Forschungsprojekte in der Paläontologie:
Nördlichste Neandertaler Niedersachsens
Von A. CZARNETZKI & K. ATHEN, Tübingen
Seit vielen Jahren geht Hobby-Archäologe Karl-Werner Frangenberg regelmäßig die Kiesgruben bei Sarstedt ab, um alles aufzusammeln, was urgeschichtlich interessant und wichtig ist. In einer der Kiesgruben fand er die bisher nördlichsten Neandertalerfunde Deutschlands. Diese befanden sich in Kies, der sich während der Eiszeit an den Ufern der Leine in großen Mengen abgelagert hat und nun im südlichen Niedersachsen bei Hannover abgebaut wird. Aufgrund der Fundsituation kann man das geologische Alter dieser Urmenschenfunde nur in etwa angeben. Es beträgt mindestens 25.000, vielleicht sogar bis 120.000 Jahre. An dieser Stelle sollen die drei Schädelfunde kurz vorgestellt werden. An Zeichnungen des modernen Menschen wurde markiert, um welche Schädelteile es sich dabei handelt.
Woran erkennt nun der Fachmann an derartigen Bruchstücken, dass er es mit einem Neandertalerfund zu tun hat? Inzwischen weiß man, dass sich Neandertaler anhand charakteristischer Merkmale von allen anderen (Ur-) Menschenarten unterscheiden. Ein besonderes Merkmal des Neandertalerschädels ist eine Eindellung am Hinterhaupt neben einer extremen Krümmung desselben.
Eben diese Merkmale sind bei dem ersten Fund erhalten geblieben. Das Hinterhauptbein wurde 1997 geborgen. Es stammt von einer erwachsenen Person, deren Geschlecht nicht ohne weiteres bestimmt werden kann. Auffällig an diesem Knochen sind die Spuren einer Entzündung, die evtl. zum Tode führte. Dass es sich bei diesem und dem letzt genannten, dritten Fund (s.u.) um ein und dieselbe Person handelte, ist sehr unwahrscheinlich.
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Abb. 1a: der erste Fund
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Abb. 1b: Position an einem modernen Menschenschädel (schwarz)
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Der zweite Fund ist in sofern etwas besonderes, als dass es sich um das Schläfenbein eines 2-4jährigen Kindes handelt dies ist am Verwachsungsgrad der knöchernen Spitze des Innenohres erkennbar. Männer und Frauen unterscheiden sich im Winkel, mit dem der innere Gehörgang in den Schä-del hineinragt. Ein Vergleich mit neuzeitlichen Daten zeigte, dass der Winkel des urgeschichtlichen Fundes mit den Daten bei Mädchen des modernen Menschen übereinstimmt. An diesem Fund ist also sowohl das ungefähre Alter bei Todeseintritt als auch das Geschlecht feststellbar.
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Abb. 2a: Der zweite Fund
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Abb. 2b: Position an einem modernen Menschenschädel (schwarz)
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Die Ausprägung der Schädelnähte des dritten Fundes, einem Scheitelbein, verrät dem Fachmann, dass es sich, wie bei Fund eins, um eine erwachsene Person handelte, die mindestens 20 Jahre alt wurde. Welchen Geschlechts die Person war, weiß man bisher nicht. Eventuell kann hier eine DNA-Analyse weiterhelfen, die der Molekulargenetiker C. M. Pusch z. Z. durchführt. Der Verlauf der Schlagader auf der Innenseite dieses Scheitelbeins und seine kontinuierliche Krümmung zeichnen typische Merkmale der Neandertaler.
Wer noch mehr erfahren möchte, sollte die Augen offen halten, denn es wird, nachdem weitere Untersuchungen erfolgt sind, gegen Ende des Jahres ein umfassender Artikel in der Zeitschrift Die Kunde erscheinen.
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Abb. 3a: Der dritte Fund
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Abb. 3b: Position an einem modernen Menschenschädel (schwarz) |
Abbildungen des modernen Menschen aus:
SOBOTTA, J. (1991): Spielend durch die Anatomie. Knochen, Bänder, Gelenke. 1: 148 Lernkarten, zusammengestellt von Peter Posel, München (Urban & Schwarzenberg).
Kontakt:
Dr. A. Czarnetzki
Universität Tübingen
Institut für Anthropologie und Humangenetik, Abt. Paläanthropologie
palaeoczarn@uni-tuebingen.de
Dr. Kerstin Athen
Universität Tübingen, Institut für Geowissenschaften
c/o Marschnerstr. 45
30167 Hannover
K.Athen@htp-tel.de
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©Text und Abbildungen: Czarnetzki & Athen, Tübingen
© Paläontologische Gesellschaft, letzte Änderung 02.05.2009 durch August Ilg
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