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Wolf-Ernst Reif † (27.6.1945-11.6.2009)

Am Donnerstag dem 11. Juni 2009 ist Prof. Dr. Wolf-Ernst Reif nach langer Krankheit verstorben. Mit ihm hat die Universität Tübingen einen herausragenden und sehr produktiven Paläontologen verloren. Wolf-Ernst Reif wurde am 27. Juni 1945 in Heidenheim geboren. Obwohl er sein Leben lang an einer progressiven Krankheit litt, die ihn schließlich an den Rollstuhl fesselte, war er ein sehr engagierter und vielseitiger Wissenschaftler. Sein Werk umfasst über 150 Publikationen zu verschiedensten Themen der Paläontologie. Internationale wissenschaftliche Berühmtheit erlangte er vor allem durch seine Untersuchung der Hydrodynamik der Haie, der Schmelzmikrostruktur von Haizähnen und durch seine wissenschaftstheoretischen Arbeiten zur Evolutionstheorie und Phylogenetik. Wolf –Ernst Reif war bereits in seiner Jugend von der Geologie und Paläontologie fasziniert. Er sammelte und präparierte Fossilien in seiner Heimat und wie so oft, wurde diese jugendliche Faszination zur Bestimmung. 1965 begann er in Tübingen das Studium der Geologie und Paläontologie. Noch bevor er 1970 seinen Diplomabschluss erhielt, hatte er bereits drei wissenschaftliche Arbeiten publiziert. Er hatte mit Säure aus dem Nattheimer Kalk fossile Korallen und Schwammreste herausgeätzt und in seiner ersten Publikation (1967) die Schwammnadeln beschrieben. Seine Diplomarbeit fertigte er über den Muschelkalk an inklusive der hierzu notwendigen, umfangreichen Geländearbeit. Anschließend wandte er sich der Erforschung der Entstehungsbedingungen von bonebeds, wie etwa dem berühmten Grenzbonebed, zu. Dieser Problemkreis beschäftigte ihn Zeit seines Lebens. Seine Dissertation über die Form, Struktur und hydrodynamische Funktion der Schuppen auf der Haifischhaut stand ganz im Zeichen des Sonderforschungsbereichs 53. Nach der Promotion 1973 wurde Wolf-Ernst Reif wissenschaftlicher Assistent bei Prof. Seilacher und übernahm die Leitung des Teilprojektes Konstruktionsmorphologie im SFB 53. Auch weiterhin standen Haie im Zentrum seiner wissenschaftlichen Interessen und von 1975 bis 1976 konnte er mit Hilfe eines Nato-Stipendiums zusammen mit seiner Familie ein Jahr als visiting professor auf Hawaii verbringen. Reif widmete sich in dieser Zeit intensiv der hydrodynamischen Wirkung der Haischuppen und entdeckte dabei deren Wirkung, den Srömungswiderstand des schwimmenden Hais deutlich zu reduzieren. Für diese Entdeckung wurde Wolf-Ernst Reif 1986 mit dem Ernst-Mach-Preis der DLR in Stuttgart ausgezeichnet. Ribletfolien, die auf dieser Entdeckung beruhen, wurden später bei Schiffen und Verkehrsflugzeugen erfolgreich erprobt. Da aus gesundheitlichen Gründen ein Wechsel an eine andere Universität nicht möglich war, wurde Reif 1988 in Tübingen zum Professor für Paläontologie als Nachfolger von Prof. Westphal berufen. In den 90er Jahren widmete sich Wolf-Ernst Reif der theoretischen Morphologie und wandte das Konzept des "morphospace" auf die Wirbeltiere an. Allerdings wurde er schon 1996 frühzeitig aus gesundheitlichen Gründen pensioniert. Dies bedeutete aber nicht, dass damit seine wissenschaftliche Arbeit ein Ende fand. Sein ganzes Leben lang hat Wolf-Ernst Reif seine zunehmende Behinderung beispielhaft und ohne Klage meistern können, weil er immer wieder sein Arbeitsgebiet und sein Arbeitsumfeld den wandelnden Bedingungen anpasste, um weiterhin aktiv bleiben zu können. In seinem Ruhestand publizierte er noch über 50 wissenschaftliche Arbeiten. Er konzentrierte sich in dieser Zeit mehr und mehr auf theoretische Untersuchungen der phylogenetischen Analyse und der Entstehung von Darwins Evolutionstheorie. In 20 aufeinander folgenden Arbeiten untersuchte er kritisch die grundsätzlichen Probleme der Kladistik. Eng damit verwoben waren kritische Betrachtungen zur Interpretation evolutionsbiologischer Mechanismen. Insbesondere die Entstehung der Selektionstheorie in den Werken Charles Darwins hat Reif intensiv beschäftigt. Im Rahmen seiner Darwin-Studien untersuchte Reif alle ihm zugänglichen schriftlichen Quellen aus den Händen Charles Darwins, um den Entstehungsprozess der komplexen Theorie im Geiste des großen Biologen nachvollziehen zu können. Hierzu analysierte er die Texte zunächst einzeln, um nach Aussagen und neuen Interpretationen zu suchen, die bisher möglicherweise übersehen oder fehlinterpretiert wurden. Danach wurden die Texte gemeinsam daraufhin untersucht, wie bestimmte Elemente der Evolutionstheorie (z. B. Selektion, Artbegriff, Speziation etc.) in ihnen dargestellt sind, um den Entwicklungsprozess der Gesamtidee zu verstehen. Schließlich hat Reif sich auch mit der Art der Beweisführung in Darwins Werk, also der logischen Begründung seiner Hypothesen und der wissenschaftstheoretischen Basis gewidmet. In diesen Jahren hatte Wolf-Ernst Reif auch die Herausgeberschaft des Neuen Jahrbuches für Geologie und Paläontologie übernommen. In diesem Journal erschienen zahlreiche seiner theoretischen Arbeiten. Im November 2008 wurde Wolf-Ernst Reif zum Ehrenmitglied der Paläontologischen Gesellschaft ernannt. Er war bis zuletzt wissenschaftlich aktiv tätig und hat hieraus auch immer wieder Kraft geschöpft, sein immer beschwerlicher werdendes Leben zu meistern. Wir alle werden ihn als Kollegen, Forscher und Freund sehr vermissen.

