Fossil des Jahres
Der größte Calamit der Welt – Arthropitys aus dem Versteinerten Wald von Chemnitz –
Fossil des Jahres 2010
Abb. 1: Versteinerter Wald im Atrium des Chemnitzer Kulturzentrums TIETZ.
Foto: J. Gerhardt.
Der größte Calamit der Welt – Arthropitys aus dem Versteinerten Wald von Chemnitz –
Hintergrund zum Objekt Vor über 290 Millionen Jahren wurde im Zuge eines Vulkanausbruches ein permischer Wald verschüttet. Für das gesamte Ökosystem eine Katastrophe, doch andererseits ermöglichte dieses Ereignis die Konservierung zahlreicher Pflanzen unmittelbar an ihrem Wuchsort. Aber nicht nur riesige Stämme, sondern auch kleine Pflanzenteile oder juvenile Pflanzen, die bislang nie geborgen wurden, blieben erhalten. Direkt über dem Bodensubstrat, innerhalb der ersten 50 Zentimeter, formten feinkörniger Aschentuff und seine Zersetzungsprodukte die Beblätterung der umstehenden Pflanzen ab.
Seit dem Mittelalter ist Chemnitz bekannt für seine Kieselhölzer. Es war der Chemnitzer Bürgermeister Georgius Agricola, der erste Funde erwähnte und den Begriff „Fossil“ in die Literatur einführte. Fundstellen im Zeisigwald-Tuff wurden als Versteinerter Wald weltbekannt und prägen die Paläobotanik von Anbeginn an.
Doch die Möglichkeit, einen Blick in den geologischen Untergrund der Stadt zu werfen und dabei kostbare Fossilfunde zu machen, war selten umfassend gegeben. Im Jahr 1752 hatte David Frenzel in Hilbersdorf die Aufsehen erregende Bergung eines versteinerten Stammes mit ansitzenden Wurzeln veranlasst. Um die Wende des 19./20. Jahrhunderts gab es mit der Bebauung des Chemnitzer Vororts Hilbersdorf und des Stadtteils Sonnenberg die bislang ertragreichste Fundperiode. Doch bis heute gelingen spektakuläre Funde. Stimuliert durch das UN-Jahr der Erde 2008 und im Zuge der Bewerbung der Stadt zur Anerkennung ihres Versteinerten Waldes als Weltnaturerbe der UNESCO organisierte das Museum für Naturkunde Chemnitz auf einem 18x24 m2 großen Areal im Stadtgebiet von Chemnitz eine wissenschaftliche Grabung, die am 4. April 2008 startete und bis September 2010 andauern wird. Auf dem Grabungsgelände in Chemnitz-Hilbersdorf konnten bislang 296 versteinerte Stämme oder Verzweigungen, 40 davon in-situ gefunden werden. 322 Pflanzenfossilien in Abdruckerhaltung und zwei Ur-Saurierskelette von eidechsenähnlichen Reptilien ergänzen die Bilanz. Die große Besucher- und Medienresonanz unterstützt den Antrag der Stadt, ihren Versteinerten Wald auf die UNESCO-Welterbe-Liste zu setzen.

Abb. 2: Die Wissenschaftliche Grabung des Museums für Naturkunde Chemnitz erregte
ein überwältigendes Echo in den Medien.
Foto: V. Annacker.
Einer der bislang wissenschaftlich wertvollsten Funde ist der horizontal im Tuff eingebettete, mehrfach verzweigte terminale Abschnitt eines Calamiten vom Typ Arthropitys bistriata (Cotta 1832) Rößler & Noll 2009 (Abb. 1 und 2). Erste anatomische Untersuchungen zeigen, dass sein Holz aus Treppentracheiden und Parenchym besteht. Der Parenchymanteil des Holzes ist mit ca. 50% relativ hoch. Es diente neben der Stützfunktion möglicherweise der Wasserspeicherung. So ist es denkbar, dass diese Pflanze ein hohes Lebensalter bei extremen Lebensraumbedingungen erreichen konnte.
Abb. 3: Paläobotaniker aus 10 Ländern besuchten anlässlich der Vorexkursion A5
zur VIII. IOP-Konferenz die Grabung in Chemnitz, 27. August 2008.
Foto: R. Schwab.
