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Laudatio für die Alberti-Preisträgerin 2002 Dr. Lea Grauvogel-Stammam 29. November 2002 in Ingelfingen
von Klaus-Peter Kelber, Mineralogisches Institut, Universität Würzburg
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Schneider,
sehr geehrter Herr Landrat Jahn,
hochverehrte Laureaten,
meine sehr verehrten Damen und Herren!
Wir wissen es heute durch jüngste Forschungsergebnisse - und auch Prof. Gall hat uns eben in seinem Vortrag davon berichtet - dass die Zeit nach dem Massenaussterben an der Perm-Trias-Grenze - der größten biologischen Krise, die jemals unseren Planeten betroffen hat - zu den aufregendsten Kapiteln der Erdgeschichte gehört. Die frühe Trias war - auch aus paläobotanischer Sicht - eine Zeit der Erholung, eine Zeit der Konsolidierung der terrestrischen Ökosysteme.
Und gerade auf diesen Zeitabschnitt konzentrieren sich die paläobotanischen Forschungen von Dr. Lea Grauvogel-Stamm. Auf der Basis reicher Fossilaufsammlungen, die ihr Vater, Louis Grauvogel, in vielen Jahren aus dem Voltziensandstein zusammengetragen hatte - später jedoch durch gleichaltriges Material aus der ganzen Welt ergänzt - gelangen Ihr herausragende paläobotanische Arbeiten.
Dr. Lea Grauvogel-Stamm promovierte 1969 an der Universite Louis Pasteur, Strasbourg, über die männlichen Blüten der Koniferen des Voltziensandsteins - 1978 habilitierte Sie sich mit einer Gesamtbearbeitung der Makroflorenreste des Voltziensandsteins. Durch den Einsatz moderner paläobotanischer Arbeitstechniken, die an diesem Fossilmaterial noch niemals zuvor durchgeführt wurden -- z.B. der Mazerationstechnik, der Gewinnung von Pollen und Sporen in situ, also direkt aus den fossilen Fruktifikationen - sowie der Darstellung zellulärer Strukturen durch Dünn- und Anschliffe -- resultierten bahnbrechende neue Einsichten über die Baupläne und die Architektur der Untertrias-Pflanzen.
Herausgreifend sei an dieser Stelle nur an die Bearbeitung der in reicher Diversität vorkommenden männlichen und weiblichen Koniferenblüten sowie an die geglückte Kombination von sterilen und fertilen Pflanzenorganen bei verschiedenen Pflanzen - so z.B. bei Schizoneura paradoxa - erinnert. Im Schatten des Perm-Trias-Aussterbeereignisses steht auch das Erscheinen der krautigen Konifere Aethophyllum - einer fossil überlieferte Ruderalpflanze - deren Aufsehen erregende paläobotanische Entzifferung Dr. Léa Grauvogel-Stamm zu verdanken ist.
In diesen Publikationen - aber auch in anderen Arbeiten der Verfasserin - folgt der Darstellung der fossilen Befunde durch modernste optische Verfahren die zeichnerische Rekonstruktion der Pflanze, in der dann die mühevoll erworbene Summe aller forscherischen Einzelbeobachtungen eingeflossen ist. So liegen uns heute aus Lea Grauvogel-Stamms Hand schematische Schnitte, Wuchsform- und Habitat-Rekonstruktionen vor, die uns diese ehedem eher rätselhaften Florenelemente aus der Unteren Trias besser verstehen lassen.
Von großer Wichtigkeit - auch bei weltweiter Betrachtung - erwiesen sich die monographischen Bearbeitungen zur Gattung Pleuromeia, einer opportunistischen Bärlapp-artigen Pflanze, die in der ersten Phase der Erholung nach dem Aussterbe-Disaster an der Perm-Triasgrenze die zerstörten Habitate als Pionierpflanze besiedelt hat. An vielen Fundstellen aus der unteren Trias waren die Pleuromeien die einzigen Pflanzen, die in dichten Beständen fleckenartig in unmittelbarer Nähe der Gewässer siedeln konnten.