Hans-Ulrich Pfretzschner, Tübingen


Volker Fahlbusch 1934 – 2008

Am 30. Oktober 2008 verstarb im Alter von 74 Jahren Prof. Volker Fahlbusch. Volker Fahlbusch war ein hoch respektierter Hochschullehrer, Kollege und Freund und dies nicht nur für die Paläontologie in München (Fakultät für Geowissenschaften und Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Geologie), sondern für die paläontologische Wissenschaft weltweit. Volker Fahlbusch hat über 40 Jahre die Wirbeltierpaläontologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München in Forschung und Lehre nicht nur vertreten, sondern maßgeblich geprägt und stetig weiterentwickelt. Als Spezialist für Rodentia (Nagetiere) trug er fundamental zur Stratigraphie und Paläontologie des terrestrischen Känozoikums Europas bei, insbesondere durch die Etablierung der biochronologischen Säugetier-Zonen (MN-Einheiten) des Miozäns. Seine Studien zu den Evolutionsreihen oligozäner und miozäner Nagetiere waren darüber hinaus die Grundlage für groß angelegte internationale Projekte über das Oligozän von China und das Miozän der U.S.A. Volker Fahlbusch war auch die treibende Kraft hinter einer sehr erfolgreichen Kooperation mit dem Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking. Beispielsweise wurden erst durch die wissenschaftliche Zusammenarbeit (inklusive gemeinsame Geländeaufenthalte) berühmte Mio-/Pliozän-Fundstellen (Ertemte, Harr Obo) in der Inneren Mongolei für paläontologische Forschungen wieder zugänglich gemacht. Die diesbezüglichen Forschungsergebnisse von Volker Fahlbusch sind auch heute noch von fundamentaler Bedeutung.
Eine seiner größten Leidenschaften in der Forschung galt über Jahrzehnte hinweg der miozänen Wirbeltierfundstelle Sandelzhausen bei Mainburg, nördlich von München. Er und sein Team führten insgesamt ca. 20 Grabungskampagnen durch und bargen Zehntausende Fossilreste, die über 200 verschiedenen Arten zugeordnet werden konnten.
1974 gründete er den „Arbeitskreis Wirbeltierpaläontologie“ der Paläontologischen Gesellschaft, in dem der gesamte Kreis der deutschsprachigen Wirbeltierpaläontologen vereint ist und intensiv kooperiert.
Volker Fahlbusch zeichnete sich auch durch eine extrem große Hingabe für die Lehre aus, was sich allein schon in der Betreuung von 40 Diplom- und Doktorarbeiten widerspiegelt. Als Gutachter für die Deutsche Forschungsgemeinschaft schrieb er mehr als 500 Gutachten in 20 Jahren. Darüber hinaus wirkte Volker Fahlbusch in vielen wissenschaftlichen Ausschüssen und Kommitees mit.
Wir werden Volker Fahlbusch nicht nur als einen herausragenden Forscher und vorbildlichen Hochschullehrer, sondern auch als einen wunderbaren Menschen, immer in Erinnerung behalten.

Uschi Göhlich, Wien; Gertrud Rößner, Martin Nose, beide München


Professor Dr. John H. Ostrom

1928 - 2005

Am Samstag, den 16. Juli 2005, starb Dr. John H. Ostrom an einer Komplikation seiner Alzheimer-Erkrankung in Litchfield, Connecticut.

John Ostrom wurde 1928 in New York City geboren und erhielt seinen Bachelor-Abschluss 1951 vom Union College. Unter dem Einfluss des berühmten Paläontologen und Evolutionsforschers George Gaylord Simpson wechselte Ostrom danach zur Promotion an die Columbia University in New York, wo dann Edwin Colbert vom American Museum of Natural History sein Interesse an Dinosauriern weckte. In seiner Promotion, die er 1960 abschloss, beschäftigte sich John Ostrom mit der vergleichenden funktionellen Schädelanatomie der Hadrosaurier (Entenschnabelsaurier). Im Jahr 1961 trat er eine Stelle als Professor für Geologie und Geophysik an der Yale University in New Haven sowie die Kustodie für Wirbeltierpaläontologie an dem zur Universität gehörenden Yale Peabody Museum an. Die Ergebnisse seiner Promotion veröffentlichte er im selben Jahr in einer inzwischen klassischen Monographie im Bulletin of the American Museum of Natural History und widersprach in einer folgenden Publikation wenige Jahre später der damals vorherrschenden Meinung, daß Hadrosaurier semiaquatische Sumpfbewohner waren. Ostrom's Hadrosaurier-Arbeiten inspirierten weitere Forschungen auf diesem Gebiet, die schließlich zu den Erkenntnissen über die erstaunliche anatomische und ökologische Komplexität dieser Tiere führten, wie wir sie heute kennen.

Mit der Übernahme der Kustodentätigkeit im Peabody Museum und somit einer der bedeutendsten Sammlungen der horntragenden Dinosaurier (Ceratopsier), wandte sich Ostrom's Interesse auch dieser Gruppe zu. Es folgten mehrere Publikationen über die funktionelle Anatomie der Schädel dieser Tiere, die mehrere bis dahin kontroverse Aspekte der Ökologie der Ceratopsier zu lösen halfen.

Zu derselben Zeit initiierte Ostrom ein Projekt, das seiner Laufbahn eine neue Richtung gab. In den Jahren 1962 bis 1967 unternahm John Ostrom ausgedehnte Geländekampagnen in der unterkretazischen Cloverly Formation in Montana. Im Jahr 1964 stieß Ostrom's Team dabei auf die fossilen Reste eines neuen Raubsauriers, den Ostrom 1969 Deinonychus antirrhopus benannte und in einer Monographie detailliert beschrieb. Die Arbeit an diesem bemerkenswerten neuen Raubsaurier führte Ostrom zu zwei neuen Theorien, die die Dinosaurierforschung revolutionieren sollten. Deinonychus war ein offensichtlich auf Agilität ausgerichtetes Tier, was jedoch den damaligen Vorstellungen von Dinosauriern als langsamen, eher schwerfälligen Reptilien widersprach. Unter dem Einfluss einer Arbeit von J. E. Heath, der die Evolution der Warmblütigkeit bei den säugetierähnlichen Reptilien mit einem Wechsel in ihrer Körperhaltung in Verbindung brachte, führte dies Ostrom zu der gewagten These, daß zumindest einige Dinosaurier vermutlich warmblütig waren. Diese revolutionäre Idee veröffentlichte er 1970 in einer Arbeit mit dem eher unscheinbaren Titel "Terrestrial vertebrates as indicators of Mesozoic climates". Der andere Aspekt, auf den Ostrom durch seine Arbeit an Deinonychus aufmerksam wurde, war die große Ähnlichkeit dieses Theropoden mit dem ältesten bekannten Vogel, Archaeopteryx. Dies führte zur Widerbelebung der Theorie der Abstammung der Vögel von den Raubsauriern, die Ostrom in mehreren einflussreichen Arbeiten während der 70iger Jahre des letzten Jahrhunderts ausarbeitete. Diese beiden seitdem äußerst kontrovers und manchmal schon fast erbittert diskutierten Theorien haben unsere Sichtweise der Dinosaurier, ihrer Evolution und Biologie, wohl stärker verändert als alle Entwicklungen seit den Zeiten der klassischen Dinosaurierforscher des 19. Jahrhunderts wie Owen, Marsh und Cope. Sie läuteten somit auch die Renaissance der Dinosaurierpaläontologie ein, die seitdem anhält und das Feld schneller vorangebracht hat als jemals zuvor.