Abb. 4: Das Fossil des Jahres 2010? Arthropitys-Stamm an der Grabung in
Chemnitz-Hilbersdorf und Symbol für bislang über 100 spektakuläre in situ-Funde
im Zeisigwald-Tuff, September 2008.
Foto: R. Kretzschmar.
Derzeit ist der Fund auf einer Länge von 10 Metern geborgen und wird nach Reinigung und einer ersten Präparation wieder zusammengefügt und im Museum für Naturkunde der Öffentlichkeit präsentiert. Der Calamit besteht – anders als bisher von Wissenschaftlern angenommen – aus einem reich verzweigen Hauptstamm mit derzeitig 12 geborgenen „Ästen“ und Adventivsprossen.
Abb. 5 Der Stammquerschnitt zeigt die kollabierte Markhöhle (Pfeil),
die Segmentierung des Holzes und die partielle Fluorit-Erhaltung (blau-violett).
Foto: V. Annacker.
Der Weg zum Fossil des Jahres 2010 In einem mehrstufigen Verfahren wird seit zwei Jahren von der Paläontologischen Gesellschaft das „Fossil des Jahres“ gekürt. Aufgrund der herausragenden Bedeutung des Fundes für die Paläobotanik wurde der Calamit vom Museum für Naturkunde Chemnitz zum „Fossil des Jahres“ vorgeschlagen. Nachdem die Juroren der Paläontologischen Gesellschaft aus allen Einsendungen fünf Favoriten auswählten, stimmten die Teilnehmer auf der Jahrestagung der Gesellschaft im Oktober 2009 für das „Fossil des Jahres 2010“ ab. Dabei konnte sich der Chemnitzer Fund gegen den großen Brachiosaurus des Berliner Naturkundemuseums, den Neandertaler des Landesmuseums Bonn, einen eiszeitlichen Wasserbüffel des Naturhistorischen Museums Mainz und einen fossilen Waldelefanten des Naturkundemuseums Augsburg durchsetzen.
PD Dr. Ronny Rößler & Dr. Thorid Zierold DAStietz, Museum für Naturkunde Chemnitz Moritzstraße 20
D - 09111 Chemnitz www.naturkunde-chemnitz.de
Juravenator starki - ein kleiner fleischfressender Dinosaurier aus dem Oberen Jura
Fossil des Jahres 2009
Juravenator starki - ein kleiner fleischfressender Dinosaurier aus dem Oberen Jura (ca. 150 Millionen Jahre) der südlichen Frankenalb, Bayern.
Er ist ein Jahrhundertfund. Er ist der best erhaltene, fleischfressende Dinosaurier (Theropode) der jemals in Europa gefunden wurde. Darüber hinaus handelt es sich um eine neue Dinosaurier-Art, die von den Wissenschaftlern (Dr. Ursula Göhlich und Dr. Luis Chiappe) den Namen Juravenator starki bekommen hat - der Jurajäger.
Das fast vollständige Skelett des kleinen Dinosauriers wurde im Zuge einer wissenschaftlichen Grabung des Jura-Museum Eichstätt vor 10 Jahren (1998) nahe Schamhaupten (Landkreis Eichstätt) gefunden. Es stammt aus verkieselten Plattenkalken, deren Alter rund 150 Millionen Jahre beträgt. Die Freilegung des Skeletts aus dem extrem harten Gestein, durchgeführt vom Präparator des Jura-Museums Eichstätt (Hr. Pino Völkl), dauerte mehrere Jahre (1998-2005). Dafür brachte es aber ein fantastisch erhaltenes Fossil ans Tageslicht.
Die anschließende wissenschaftliche Bearbeitung wurde von Dr. Ursula Göhlich (jetzt Naturhistorisches Museum Wien, damals Paläontologisches Institut der Universität München) und Dr. Luis Chiappe (Natural History Museum of Los Angeles County, USA) an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München durchgeführt.
Die Untersuchung ergab, dass der Dinosaurier zum Zeitpunkt seines Todes sehr jung war; dies erklärt auch die relativ kleine Körpergröße. Er ist von der Schnauze bis zur Schwanzspitze nur etwa 75-80 cm lang; die letzen 10-15 cm der Schwanzspitze sind aber leider nicht erhalten.
Der 2-beinig laufende Juravenator war ein Fleischfresser; dies kann man aus den sichelförmig gebogenen und mit geriffelten Schneidekanten versehenen Zähnen ablesen.
