Forschungsprojekte in der Paläontologie:Die Forschungsgrabung NusplingenGrabungen des Stuttgarter Naturkundemuseums im Nusplinger Plattenkalk (Schwäbische Alb)Ein Beitrag von Dr. Günter Schweigert, Staatliches Museum für Naturkunde, Stuttgart Im Gebiet des Naturparks Obere Donau, zwischen den Ortschaften Nusplingen und Egesheim, befindet sich das einzige bekannte Fossilien führende Plattenkalk-Vorkommen im Oberjura der Schwäbischen Alb. Vor etwa 150 Millionen Jahren existierte dort inmitten von Schwamm-Mikrobenriffen eine etwa 80 Meter tiefe Lagune, in der sich Schicht für Schicht feinster Kalkschlamm abgelagert hat der Nusplinger Plattenkalk. Dieses Gestein führt ähnlich wie der erdgeschichtlich etwas jüngere Solnhofener Plattenkalk der Südlichen Frankenalb ganz außergewöhnliche Fossilien, darunter Flugsaurier, Meereskrokodile und Tintenfische, die schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder die Aufmerksamkeit der Fachwelt erregten. Seit 1993 finden durch das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart, von 1996 bis 2001 unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Grabungen im Nusplinger Plattenkalk statt, die inzwischen eine Vielzahl neuer Erkenntnisse über den Ablagerungsraum und die darin überlieferten Fossilien gebracht haben. Mittlerweile kennt man von dort über 280 verschiedene versteinerte Tier- und Pflanzenarten. Charakteristisch für den Nusplinger Plattenkalk sind besonders die Funde von fossilen Haien aus der Gruppe der Meerengel, von denen inzwischen 10 Neufunde zum Vorschein gekommen sind. Die Grabungen werden voraussichtlich noch einige Jahre weiter fortgeführt, ebenso die Präparation und Erfassung der Funde in einer Datenbank.
Abb. Die Grabungsstelle im Nusplinger Steinbruch im Herbst 2001.
Abb. Meerengel Squatina aus dem Nusplinger Plattenkalk, Länge 113 cm Zu den häufigsten unter den besonderen Fossilien gehören große Garnelen einer neuen Art, die eine Länge von etwa 25 cm erreichen können. Von ihnen wurden weit über 200 Exemplare in teilweise vortrefflicher Erhaltung gefunden, davon manchmal sogar mehrere Stücke nahe beieinander auf einer Platte. Viel seltener sind die heute nur noch in der Tiefsee vorkommenden Schildpanzerkrebse (Eryoniden), die im Nusplinger Plattenkalk mit mehreren Gattungen und Arten vertreten sind.
Abb. Krebs Cycleryon, Länge 8 cm. Eine bestimmte Art dieser Eryoniden ist bisher ausschließlich aus dem Nusplinger Plattenkalk bekannt und war bereits zur Zeit des Oberjura ein "Lebendes Fossil". Sie besitzt ungewöhnlich lange Vorderbeine mit pinzettenartigen Scheren und ist teilweise so gut erhalten, daß man unter dem Mikroskop sogar noch die einzelnen Facetten der großen Komplexaugen untersuchen kann. Ammoniten gehören zwar eigentlich zu den häufigeren Fossilien in den Juraschichten der Schwäbischen Alb, doch weiß man fast nichts über deren Lebensweise und den Bau des Weichkörpers. Solche Hinweise ergeben sich jetzt aber durch neue Fundstücke aus dem Nusplinger Plattenkalk, die noch beide Kieferelemente besitzen, einen kalkigen Unterkiefer und einen kohlig erhaltenen, einst chitinigen Oberkiefer. Manche Stücke ließen anhand des Mageninhalts noch erkennen, von was sie sich ernährt haben. Besonders hervorzuheben ist die 15 cm Flügelspannweite messende Riesenlibelle Urogomphus nusplingensis, die in organischer Erhaltung vorliegt. Weltweit einzigartig sind Funde von versteinerten Perlbooten (Nautiliden), die noch ihre Papageischnabel-artigen Kiefer in der Wohnkammer aufweisen. Bei zwei Exemplaren sind außerdem sogar noch Reste des Kropfinhalts überliefert, der aus Krebs- bzw. Schlangensternresten besteht. Von nahe gelegenen Inseln stammen prächtig erhaltene Wedel von Farnsamern und diversen Nadelhölzern aus der Araukarien-Verwandtschaft. In einigen Zapfenschuppen dieser Araukarien konnten wir im März 2002 sogar noch fossiles Harz nachweisen einer der wenigen Belege für jurazeitlichen Bernstein.
Abb. Bernstein in den Harzkanälen einer kohlig erhaltenen Zapfenschuppe, Breite ca. 5 mm. Das gesamte Verbreitungsgebiet des Nusplinger Plattenkalks befindet sich in einem Naturschutz- und Grabungsschutzgebiet, so dass das Graben nach Fossilien ohne Genehmigung verboten ist. Die aktuellen Grabungsstellen können besichtigt werden, Führungen bedürfen aber vorheriger Vereinbarung (Kontakt über Dr. G. Dietl oder Dr. G. Schweigert, g.dietl.smns@naturkundemuseum-bw.de bzw. schweigert.smns@naturkundemuseum-bw.de). Eine in Stuttgart konzipierte und 2000/2001 gezeigte Sonderausstellung über den Nusplinger Plattenkalk und seine Fossilien trägt den Titel "Im Reich der Meerengel". Sie wird ab 25. September 2002 im Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe zu sehen sein. Literatur: Dietl., G. & Schweigert, G. (1999): Nusplinger Plattenkalk. Eine tropische Lagune der Jura-Zeit. Stuttgarter Beitr. Naturkde., C, 45: 1-64, 59 Abb.; Stuttgart. [Erhältlich am Infostand des Museums, _ 6.- (zzgl. Versandspesen bei Bestellung]. Dietl, G. & Schweigert, G. (2001): Im Reich der Meerengel der Nusplinger Plattenkalk und seine Fossilien, 156 Abb.; München (Verlag F. Pfeil). Bestellung über http://www.pfeil-verlag.de
|