John Ostrom hatte auch enge Verbindungen nach Deutschland, die er in zahlreichen Besuchen pflegte. So begannen seine Untersuchungen an Archaeopteryx mit einer Reise nach Europa im Jahre 1970, bei der er eigentlich Flugsaurier aus den klassischen europäischen Fundstellen, insbesondere den Solnhofener Plattenkalken, untersuchen wollte. Dabei stellte er fest, daß einer der "Flugsaurier" in der Sammlung des naturhistorischen Museum in Haarlem, Niederlande, in Wirklichkeit ein weiteres, bisher unidentifiziertes Exemplar von Archaeopteryx ist. Spätere Besuche in Europa führten ihn auch immer wieder an die Bayerische Staatssammlung nach München, wo er unter anderem den kleinen Theropoden Compsognathus aus den Solnhofener Schichten studierte und in einer Monographie zum ersten Mal detailliert beschrieb und, mit seinem langjährigen Freund Peter Wellnhofer, Anhand des Münchener Exemplares eine taxonomische Revision des horntragenden Dinosauriers Triceratops vornahm.

Trotz seiner revolutionären Thesen war Ostrom ein vorsichtiger Wissenschaftler, der seine Ideen detailliert und von hervorragenden wissenschaftlichen Analysen gestützt darlegte. Er war trotz seiner Überzeugung immer offen für die Argumente der Gegner seiner Thesen und war vorsichtig in seinen Bewertungen. Als ich 1992 zum ersten Mal die Ehre hatte, den großen Mann persönlich zu treffen, fragte ich ihn, ob er denn weiterhin an die Warmblütigkeit der Dinosaurier und die Abstammung der Vögel von den Theropoden glaubte. Er antwortete, daß im ersten Fall die Diskussion noch offen und das Problem offenbar doch komplexer war als auch er selber ursprünglich angenommen hatte, während die Beweislage für die Abstammung der Vögel doch immer besser würde. Es muss für ihn eine besondere Genugtuung gewesen sein, als diese zweite These letztendlich durch den Fund von befiederten Theropoden in China Ende der neunziger Jahre endgültig bestätigt wurde. Er selber hatte noch die Gelegenheit, die ersten Funde 1997 in China zu untersuchen.

Eine andere Begebenheit während meines Besuches in Yale 1992 wirft ebenfalls ein Licht auf den Menschen Ostrom: Als plötzlich ein Museumsbesucher zu uns trat, während wir gerade die Skelette von Deinonychus in der Ausstellung des Peabody Museum betrachteten, und fragte: "Sind sie nicht der berühmte Paläontologe John Ostrom", war ihm das sichtbar peinlich. Ich habe somit Ostrom als bescheidenen und überaus freundlichen Mann erlebt, der einen unbedeutenden kleinen Geologie-Studenten aus Deutschland genauso ernst nahm wie gestandene Kollegen.

John Ostrom hat wie kein anderer unsere Vorstellung der Dinosaurier revolutioniert und sein Einfluss auf die Dinosaurierpaläontologie und somit auch die Wirbeltierpaläontologie insgesamt kann kaum überbewertet werden. Man kann ihn somit mit einiger Berechtigung den wohl bedeutendsten Dinosaurier-Spezialisten der letzten hundert Jahre nennen. Obwohl er in den letzten Jahren aufgrund seiner Krankheit wissenschaftlich nicht mehr aktiv war, wird sein Einfluss lange über seinen Tod hinausreichen. Nicht nur seine zahlreichen Studenten, darunter inzwischen selbst namhafte Paläontologen wie Robert Bakker, Peter Dodson, James Farlow, oder Thomas Holtz, sondern auch viele der neueren Generation der Dinosaurierspezialisten werden seinen Tod als den Verlust einer Art "wissenschaftlichen Übervaters" empfinden!