Sein verhältnismäßig großer Schädel kann auf sein junges Alter zurückgeführt werden (Stichwort: Kindchenschema). Kräftige Krallen an den Händen und Füßen dienten wohl zum Festhalten seiner Beute.
Der neue Dinosaurier aus Schamhaupten ist erst der zweite Raubdinosaurier, der jemals im Jura-Plattenkalk Bayerns gefunden wurde. Der letzte und bis dahin einzige, andere Fund liegt bereits 150 Jahre zurück. Es handelt sich dabei um den ebenfalls berühmten Compsognathus - auch ein sehr kleiner fleischfressender Dinosaurier. Bei dem neuen Fossil aus Schamhaupten handelt es sich jedoch nicht um ein anderes Individuum dieses bereits bekannten Dinosauriers, sondern um eine bislang unbekannte, völlig neue Art und Gattung. Die beiden Dinosaurier - Juravenator und Compsognathus, so ergab die aktuelle Untersuchung, stehen sich aber verwandtschaftlich nahe und gehören der gleichen Dinosaurierfamilie der Compsognathiden an. Der neue Dinosaurier ist aber nicht nur besser und vollständiger erhalten, sondern seine fossile Erhaltung ist derart exquisit, dass an manchen Körperteilen Weichteil-Erhaltung überliefert ist. Das war eine unerwartete und sensationelle Entdeckung. Vor allem im Schwanzbereich sind sowohl Hauteindrücke als auch mineralisierte Weichteil-Rückstände überliefert. Während die Hauteindrücke mit bloßem Auge zu sehen sind, können die Wichteilrückstände nur mit Hilfe von langwelligem UV sichtbar gemacht werden.
Hieraus ergab sich eine weitere wissenschaftliche Sensation. Die Weichteilerhaltung des Fossils lässt nämlich keinerlei Hinweis auf eine Befiederung erkennen, was für die Forscher eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Die neue Dinosaurier-Art gehört nämlich einer Dinosaurier-Großgruppe namens Coelurosaurier an, von deren Vertretern die moderne Wissenschaft seit jüngster Zeit ausgegangen war, dass sie allesamt befiedert gewesen waren. Diese Theorie basierte auf zahlreichen Fossil-Funden befiederter kreidezeitlicher Coelurosaurier, die im Lauf der letzten 10 Jahre vorwiegend in China gefunden worden waren. Die Tatsache, dass an dem neuen Dinosaurier aus Schamhaupten trotz Weichteilerhaltung keine eindeutigen Spuren von Befiederung festzustellen sind, wird die Diskussion um den Ursprung und die Entwicklung der Federn innerhalb der Dinosaurier-Vorfahren der Vögel neu anheizen.
Weltweit gibt es nur wenige derartig gut erhaltene kleinwüchsige Raubdinosaurier aus der Zeit des Ober-Jura vor 150 Millionen Jahren. Dies ist eine kritische Zeitepoche für das Verständnis wichtiger Schritte in der Entwicklungsgeschichte des Lebens, wie dem Ursprung der Vögel aus den Dinosauriern. Archaeopteryx, der älteste, bekannte Urvogel weltweit stammt ebenfalls aus dem Ober-Jura der Fränkischen Alb, aus den Solnhofener Plattenkalken, die nur geringfügig jünger sind als die Fundschicht des neuen Dinosauriers. Nicht zuletzt auch deswegen kommt dem kleinen Dinosaurier aus dem Ober-Jura der Fränkischen Alb eine außergewöhnliche wissenschaftliche Bedeutung zu.
Dem besonderen Stellenwert dieses Fossils wurde nun Tribut gezollt, indem es auf der Jahrestagung (2008) der Paläontologischen Gesellschaft von seinen Mitgliedern zum "Fossil des Jahres 2009" gewählt wurde.
Bisherige wissenschaftliche und populäre Publikationen zu Juravenator
Göhlich U.B. & Chiappe L.M. (2006): A new carnivorous dinosaur from the Late Jurassic Solnhofen archipelago. - Nature, 440 (7082): 329-332.
Tischlinger, H., Göhlich U. B. & Chiappe L. M. (2006): Borsti, der Dinosaurier aus dem Schambachtal: Eine Erfolgsstory mit Hindernissen! - Fossilien, 5: 278-287.
