittlung zeitgleicher Phänomene in der Evolution gerichtet ist, zielt auf die Erkennung "analoger" Merkmale. "Analoge" Merkale sind homöomorphe, gestalt-ähnliche Merkmale, die unabhängig bei sicher nicht verwandten Gruppen zur gleichen Zeit auftreten. Sie gestatten in vielen Fällen Hinweise auf gleichartige Umweltbedingungen; ihre vergleichende Erfassung erlaubt Rückschlüsse auf Ähnlichkeiten der Um- und Mitwelt der verglichenen Faunen.
Die Datenerfassung des Datenbank-Systems GONIAT (KULLMANN et al., 1993) (http://www.uni-tuebingen.de/geo/gpi/mitarbeiter/kullmann/seiten/goniatdt.html), das aus einer Kombination von 9 getrennten Datenbanken besteht, begann 1990; sie ist inzwischen fast abgeschlossen. Es enthält die Angaben aller Familien (121), Gattungen (691) und Arten (4018) der Ammonoideen aus der Zeit Unterdevon bis Untertrias hinsichtlich Literatur, biostratigraphischer und paläogeographischer Verbreitung, Taxonomie und Morphologie. Die zeitliche Verbreitung wird in GONIAT auf der Basis gemittelter radiometrischer Datierungen angegeben; GONIAT arbeitet nicht mit biostratigraphischen Zonen, sondern ausschließlich mit Zeit-Ebenen, die aus den aktuellen Veröffentlichungen relativer und absoluter Datierungen ermittelt werden. GONIAT ist in MS ACCESS angelegt und kann im Internet heruntergeladen werden.
Es wurden mit Hilfe von GONIAT bisher drei kritische Intervalle untersucht, die drastische Diversitäts-Veränderungen aufweisen: die Devon-Karbon-Grenze (DCB Devonian-Carboniferous Boundary, KULLMANN, 2000), die Unterkarbon-Oberkarbon-Grenze (MCB, Mid-Carboniferous Boundary, KULLMANN & NIKOLAEVA, 1999), die Karbon-Perm-Grenze (CPB, Carboniferous-Permian Boundary, KULLMANN, 2002) sowie das gesamte Oberkarbon. Als Beispiel diene hier die Untersuchung der Devon-Karbon-Grenze, die kurz skizziert werden soll. Die quantitative Analyse der kritischen Periode umfasst etwa 350 Arten, die sich auf 9 Superfamilien (Abb.1) verteilten; acht starben kurz vor der Devon-Karbon-Grenze aus. Unmittelbar nach der Devon-Karbon-Grenze entstand parallel zu der einen durchlaufenden Superfamilie eine neue (150 Arten), nach kurzer Zeit eine weitere neue Superfamilie. Zwischen dem massenhaften Aussterben gegen Ende der Devon-Zeit und der Phase des Neu-Einsetzens der karbonischen Ammonoideen existierte ein kurzer Zeitraum ("Stockum Interval") im obersten Oberdevon, noch unterhalb der Devon-Karbon-Grenze, mit nur einer Gattung und wenigen Arten, von denen einige die Grenze querten. Die qualitative Analyse (Abb.2) zeigt die morphologischen Unterschiede der Formen der drei Phasen der Ammonoideen-Evolution, deren Diversität einen Flaschenhals durchmaß: Vor der Grenze gab es die unterschiedlichsten Gehäuse, die auf sehr variable Weise ornamentiert waren. Während des "Stockum Interval" existierte nur ein unornamentierter Formtyp; die Formenwelt war reduziert auf wenige Gehäuse-Unterschiede. Nach der Wende stellte sich in rascher Folge eine quantitativ ähnlich umfangreiche, aber in ihren Merkmalen von der früheren Formenwelt sehr abweichende Formenvielfalt ein. Aufgabe des Forschungsprojektes (DFG Ku 164/8) ist es, die kritischen Intervalle im Gesamtablauf von Devon bis Perm eingehend zu analysieren, um die Ursachen der Fluktuationen aufzuklären. Hierbei steht die Feststellung der Kanalisierungen der Formen-Entwicklung in Raum und Zeit im Vordergrund. Wenn auch der Ablauf der kritischen Phasen meist einen ähnlichen Verlauf zu nehmen scheint, sind das jeweilige Ausmaß und die Nebenerscheinungen verschieden. Daher ist die Ursachenfrage bisher nur sehr spekulativ zu beantworten. Neben geotektonischen Einflüssen, vor allem Gebirgsbildungen und damit verbundener Zunahme unterschiedlicher Stoffe in den Weltmeeren, scheinen vor allem klimatische Faktoren eine Hauptrolle zu spielen, etwa Eiszeiten, CO2-Bindung durch massenhafte Kalkablagerungen, Wechsel des CO2 Gehalts und anschließende Treibhaus-Effekte; Einflüsse von Vulkanismus und Asteroiden-Einschlägen sind bisher an den kritischen Intervallen nicht eindeutig erkennbar. Zitierte Literatur: Anschrift des Autors: Prof. Jürgen Kullmann, (http://www.uni-tuebingen.de/geo/gpi/mitarbeiter/kullmann) Geol.-Paläontol. Institut, Universität Tübingen, Sigwarstraße 10, D-72076 Tübingen.
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