Oliver Rauhut, München


Professor Dr. Arno Hermann Müller

* 25. August 1916 in Erfurt

† 11. April 2004 in Freiberg

Am 11.04.2004, starb Prof. em. Dr. rer. nat. habil. Arno Hermann Müller. A.H. Müller, geboren am 25.08.1916 in Erfurt, hatte seine schulische Ausbildung im Thüringischen. Nach Arbeitsdienst und Wehrdienstpflicht studierte er an Jenaer Friedrich-Schiller Universität. Nach nur einem Semester folgten 1938 Fronteinsätze in Frankreich und Russland von denen er schwer verwundet zurückkehrte. Studien in Halle bei Johannes Weigelt und - nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft - in Göttingen folgte 1948 die Promotion zum Thema "Stratonomische Untersuchungen im Oberen Muschelkalk des Thüringer Beckens". Eine Arbeit, die erste Ansätze zu der sich in den siebziger Jahren entwickelnden Mikrofaziesanalyse der marinen Karbonate lieferte. Seit 1948 widmete er sich als Assistent bei Serge von Bubnoff in Greifswald der Sedimentologie und Paläontologie der Norddeutschen Kreide. Mit seiner Habilitationsschrift "Grundlagen der Biostratonomie" (1950) schuf er eine erste Zusammenfassung dieser damals im Entstehen begriffenen Forschungsrichtung. 1951 erhielt A.H. Müller in Greifswald eine Dozentur für "Allgemeine Geologie, Angewandte Geologie und Paläontologie", 1952 folgte er dem Ruf auf die Haeckel-Professur an die Universität Jena. 1957 übernahm A.H. Müller einen Lehrauftrag an der Bergakademie Freiberg, wo er eine national und international renommierte Paläontologen-Schule aufbaute. Hier setzte er das in Jena begonnene Projekt eines umfassenden Lehrbuches der Paläozoologie fort. Dieses sieben­teilige klassische deutschsprachige Lehrwerk - bis 1994 in z.T. fünfter, jeweils erweiterter Auflage erschienen - ist in jeder geo- und biowissenschaftlichen Bibliothek zu finden und hat Generationen von Geowissenschaftlern im In- und Ausland zur Ausbildung gedient. Fasziniert haben A.H. Müller zeitlebens Phänomene in der Evolution der Organismen. Seine Ideen zum "Großablauf der Stammesgeschichte" (1955) bzw. seine Theorien zu den "Ablaufformen der stammesgeschichtlichen Entwicklung" (ab 1956), in denen er endogene transspezifische Faktoren der Evolution diskutiert, brachten ihm zunächst den Ruf eines Mystikers ein. Mitte der siebziger Jahre veröffentlichte er eine neue phylogenetische Regel - die phasenhafte Verlagerung der Formenmaxima in der Evolution von Tiergruppen. Diese "Formenmaxima-Regel" oder "MÜLLERsche Regel" ist mit dem deutschen Begriff "Großablauf" in die englisch­sprachige Terminologie der modernen Phylogenie eingegangen. Weitere Ansätze zum Verständnis von Prozessen in der Phylogenie bieten der von ihm beschriebene "Prologismus" (1976, 1980), d.h. die ontogenetische Prädisposition von Merkmalen phylo(morpho)genetischer Deszendenten sowie seine Untersuchungen zur Determiniertheit spiraler Strukturen in der Anatomie von Organismen (1971 - 1984). A.H. Müllers Wissenschaftskonzept, die Synthese von disziplinärer paläobiologischer Grundlagenforschung und angewandter geowissenschaftlicher Forschung, ist zugleich der Leitgedanke der von ihm begründeten Paläontologie-Reihe der Freiberger Forschungshefte, eine der wenigen ostdeutschen Instituts-Zeitschriften, die über die Wende hinweg kontinuierlich und mit zunehmender internationaler Autorenschaft weiter erscheint. Persönliche Integrität sowie sein Ruf als Wissenschaftler und Hochschullehrer führten zu seiner Aufnahme als Ordentliches Mitglied in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (1965) sowie in die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1967). In der DDR wurde seiner wissenschaftlichen Leistung Akzeptanz mit einem "Nationalpreis 3. Klasse" gewährt, verdiente Anerkennung fand er 1981 mit der Aufnahme als Korrespondierendes Mitglied in die Österreichische Akademie der Wissenschaften sowie 1989 mit der Ehrenmitgliedschaft in der Deutschen Paläontologischen Gesellschaft. Seine Verdienste um die Paläontologie in Deutschland wurden 1992 mit dem "Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" geehrt. Im Herbst des Jahres 2003, wenige Monate vor seinem unerwarteten Tode, verlieh ihm die TU Bergakademie Freiberg die Würde eines Ehrensenators. Bis in die letzten Wochen seines Lebens nahm er durch engen Kontakt zu seinen Schülern mit interessierter Nachfrage und freundlichem Zuspruch Anteil an Lehre und Forschung.

J.W. Schneider, H. Walter und H. Jordan, Freiberg


Herbert Wilhelm Schick

* 6. November 1942 in Stuttgart

† 18. April 2005 in Ditzingen

HERBERT SCHICK beim gemeinsamen Abendessen nach der Jahrestagung

der Paläontologischen Gesellschaft in Mainz im Herbst 2003.

In den Abendstunden des 18. April 2005 wurde Herbert Schick durch einen plötzlichen Herztod viel zu früh aus unserer Mitte gerissen - wenige Stunden zuvor waren wir noch bei einem angeregten Gespräch zusammengesessen.