Göhlich U. B., Chiappe L. M. & Tischlinger, H. (2007): Juravenator starki, der neue Raubdinosaurier aus dem Oberjura von Schamhaupten. - Archaeopteryx, 24: 1-26.
Tischlinger, H. & Göhlich U.B. (2007): Dinosaurier im Altmühltal. - Globulus, 13: 73-82.
Eine umfangreiche monographische wissenschaftliche Bearbeitung von Chiappe, L.M. & Göhlich, U.B. wird in Kürze abgeschlossen.
Aufbewahrungsort von Juravenator:
Aufbewahrt und zu besichtigen ist die Gesteinsplatte mit dem Dinosaurier-Skelett im Jura-Museum Eichstätt (JME Sch 200).
Fundumstände:
Paläontologische Grabung (von 1989 bis 1998) des Jura Museums Eichstätt in Schamhaupten unter der Leitung von Dr. G. Viohl.
Der Steinbruch in Schamhaupten war für die Durchführung der wissenschaftlichen Grabung vom Jura Museum Eichstätt gepachtet worden. die in diesem Rahmen gefundenen Fossilien gingen vertraglich an die Sammlung des Jura Museum Eichstätt.
Entdecker:
Finder des Fossils sind die Brüder Klaus-Dieter und Hans Weiss aus Kelkheim-Fischbach, die als Grabungshelfer die wissenschaftliche Ausgrabung unterstützt haben. Die Platte mit dem Dinosaurier wurde 1998 während der letzten Woche der Ausgrabung gefunden.
Präparation:
Das artikulierte (zusammenhängende) Skelett des Dinosauriers liegt in einer ca 5cm dicken, verkieselten Kalksteinplatte, die hart wie Beton ist. Aus diesem Grund nahm die Präparation des fossilen Skeletts mehrere Jahre in Anspruch; sie wurde durchgeführt vom Präparator des Jura-Museums Eichstätt, Herr Pino Völkl, in den Jahren 1998-2005.
Namensgebung:
Gattungs-Name Juravenator: Jura = bezieht sich auf die Jurazeit, aber auch auf die Jura-Landschaft der Fränkischen (und Schwäbischen) Alb; venator (lat.): Jäger - Jurajäger).
Art-Name: starki: benannt nach der Familie Franz Stark aus Schamhaupten, in dessen Steinbruch das Fossil gefunden wurde.
Benannt von den wissenschaftlichen Bearbeitern: Dr. Ursula Göhlich & Dr. Luis Chiappe.
Spitzname: "Borsti", von den Findern so benannt.
Fundort und Fundschicht:
Fundort: Schamhaupten (Landkreis Eichstätt).
Gestein: plattige, verkieselte Kalke.
genaues geologisches Alter der Fundschicht des Dinosauriers:
Oberer Jura, Oberstes Kimmeridge (Malm epsilon) knapp unter der Grenze Kimmeridge-Tithon, basierend auf der Ammoniten-Stratigraphie (Keupp).
Fundschicht: Schicht E3, Nach G. Viohl ist E8 schon Tithon.
Die verkieselten Plattenkalke von Schamhaupten sind geringfügig älter als der Lithographische Plattenkalk = Solnhofener Plattenkalk (150 Mio Jahre) derselben Region, damit ca. 151 Mio Jahre alt (nach G. Viohl).
Die Solnhofener Plattenkalke (Malm Zeta 2) sind weltweit berühmt für Ihre Fossilien, besonders für den ältesten Urvogel der Welt - Archaeopteryx - der mit mittlerweile 10 Exemplaren nur hier gefunden wurde. Daneben sind die Solnhofener Plattenkalke, wie oben erwähnt, auch Fundort des kleinen Raubdinosauriers Compsognathus (aus Jachenhausen).
Die Kalksteine, in denen der Juravenator (sowie auch Archaeopteryx und Compsognathus) gefunden wurde, sind Meeresablagerungen. Der kleine Land-Dinosaurier war offensichtlich nach seinem Tod in das nahegelegene Meer gespült worden, sank auf den Meeres-Boden und wurde dort schnell eingebettet. Durch glückliche Umstände haben weder Räuber noch zerstörende Aasfresser den Kadaver zerstört oder auseinander gerissen, so dass das Skelett vollständig und im Zusammenhang erhalten blieb.