Tatsächlich reicht die Spannbreite der wissenschaftlichen Themen Lea Grauvogel-Stamms weit in andere Epochen der Erdgeschichte hinein. Hierher gehören besonders die Forschungen über die Lycopsiden-Fruktifikationen, z.B. über Polysporia dubingeri aus dem Karbon und natürlich die Enträtselung von Annalepis zeilleri aus dem Unteren Keuper. Nicht zuletzt soll auf die Arbeiten über die Interaktion und Koevolution von Tieren und Pflanzen verwiesen werden. Diese Forschungen stützen sich auf seltene Funde von Fraß- und Siedlungsspuren an den fossilen Pflanzen, die das vielseitige paläobiologische Beziehungsgeflecht zwischen der Insekten- und Pflanzenwelt im Ökosystem des Voltziensandsteins dokumentieren.
Lea Grauvogel-Stamms innovative Forschungen haben schon in der Vergangenheit zu Ehrungen geführt. So konnte Sie 1979 den Preis der Emberger Foundation in Montpellier erringen - Respekt und Anerkennung fanden 1985 ihren Ausdruck in dem Ihr verliehenem Paul-Bertrand-Preis der Society of Sciences, Agriculture and Arts in Lille und schließlich 1986 durch die Verleihung des Paul-Bertrand-Preises der Academy of Sciences, Paris.
Dr. Léa Grauvogel-Stamm publiziert ihre Forschungsergebnisse beinahe ausschließlich in international bestens renomierten wissenschaftlichen Zeitschriften. Ihr umfangreiches Schriftenverzeichnis bezeugt die Einbindung ihrer Forschungen in internationale Projekte und darüber hinaus ihre interdisziplinäre Zusammenarbeit mit hochrangigen Wissenschaftlern aus den USA und aus der ganzen Welt.
Nicht unterschätzt werden sollen auch die zeitaufwendigen, aber eher im Verborgenen geleisteten Arbeiten für eine breite Öffentlichkeit: Hier ist an erster Stelle die Kurator-Arbeit mit ungezählten Führungen im Privatmuseum Grauvogel in Ringendorf zu nennen. Desweiteren sei auf die geleistete Funktionsarbeit in internationalen wissenschaftlichen Organisationen verwiesen, aber auch auf die Vorbereitung und Durchführung zahlreicher gelungener Exkursionen. Gerne erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an die exzellente Durchführung der Jahrestagung des Arbeitskreises für Paläobotanik und Palynologie in Strasbourg und an die damalige gastfreundliche Aufnahme aller Exkursionsteilnehmer im Grauvogel-Museum in Ringendorf.
Meine sehr verehrten Damen und Herren - wir verdanken der Laureatin durch ihre akribischen Forschungen einen seltenen Einblick in den bekanntermaßen aus paläobotanischer Sicht spröden und durch seine relative Fossilarmut nur schwer erschließbaren Buntsandstein der germanischen Trias. Dies ist einerseits von erstrangiger Bedeutung für die Enträtselung des Fortgangs der Pflanzenevolution. Andererseits sind die Pflanzen auch bei den ältesten Lebensgemeinschaften des Mesozoikums der Beginn der Nahrungspyramide, ihre genaue Kenntnis ist unabdingbare Voraussetzung für das Gesamtverständnis sowohl der paläobiologischen, aber auch der paläoklimatischen Szenarien.
Dr. Lea Grauvogel-Stamm hat nicht nur den paläobotanischen Kenntnisstand über die Pflanzenfossilien des nordost-französischen Voltziensandsteins beträchtlich erweitert; Sie hat - auch bei globaler Betrachtung - unser Wissen insgesamt über die frühen mesophytischen Floren durch ihre langjährigen Forschungen in neue Höhen gebracht.
Dafür sagen wir Ihnen, verehrte liebe Frau Dr. Grauvogel-Stamm, unseren aufrichtigen Dank. |