Herbert Schick wurde am 6.11.1942 in Stuttgart geboren. Zunächst erlebte er dort die Nachkriegs-Trümmerlandschaft und seine frühe Schulzeit, ehe die Familie 1953 nach Ditzingen umzog. In Ditzingen absolvierte er dann seine weitere Schulausbildung und schloss lebenslange Freundschaften. Bei der Firma Werner & Pfleiderer in Stuttgart-Feuerbach machte er von 1957-1960 eine Lehre zum Werkzeugmacher und arbeitete dort in diesem Beruf bis 1965. Dann packte ihn das Fernweh, und er wanderte nach Australien aus, wo er sich als Werkzeugmacher, Zuckerrohr-Erntehelfer und Apfelpflücker in Tasmanien durchschlug. 1968 kehrte er wieder in die Heimat zurück und fand eine Anstellung in seinem erlernten Beruf bei der Firma Bosch in Stuttgart-Feuerbach und auf Auslandseinsatz in Mexiko. 1971 begann er eine Weiterbildung zum Techniker, teilweise im Abendstudium parallel zur Berufstätigkeit. 1974 nahm er dann, im Anschluss an einen einjährigen Vorbereitungskurs, ein Ingenieurstudium an der FH Esslingen auf, das er 1977 abschloss. Erneut zog es ihn in die Ferne, und er unternahm eine längere Reise mit dem Rucksack nach Indien und Südostasien. Dann wurde er bei der Firma Dürr in Stuttgart-Zuffenhausen angestellt, wo er für den Aufbau von Montageanlagen für die Automobilindustrie im Ausland zuständig war. Die zwar gut bezahlte, aber äußerst verantwortungsvolle und arbeitsintensive Tätigkeit führte ihn unter anderem nach Mexiko, Kanada, Korea, Malaysia, China, Singapur und Thailand. Die wenige ihm zur Verfügung stehende Freizeit nutzte er intensiv, um die fremden Kulturen, ihre Geschichte, Traditionen und Gepflogenheiten und die dortigen Landschaften kennen zu lernen. Gern erzählte er von prähistorischen Stätten in Mexiko, wo er auf massenhafte Obsidianklingen und andere Artefakte stieß, die dort ganz unbeachtet herumlagen. Gerade als man ihm im Jahr 1989 eine leitenden Position in seiner Firma antrug, erlitt er ein gesundheitliches Warnsignal, das ihm bedeutete, dass er nicht in der Lage sein würde, sein bisheriges unstetes Leben in dieser Form weiterzuführen. Mit der ihm eigenen Konsequenz schied er daraufhin aus dem Berufsleben aus und beschloss, sich nur noch seinen Interessen und der Pflege seiner betagten Eltern zu widmen. Finanziell war dies zwar mit erheblichen Einschnitten verbunden, doch erlaubten ihm seine Rücklagen und die Mieteinnahmen eines Mehrfamilienhauses, seine gewohnt bescheidene Lebensführung fortzusetzen. Im Oktober 1989 nahm er das Studium der Geologie und Paläontologie an der Universität Stuttgart auf. Als etwas kauzig wirkender "Senioren-Student" wurde er vielfach zunächst von seinen Kommilitonen belächelt, verschaffte sich dann aber durch sein freundliches Wesen, seine Motivation, Hilfsbereitschaft und Lebenserfahrung rasch Anerkennung. Dabei sog er alles sich ihm als Informationsquellen für sein Studium und seinen Erkenntniszuwachs Bietende wissbegierig in sich auf, sorgfältig das Für und Wider der dargebotenen neuen Theorien oder Ansichten abwägend, wobei ihm sein phänomenales Gedächtnis für Fakten sehr zugute kam. Besonders an Exkursionen nahm er mit Leidenschaft teil, nicht nur an solchen der Universität Stuttgart, sondern auch an Veranstaltungen der Universität Tübingen. Als Abschluss seines Diplomstudiums fertigte eine vorzügliche Diplomarbeit über das Profil der Lacunosamergel-Formation (Weißjura gamma) am Bergsturz der Hausener Wand bei Bad Überkingen an. Diese begonnene Thematik griff er dann auch in seiner Dissertation über die Lacunosamergel-Formation auf, die ebenso wie bereits seine Diplomarbeit von PD Dr. Manfred Krautter vom Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Stuttgart betreut wurde - dieser wird sich auch um seinen wissenschaftlichen Nachlass kümmern. Im Unterschied zu einem "normalen" Doktoranden, der versuchen muss, sein in ein Projekt eingebundenes Thema in möglichst kurzer Zeit zu bearbeiten, nahm sich Herbert Schick die Zeit, sich so umfassend in die Thematik einzuarbeiten wie wohl kein zweiter nach ihm. Dabei richtete er den Blick vom Schwäbischen Jura ausgehend auch auf angrenzende Regionen, und er nahm Kimmeridgium-Profile auf der Fränkischen Alb, im Klettgau, im Aargauer Jura und sogar im Jura der Ardèche auf. Es gibt wohl keinen nennenswerten Aufschluss der Lacunosamergel-Formation im Schwäbischen Jura, den er nicht kannte, und wo die Verhältnisse ungünstig waren - und das war oft der Fall - grub er eigenhändig nach. Sein Organisationstalent und Orientierungsvermögen im Gelände waren beeindruckend. Steile Profile an Felswänden und in Steinbrüchen untersuchte er, indem er sich abseilte, die drohende Gefahr jederzeit abschätzend. Als einmal im Zementsteinbruch von Geisingen im Frühjahr eine Wand, an der er eben noch vorbeigegangen war, in sich zusammenstürzte, nahm er das Getöse auf seinem Diktiergerät auf. Mit Beginn seiner Diplomarbeit fand sich Herbert Schick fast jede Woche im Stuttgarter Naturkundemuseum ein, um Literatur zu sichten und Material zu vergleichen oder seine Ergebnisse zu diskutieren und sich dabei neue Anregungen zu holen. Der Leitwert von Ammoniten wurde von ihm mit Nachdruck herausgearbeitet und die Biostratigraphie zusammen mit Gamma-log-Messungen im Aufschluss erfolgreich zur Absicherung seiner Schichtgruppen-Parallelisierungen eingesetzt. Daneben konnte er sich über Fossilien geradezu kindlich freuen, und bei jedem Besuch im Naturkundemuseum musterte er mit Interesse die neuen auf dem Arbeitstisch liegenden Objekte. Besonders der kleine, exotisch anmutende Ammonit Cymaceras mit seinem wellenförmig undulierenden Gehäuse hatte es ihm angetan. Seine multidisziplinär ausgerichtete Bearbeitung der Lacunosamergel-Formation erfuhr immer wieder neue Impulse durch Teilnahme an Exkursionen und Fachkongressen. Die kontrovers diskutierte sequenzstratigraphische Analyse gemischt-karbonatisch-siliziklastischer Systeme brachte ihn auf Tagungen mit renommierten Fachkollegen wie André Strasser, Wolfgang Schlager und Thomas Aigner zusammen. Im Jahr 2001 nahm er erstmals als Gast an der Jahrestagung der Deutschen Subkommission für Jurastratigraphie teil, um auch dort sein Fachwissen einzubringen. Im darauf folgenden Jahr wurde er offiziell in dieser Vereinigung aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Mitglied der internationalen Kimmeridgium-Arbeitsgruppe, und er nahm an den beiden letzten internationalen Jura-Symposien 1998 in Vancouver und 2002 in Mondello/Sizilien teil. Sein naturwissenschaftliches Interesse beschränkte sich aber keinesfalls nur auf die Geologie. Selten fehlte er deswegen bei den Veranstaltungen der Gesellschaft für Naturkunde, der er im Jahr 1991 beigetreten war. Deren bunt gefächertes Vortragsprogramm spiegelt geradezu seine Weltoffenheit bei gleichzeitiger Heimatverbundenheit wider. In seinem Heimatstädtchen Ditzingen war er aktiv in das Vereinsleben eingebunden. Jedes Jahr machte er aufs Neue das Sportabzeichen. Seine Schwester Ursula, sein Schwager, die Klassenkameraden, Fachkollegen und eine große übrige Trauergemeinde verabschiedeten sich auf dem Ditzinger Friedhof von einem liebenswerten Menschen, der immer zuletzt an sich selbst dachte. Seine Besuche und damit verbundenen Gespräche werden uns für immer fehlen.

Für biographische Hinweise danken wir Frau Ursula Mohn recht herzlich.

Gerd Dietl, Stuttgart
Günter Schweigert, Stuttgart

Schriften von Herbert Schick

Schick, H. W. (2002): Detailprofil im Weißen Jura gamma (Unterkimmeridgium) der "Hausener Wand" (oberes Filstal, Mittlere Schwäbische Alb). - Diplomarbeit Universität Stuttgart, 121 S. [unpubliziert]

Schick, H. W. (2002): Bio- and lithostratigraphic research in the Lower Kimmeridgian of the Swabian and Franconian Alb. - In: Martire, L. (Hrsg.): 6th International Symposium on the Jurassic System, Mondello, September 16-19, 2002, Abstracts and Program, S. 164; Mondello (Int. Subcommission on Jurassic Stratigraphy).

Schick, H. W. (2003): Bedeutende Leitammoniten im Unter-Kimmeridgium der Schwäbischen und Fränkischen Alb: Cymaceras guembeli (Oppel) und Ardescia perayensis Atrops. - Terra Nostra, 2003/5: 140-141.

Schick, H. W. (2004a): Litho- and biostratigrahic correlations within the Lower Kimmeridgian strata of the Swabian and Franconian Alb, Southern Germany. - In: Ait, A. & Chellai, E. H. (Hrsg.): 2ième Colloque sur le Jurassique Marocain (CJM2) du 21 au 25 avril 2004, Marrakech, Abstract-Band, S. 99.

Schick, H. W. (2004b): Großammoniten aus der Divisum-Zone (Unter-Kimmeridgium) der Fränkischen und Schwäbischen Alb: Crussoliceras aceroides und Tolvericeras atavum. - In: Reitner, J., M. Reich u. G. Schmidt (Hrsg.): 74. Jahrestagung der Paläontologischen Gesellschaft, Göttingen, 02. bis 08. Oktober 2004. Kurzfassungen der Vorträge und Poster. S. 203-204; Göttingen (Universitätsdrucke Göttingen).