Dennoch finden sich auf dem Skelett fossil erhaltene kleine Asseln (Isopoda), die als Aasfresser gedeutet werden können. Der neue Dinosaurier ist also vermutlich an Land gestorben, wo sich sogleich die Asseln an ihm zu schaffen machten. Doch schnell nach seinem Tod wurde das Skelett (samt Asseln) in das Meer gespült. Dort sank es auf den lebensfeindlichen Meeresgrund und wurde schnell von Microben-Matten überzogen, die den Organismus gut konservierten und für die außergewöhnlich gute fossile Erhaltung verantwortlich sind.
Ursula Göhlich, Wien
Der größte Ammonit der Welt aus Westfalen - Fossil des Jahres 2008
Abb. 1: Parapuzosia seppenradensis, Riesenammonit mit Spaten als Maßstab
Was ist das "Fossil des Jahres"?
Fossilien sind einmalige Zeugnisse der Entwicklung des Lebens auf unserem Planten. Sie liefern uns Hinweise auf oft dramatische Veränderungen der Umwelt und der Lebensbedingungen über unvorstellbar lange Zeiträume. Anschaulich zeigen sie, wie die heutige Vielfalt der Organismen im Laufe der Evolution entstanden ist und dokumentieren auch Lebensformen, die heute nicht mehr existieren. Fossilien haben einen großen praktischen Nutzen, etwa in der Exploration von Rohstoffen oder in der Klimaforschung, aber immer handelt es sich um besondere Objekte naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Manche Fossilfunde sind spektakuläre Museumsexponate, die den Betrachter durch ihre ungewöhnliche Gestalt, ihre Erhaltung, ihre Größe oder ihren ästhetischen Reiz in Erstaunen versetzen. Dadurch sind sie vielfach auch zu Sinnbildern der kulturellen Entwicklung des Menschen in seiner Auseinandersetzung mit der Entstehung und Entwicklung des Lebens geworden.
Um dieser Bedeutung von fossilen Objekten Rechnung zu tragen und ihre Erforschung durch die Wissenschaft der Paläontologie in der Öffentlichkeit stärker ins Bewusstsein zu bringen, hat die Paläontologische Gesellschaft für 2008 zum ersten mal den Titel "Fossil des Jahres" an ein herausragendes Fossil vergeben. Die Vergabe dieses Titels ist an eine Reihe von Kriterien geknüpft, die sowohl die wissenschaftliche Bedeutung als auch den besonderen Museumswert der Fossilien berücksichtigen.
Kriterien für das Fossil des Jahres sollen sein:
- Ein wichtiges Fossil, das einen hohen Erkenntnisgewinn liefert (z.B. für die Evolutionsforschung, Biogeographie usw.)
- Ein spektakulärer Neufund des vorherigen Jahres
- Ein Fossil mit einem besonderen historischen Bezug zu dem jeweiligen Jahr (z.B. der Fund des Neandertalers)
- Eine bedeutende Wiederentdeckung in alten Sammlungen
- Es sollte eine gute Sichtbarkeit bzw. einen "medialen Effekt" haben
- Es sollte von überregionaler Bedeutung sein
Die Wahl des "Fossil des Jahres" läuft folgendermaßen ab: Die Vorschläge werden in Form einer Bewerbung (ca. 1 Textseite plus Photos) jeweils bis Ende Juni bei einer Kommission für das "Fossil des Jahres" eingereicht. Die Kommission besteht aus 5 Mitgliedern, die vom Vorstand für 3 Jahre ernannt wird. Aktuell setzt sie sich wie folgt zusammen: W. von Koenigswald (Vorsitz), R. Werneburg, J. Eder, M. Aberhan, M. Hartzhauser. Die Kommission trifft eine Vorauswahl von max. 5 Vorschlägen, die auf der Homepage der Paläontologischen Gesellschaft vorgestellt und zusätzlich während der Jahrestagung ausgehängt werden. Die Mitglieder wählen das "Fossil des Jahres" während der Jahrestagung. Zu Beginn des entsprechenden Jahres wird das "Fossil des Jahres" der Öffentlichkeit und der Presse präsentiert.
Aufruf zhum Fossil des Jahres 2009
Das "Fossil des Jahres 2008" - der größte vollständige Ammonit der Welt Während der Jahrestagung der Paläontologischen Gesellschaft 2007 in Freiberg wurde der größte Ammonit der Welt als "Fossil des Jahres 2008" gewählt. Er ist im LWL-Museum für Naturkunde des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster zu besichtigen. Mit einem Durchmesser von ca. 1,80 m ist der Fund aus dem Münsterland der größte und dabei vollständige Ammonit der jemals gefunden wurde. Kopien dieses herausragenden Fossils sind in allen großen Museen der Welt ausgestellt. Das kreidezeitliche, ca. 80 Millionen Jahre alte Original hat ein Gewicht von etwa 3,5 Tonnen.
Die Fundgeschichte Bereits 1887 wurde im Steinbruch Kortmann bei Seppenrade (Kreis Coesfeld) im südlichen Münsterland, zirka 25 Kilometer südwestlich von Münster, ein Ammonit mit einem Durchmesser von 1,36 Meter entdeckt. Prof. Dr. Hermann Landois, Direktor und Gründer des damaligen Westfälischen Provinzialmuseums für Naturkunde und "Direktor der zoologischen Sektion des Westfälischen Provinzialvereins für Wissenschaft und Kunst", in Münster glaubte, dass sich nun der größte Ammonit der Welt in Westfalen befände.
Das Stück erregte in der Fachwelt großes Aufsehen - bis zum 23. Februar 1895. Damals erhielt Prof. Landois aus Seppenrade ein Telegramm des Kaufmanns, Zoologen und Heimatforschers Theodor Nopto mit folgendem Inhalt: "Seppenrade. Zweiter Riesenammonit gefunden. Durchmesser 1,80 m. Nopto." Tatsächlich hatte man im selben Steinbruch, in dem auch schon der erste Riese entdeckt worden war, ein weiteres Exemplar gefunden. Bei der Bergung brach das spektakuläre Fossil in sieben Teile, die später wieder zusammengefügt wurden. Prof. Landois erwarb den Ammoniten für 125 Goldmark für das Provinzialmuseum und ließ ihn am 8. März 1895 nach Münster in das alte Gebäude des Naturkundemuseums an der Himmelreichallee, heute Musikschule, überführen und aufstellen.
Präsentation im LWL-Museum Im Dezember 1980 wurde der Riesenammonit vom alten zum neuen Naturkundemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) transportiert. Bis 1995 war der versteinerte Kopffüßer mit zwei weiteren Ammoniten in einem eigenen Ausstellungsbereich zu sehen. Doch dann wurde dieser Museumsbereich für eine andere Ausstellung benötigt, und die Großammoniten in ihrem stahlbewehrten Betonfundament verschwanden für Jahre hinter einer Wand. Anfang 2006 zogen Zugfahrzeuge den Ammoniten dann millimeterweise quer durch das Museum zu seinem neuen Standort im Foyer.
Die Erhaltung des Riesenammoniten Der Riesenammonit ist als so genannter Steinkern erhalten, d.h. die ursprünglich vorhandene Schale ist, bis auf wenige in Kalzit umgewandelte Reste, weggelöst, so dass heute nur noch der Sedimentausguss des Gehäuses vorliegt. Von diesem Steinkern ist lediglich die linke Seite erhalten. Insgesamt sind 4 ½ Windungen erkennbar. Die Windungen zeigen deutlich die Lobenlinien, bei denen es sich um die Schnittlinien der Kammerscheidewände mit dem Gehäuse handelt. Die einzelnen Kammern sind durch einen Sipho, ein ehemals gut durchbluteter, häutiger Schlauch, miteinander verbunden. Damit konnte der Ammonit den Flüssigkeitspegel in den ansonsten mit Gas gefüllten Kammern kontrollieren. Das gekammerte Gehäuse ist also ein hydrostatischer Schwebeapparat, der dem riesigen Tier ein Auf- bzw. Absteigen in der Wassersäule ermöglichte. Die Wohnkammer nimmt etwa den letzten halben Umgang ein und weist eine größere Bruchfläche auf. Der Mundsaum, d.h. der vordere äußere Rand der Wohnkammer, ist deshalb nur noch an zwei Stellen erhalten. Das Gehäuse liegt somit, entgegen der ursprünglichen Annahme von Prof. Landois, tatsächlich vollständig vor.