Schick, H. W. (2004c): Bio- and lithostratigraphic study on the Lower Kimmeridgian of the Swabian and Franconia Alb (Germany). - Rivista Italiana di Paleontologia e Stratigrafia, 110: 279-288.

Schick, H. W. (2004d): Gliederung und Typusprofil der Lacunosamergel-Formation (Ober-Jura, Schwäbische Alb). - Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde, Serie B, 346: 25 S.

Schick, H. W. (2004e): The stratigraphical significance of Cymaceras guembeli for the boundary between the Platynota Zone and Hypselocyclum Zone, and the correlation between Swabian and Franconian Alb. - Zitteliana, A, 44: 51-59.

Schick, H. W. (2005, im Druck): Lithostratigraphy and biostratigraphic correlations between the Swabian and the Franconian Alb. Introduction to the corrected Ebermannstadt Formation. - Review Notes and Memoirs of the Ministry for the Energy and the Mines, Rabat.


Professor Dr. Alexander von SCHOUPPÉ

* 26. Februar 1915 in Baden bei Wien

† 06. July 2004 in Münster

Prof. Dr. Alexander von Schouppé, Nestor der deutschen Korallenforschung und Mitglied der International Assocation for the Study of Fossil Cnidaria & Porifera, war ein international anerkannter und geachteter Naturwissenschaftler und engagierter Hochschullehrer. Er wurde von seinen Studenten verehrt; galt als loyaler, verständnisvoller Kollege, war ein zuverlässiger Freund.

Professor Alexander von SCHOUPPÉ wurde am 26.2.1915 als Sohn des Hofrates Dr. Karl von SCHOUPPÉ und seiner Gattin Gisela, geb. SCHOPF, in Baden bei Wien geboren. Nach Erhalt der Matura am Realgymnasium in Graz studierte Professor von SCH0UPPÉ an der Universität Graz Naturwissenschaften, insbesondere Geolo­gie, Paläontologie und Mineralogie. Mit der Dissertation "Die Coelenteratenfau­na des e-gamma der Karnischen Alpen" wurde er am 26.5.1939 zum "Dr. phil." promoviert. Von 1938 an - bis 1940 zunächst als Verwalter einer Assistentenstelle - war er an der Universität Graz Assistent bei seinem Lehrer Prof. Dr. Franz HERITSCH. Der 2. Weltkrieg unterbrach seine Tätigkeit: er sah ihn von 1941-1945 als Meteorologen eines Fernaufklärergeschwaders an der Ostfront. Dank glücklicher Umstände hat er mehrere Abstürze überlebt.

Nach seiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft kehrte er an die Universität Graz auf seine alte Assistentenstelle zurück. Mit einer Untersuchung zur Morphogenese und Systematik der Korallengattung Thamnophyllum - "Die Thamnophyllen und ihre Beziehung zur Gruppe des Cyathophyllum caespitosum" - erhielt er 1948 die "venia le­gendi" für Paläontologie und dann 1952 mit einer hydrogeologischen Arbeit ­"Hydrogeologische Studien zur Genesis der Heilquellen von Gleichenberg" auch diejenige für Geologie. 1953 wurde Professor von SCHOUPPÉ als Dozent an das von Prof. Dr. Franz LOTZE geleitete Geologisch-Paläontologische Institut und Museum der Universität zu Münster berufen. Er vertrat das gesamte Spektrum der Paläontologie. 1956 wurde er zum außerplanmäßigen Professor, 1965 zum Wissenschaftlichen Rat und Professor ernannt. Ab 1964 war er Leiter der Forschungsstelle für Korallenpaläozoologie, 1973-1975 Dekan des Fachbereiches Geowissenschaften. Mit dem Ende des Wintersemesters 1978/79 schied Professor von SCHOUPPÉ aus dem aktiven Universitätsdienst aus. Seine über viele Jahre erfolgreich betriebene Öffentlichkeitsarbeit, die Geologie und Paläontologie über die Hochschule hinaus transparent zu machen sowie deren neueste Erkenntnisse zu vermitteln, führte er indessen noch über viele Jahre hin erfolgreich weiter.

Die wissenschaftliche Tätigkeit von Professor von SCHOUPPÉ war geprägt von seiner Liebe zur Paläontologie. Er war jedoch nicht nur Paläontologe, sondern auch Geologe: so begeisterten ihn ebenso geologische und angewandt-geologische Problemstellungen, insbesondere natürlich zunächst des Paläozoikums der Ostalpen. Seinen in Höhlen durchgeführten hydrogeologischen Arbeiten folgte 1951 die Ernennung zum Korrespondenten der Bundeshöhlenkommission des Österreichischen Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft.

Als ein roter Faden - Dissertations- und Habilitationsthemen stellen u.a. die Wegmarken dar - zieht sich jedoch durch seine wissenschaftliche Tätigkeit das spezielle Interesse an den Korallen des Erdaltertums. Sie wurden schließlich, mit dem Amtsantritt 1953 in Münster, Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit, was wiederum 1964 zur Einrichtung der Forschungsstelle für Korallenpaläozoologie führte. Professor von SCHOUPPÉ setzte damit die in Deutschland bereits seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts bestehende, in ihren Anfängen aber in das 17. Jahrhundert zurückreichende Tradition der Korallenforschung fort. Sein Schaffen war auf zwei Schwerpunkte projiziert: Die mit Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern vorgenommenen Beschreibungen von Korallenfaunen, insbesondere der Faunen aus dem Devon von Asturien/Nordspanien und derjenigen aus dem Perm von Timor. Diese sowie Untersuchungen zur Klärung systematischer Beziehungen fossiler Pterocorallia bildeten die Grundlage für morphogenetische Untersuchungen, d.h. für die Einbeziehung des Weichkörpers als skelettabscheidendes Element in Betrachtungen über die Skelettbildung. Sie brachte völlig neue Erkenntnisse im Hinblick auf die Ausbildung und Entwicklung einzelner Skelettelemente und deren Derivaten. "Wenn der Weichkörper auch nicht unmittelbar nachweisbar ist, so lassen sich dennoch Rückschlüsse auf seinen möglichen bzw. wahrscheinlichen Zustand und seine Form sowie seine denkbaren Lageveränderungen zur Zeit der Ausscheidung ziehen, und damit unterstützende Aussagen betreffend die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit der einen oder anderen Vorstellung über die Entstehung einzelner Skelettelemente durchführen. Auf diese Weise wird das mögliche Verhalten des Weichkörpers zur Zeit der Ausscheidung also rekonstruiert und gleichsam als Gegenprobe zur Skelettbildung mit in den Betrachtungskreis gezogen" (v. SCHOUPPÉ 1956).