Die Verwandtschaft des Riesenammoniten Ammoniten sind Kopffüßer, die mit dem heutigen Nautilus, den Kalmaren und Kraken verwandt sind. Sie besaßen ein spiralig gewundenes, gekammertes Gehäuse, einen Weichkörper mit Tentakel ähnlichen Armen und Mundwerkzeuge, die wie ein Papageischnabel ausgebildet waren. Vor ca. 400 Millionen Jahren erschienen sie in den Ozeanen, wo sie nahezu 350 Millionen Jahre lang zu den häufigsten und artenreichsten Lebewesen zählten. Vor 65 Millionen Jahre, am Ende der Kreidezeit, starben sie zusammen mit den Dinosauriern und anderen Gruppen unwiederbringlich aus. Die Kopffüßer waren ehemals eine sehr artenreiche Organismengruppe, von der mehr als 11.000 fossile Arten bekannt sind. Heute leben nur noch etwa 750 Arten in den Weltmeeren, wo sie jedoch einen erheblichen Teil der Biomasse bilden, da sie oft in riesigen Schwärmen vorkommen.
Ursachen für den Riesenwuchs Die Größe des Fossils an sich ist für den Betrachter beeindruckend und überraschend. Damit verbunden sind aber auch grundlegende evolutionsbiologische Fragestellungen, nach der Triebkraft der evolutiven Größenzunahme und den Grenzen des Wachstums. Da es in der Natur viele Vorteile für größere Tiere gibt, z.B. besserer Schutz vor Fressfeinden, höhere Attraktivität für Geschlechtspartner, ein höheres Lebensalter und einen effizienteren Stoffwechsel, hat es innerhalb vieler Organismengruppen eine Entwicklung zum Gigantismus gegeben. Die enorme Größe des Riesenammoniten überrascht vielleicht weniger, wenn man bedenkt, dass auch die heutigen Riesen unter den marinen Organismen zu den Tintenfischen gehören. Kalmare der Gattung Architeuthis erreichen eine Gesamtlänge von ca. 18 m.
Riesenwuchs trat bei den Ammoniten nicht nur in der Kreide auf, sondern auch in Oberdevon, Trias und Jura. In keinem Fall wurde jedoch die Größe der kreidezeitlichen Riesen erreicht. Diese Großformen entwickelten sich immer nach globalen, teilweise erheblichen Anstiegen des Meeresspiegels. Die oft sehr weiträumigen Überflutungen schufen dabei ausgedehnte Schelfbereiche, in denen sich die Ammoniten ansiedeln und spezialisieren konnten. Die Großammoniten lebten also in flacherem Wasser. Ganz im Gegensatz zu den bereits erwähnten lebenden Riesentintenfischen, die ausschließlich in der Tiefsee vorkommen. Es waren also besondere Eigenschaften im Bauplan und der Biologie der Ammoniten, die ihnen einen derartigen Gigantismus erlaubten - ein fruchtbares Feld für zukünftige Forschungen. Der Riesenammonit von Münster macht damit die Herausforderung augenfällig, die Fossilien oftmals für das Verständnis der Evolution bedeuten.
Wo und wann kann das "Fossil des Jahres 2008" besichtigt werden? In Münster kann das "Fossil des Jahres 2008" Dienstags bis Sonntags von 9 bis 18 Uhr im LWL-Museum für Naturkunde des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Sentruper Str. 285, 48161 Münster, besichtigt werden (Telefon 0251 / 591-05). Weitere Informationen für Besucher des Museums und eine Bildergalerie finden Sie unter www.lwl-naturkundemuseum-muenster.de
Dr. Lothar Schöllmann (LWL-Museum für Naturkunde, Sentruper Str. 285, 48161 Münster)
Prof. Dr. Jes Rust (Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn, Nussallee 8, 53115 Bonn, E-mail:jrust@uni-bonn.de)
Abb. 2: Umzug des ca. 3,5 Tonnen schweren Großammoniten in das Foyer des LWL-Museums für Naturkunde mit Hilfe eines Spezialfahrzeugs
Abb. 3: Montage am neuen Standort
Abb. 4: Der ehemalige Direktor des Westfälischen Provinzialmuseums für Naturkunde, Prof. Dr. Hermann Landois, neben dem Riesenammoniten kurz nach seiner Bergung
Abb. 5: Lebensbild von Parapuzosia seppenradensis
Fototermin "Fossil des Jahres 2008" am Dienstag, 8. Januar im LWL-Museum für Naturkunde, Münster (alle Fotos: Georg Oleschinski, Bonn)
© Paläontologische Gesellschaft, letzte Änderung 26.01.2010 durch
August Ilg
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