Auf der Grundlage dieses Gedankengebäudes gelang es Professor von SCHOUPPÉ - u.a. mit seinen Mitarbeitern - im Rahmen spezieller, durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft über viele Jahre geförderter Forschungsvorhaben zahlreiche Fragen der Skelettbildung bei den paläozoischen Korallen aufzuklären und ein auf natürlichen Gegebenheiten aufbauendes Nomenklatursystem zu schaffen. In diesem Zusammenhang führte er 1966 - in Kooperation mit Prof. Dr. G. PFEFFERKORN und Frau Dr. J. VAHL, Institut für Medizinische Physik der Universität Münster - erstmals rasterelektronen-mikrospische Untersuchungsmethoden in die Paläontologie ein. Diese erlaubten die Feinstrukturen der Korallen und ihre kleinsten Baueinheiten, die Kristallite, in ihrer räumlichen Anordnung zu erkennen und abzubilden. Dennoch blieben zahlreiche Probleme speziell der Feinstrukturen des Skelettes zunächst ungelöst. Erst Ende der sechziger Jahre konnten diese weitgehend als Folge von Fossilisationsprozessen erkannt werden. Zunächst zögernd - widersprach dies doch teils seinen Forschungsergebnissen - akzeptierte und förderte er die neue Sichtweise rückhaltslos - wissenschaftliche und persönliche Größe offenbarend. Die Ergebnisse dieser Forschungstätigkeit, veröffentlicht in allein 30 Publikationen von teils monographischem Charakter, fanden weltweite Anerkennung. Auf Einladung der Polnischen Akademie der Wissenschaften weilte Professor von SCHOUPPÉ 1961 in Posen, und zahlreiche Fachkollegen aus aller Welt führte der Weg zu kürzeren oder längeren Aufenthalten nach Münster, zu gemeinsamer Arbeit und fruchtbarem Gedankenaustausch.

Die Korallen ließen ihn auch während seines Ruhestandes nicht los. So übernahm er 1991 -76 jährig - als Nestor der Korallenforschung in Deutschland die "Patronage" über das erstmalig in Deutschland ausgerichtete "VI. International Symposium on Fossil Cnidaria & Porifera in Münster" und verfasste hierzu die wissenschaftshistorische und gleichzeitig grundlegende Arbeit "Episodes of coral research history up to the 18th century". Sie brachte ihm breite Resonanz.

Sieben seiner Schüler haben Dissertationen zu Themen über paläozoische Coelenterata verfasst. Aufbauend auf den von Professor von SCHOUPPÉ erarbeiteten Grundlagen wird von ihnen und von mehreren wissenschaftlichen "Enkeln" sein Lebenswerk fortgeführt. Neben der wissenschaftlichen Anerkennung steht aber auch die als akademischer Lehrer. Seit seinem Amtsantritt in Münster vertrat Professor von SCHOUPPÉ die gesamte Paläontologie. Er verstand es, das umfangreiche paläontologische Wissen seinen Schülern nicht nur zu vermitteln, sondern verständlich zu machen, "tote" Materie, fremdklingende Begriffe und Namen mit Leben zu erfüllen. Und wenn dann wirklich einmal die Fülle der Fakten über den Köpfen des Auditoriums zu­sammenschlug, fegte der Charme seines Grazer Dialektes aufkeimende Resignation wieder hinweg; die Vorlesung wurde zu einem unvergessenen Erlebnis. Dabei war Professor von SCH0UPPÉ konsequent, wenn es sich um die Wissenschaft handelte. Doch vergaß er niemals den menschlichen Aspekt; für die "kleinen und großen Sorgen" war er immer ansprechbar und bereit zu helfen. Wir erinnern uns gern und dankbar zurück. Wir haben durch ihn eine umfassende paläontologische Ausbildung und damit das Verständnis für geologisch-paläontologische Fragestellungen und den Werdegang des Lebens auf der Erde erhalten. Sein Leben wird fortwirken.

Klemens Oekentorp

Münster, 22.07.04

Archiv der Korallenforschung, Forscherporträts: Prof. Dr. Alexander von Schouppé


Lothar Schneider

1929 - 2004

Nach kurzer Krankheit starb am 06. Juni 2004 Lother SCHNEIDER im Alter von 75 Jahren. Er lebte nach dem Verlust seiner Frau zurückgezogen in Düsseldorf, wo er sich seiner geliebten Paläontologie und Genealogie widmete. Dabei hielt er den Kontakt zu Freunden aus diesem Kreis sowie zu den benachbarten Instituten, an deren Kolloquien er regelmäßig teilnahm. Zu seinem 70. Geburtstag erschien eine Würdigung seiner Arbeit, denn er hatte sich um die Paläontologie und um die Paläontologische Gesellschaft sehr verdient gemacht. Deshalb zeichnete ihn die Paläontologische Gesellschaft 1993 für seine reichen Verdienste mit der Karl-Alfred-Zittel-Merdaille aus.

Als Seiteneinsteiger, wie er sich selbst bescheiden bezeichnete, hat sich Lothar SCHNEIDER in die Paläontologie durch Vorlesungsbesuch in den Geo- und Biowissenschaften hervorragend eingearbeitet. Seine Stellung als Leitender Ingenieur des Konstruktionsbüros und einer angeschlossenen feinmechanischen Versuchswerkstatt am Institut für Biophysik und Elektronenmikroskopie sowie dem Institut für Lasermedizin an der Universität Düsseldorf erleichterte ihm dies. So konnte er hier Experimente zur Simulation der Nahrungsaufnahme der Brachiopoden im Strömungskanal durchführen, die zu hervorragenden Ergebnissen führten.

Lothar SCHNEIDER beschäftigte sich überwiegend mit Fossilien der Oberkreide, über die er eine umfangreiche Privatsammlung anlegte. Zum Teil in Autorenschaft mit Fachkollegen publizierte er seine Ergebnisse und trug vielfach bei Tagungen darüber vor. Er arbeitete über Ammoniten, Bryozoen, Brachiopoden und besonders Crinoiden, wobei seine Arbeiten von engagiertem Interesse, kritischer Dursicht und tiefem Verständnis der Problematik getragen waren. Einige neue Arten tragen seine Autorenschaft. Im Versenden von Separatdrucken war Lother SCHNEIDER aus Bescheidenheit sehr zurückhaltend. Leider haben uns seine wenigen Angehörigen immer noch nicht seinen Nachlaß zugänglich gemacht, sodaß zur Zeit weder eine Gesamtliste seiner Publikationen, noch eine Übersicht seiner Sammlung vorgelegt werden kann.

Lothar SCHNEIDER wurde 1987 in den Beirat der Paläontologischen Gesellschaft gewählt, in der er sich, wie kaum ein anderer, durch eine außerordentlich ideenreiche und fruchtbare Mitarbeit auszeichnete. Viele Vorschläge, kritische Analysen und Anregungen von ihm trugen die Gesellschaft zu ihrem Vorteil voran. Er war bei allen wegen seines liebenswürdigen und aufmerksamen Wesens, aber auch wegen seines breiten Interessens- und Bildungsspektrums sehr beliebt.

Seine paläontologischen Freunde trauern um den Verlust eines einmaligen und geschätzen Kollegen, die Paläontologische Gesellschaft, die ihm viel verdankt, wird ihm ein ehrendes Gedächtnis bewahren.

H. ELTGEN, Freiburg & F. STRAUCH, Münster


Noor Mohammad Farsan

1940 - 2003

Noor Farsan ist am 23. April 2003 im Alter von 62 Jahren nach langem Krebsleiden verstorben. Sein früher Tod ist nicht nur ein großer Verlust für seine Familie und seine Freunde, sondern auch für die Wissenschaft. Sein freundliches Wesen wird ebenso in Erinnerung bleiben, wie seine Beiträge zur paläontologischen Forschung. Sein Ableben markiert den Schlusspunkt unter einen einzigartigen Ansatz in der paläobiologischen Erforschung der Tentakuliten. Das Hauptaugenmerk bei der Erarbeitung der Taxonomie und Phylogenie dieser wenig bekannten Tiergruppe lag dabei auf der inneren Schalenstruktur und nicht wie vorher üblich auf der äußeren Schalenmorphologie. Die Geschichte von Noor Farsan offenbart aber auch, wie sehr ein Lebenslauf und eine wissenschaftliche Laufbahn von äußeren, in diesem Falle politischen, Einflüssen gelenkt werden kann.

Noor Farsan wurde am 15. September 1940 in Kabul, Afghanistan, geboren. Nach der frühen Scheidung seiner Eltern wurde er durch seinen Großvater mütterlicherseits erzogen. Dieser brachte ihn auch als Erster mit deutscher Kultur in Berührung und ließ ihn die deutsche Schule in Kabul besuchen. Entgegen seinem eigentlichen Plan, Bauingenieur zu werden, drängten ihn die afghanischen Behörden dazu ein naturwissenschaftliches Studium zu beginnen. Noor Farsan entschied sich für die Geologie und erlangte 1962 den Grad eines Bachelor of Science der Universität von Kabul. Er wurde daraufhin wissenschaftlicher Assistent am Geologischen Institut der Universität. Von 1964 an und in den folgenden 14 Jahren arbeitete er abwechselnd am Institut in Kabul und studierte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Hier schloss er 1972 seine Dissertation in Geologie und Paläontologie bei seinem Doktorvater Heinrich K. Erben. Im folgenden Jahr wurde Noor Farsan zum Direktor des Geologischen Instituts in Kabul und 1976 zum ordentlichen Professor bestellt. Während einer Zeit als Gastprofessor in Paris, zwischen 1978 und 1981, erreichte ihn, nach der sowjetischen Invasion, die Nachricht, dass sein Leben gefährdet wäre, würde er nach Afghanistan zurückkehren. Er entschloss sich daraufhin in Europa zu bleiben und war in den nächsten zehn Jahren als Forscher an den Universitäten in Mainz und Giessen tätig. Seine Zeit am Geologisch-Paläontologischen Institut in Heidelberg begann im Jahre 1992 und hier wirkte er auch bis zu seinem Tod.

Am Heidelberger Institut wurde er schnell ein hoch geschätzter Kollege und Lehrer. Seine Tür war immer offen und jeder, wissenschaftlicher Kollege oder Studierender im ersten Semester, wurde mit der gleichen Herzlichkeit empfangen und mit dem gleichen Interesse bedacht. Noor Farsan war für die Lehre im Grundstudium der Paläontologie zuständig. Seine Kurse erreichten stets höchste Wertungen bei den Evaluierungen durch die Studierenden, hatten sie doch genau die richtige Mischung aus Fakten, Witz und persönlicher Note. Neben den Grundvorlesungen lehrte er Mikropaläontologie, hielt Seminare und leitete Exkursionen, z. B. in das Paläozoikum der Tschechischen Republik und Polens und in die Trias von Süddeutschland. Darüber hinaus betreute er Diplom- und Doktorarbeiten. Seit 1995 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut und später Akademischer Rat und Kustos des Geologisch-Paläontologischen Museums.

Die wissenschaftlichen Interessen von Noor Farsan waren breit gefächert. So war seine erste Publikation, die im Jahre 1962 veröffentlicht wurde, ein Beitrag über Erdbeben. Seit 1967 veröffentlichte er mehr als 30 längere Artikel und Monographien, vornehmlich über devonische und triassische Invertebraten, wie Bivalven, Gastropoden, Ammoniten, Brachiopoden und Trilobiten, aber auch Ostrakoden wurden von ihm bearbeitet. Seit 1981 konzentrierte sich seine wissenschaftliche Arbeit hauptsächlich auf Tentakuliten. Zum Zeitpunkt seines Todes war er in verschiedene Projekte involviert. Er war dabei, Tentakuliten-Material für mehrere geplante Arbeiten zusammenzutragen, unter anderem war eine Monographie über nordamerikanische Faunen geplant. Seine letzte Arbeit, die noch nicht erschienen ist, behandelt die Bedeutung der frühontogenetischen Stadien für die Klassifikation der Tentakuliten. Für ein weiteres Projekt über devonische Faunen aus dem Iran arbeitete er mit Kollegen der Universität Tübingen zusammen.

Privat war Noor Farsan ein exzellenter Schneider, ein Talent, das er von seinem Onkel geerbt hatte. Andere Interessen waren u. a. die persische Literatur und Kunst. In drei Jahren wäre er in Rente gegangen und neben anderen Plänen, die aus Mangel an Zeit vorher nie verwirklicht werden konnten, wollte er noch Italienisch lernen. Noor Farsan hinterlässt seine Frau Bärbel, mit der er 23 Jahre verheiratet war, und seine beiden Söhne, Parwez Daniel und Alexander Sorud. Er wird schmerzlich vermisst von seiner Familie, seinen Freunden, den Kollegen und Studierenden.

Peter Bengtson, Jens Seeling & John M. Malinky, Geologisch-Paläontologisches Institut, Im Neuenheimer Feld 234, DE-69120 Heidelberg. bengtson@uni-hd.de, jensseeling@web.de, jmalinky@t-online.de

 © Paläontologische Gesellschaft, letzte Änderung 07.07.2009 durch August Ilg