Wir dürfen die Hobbypaläontologie nicht verlieren

Ein Kommentar zur Stellungnahme der Society of Vertebrate Paleontology (SVP) zu den Standards für eingereichte Manuskripte vom 21. April 2020.

Dieser Text ist eine persönliche Reaktion auf einen Brief, der am 21. April 2020 von der Society of Vertebrate Paleontology (SVP) an über 300 Fachjournale gesendet wurde. In diesem forderte die Gesellschaft, genau genommen drei ihrer hochrangigen Vertreter, die Journale auf, bestimmte Standards für bei ihnen eingereichte Manuskripte umzusetzen.

Wir halten diesen Brief aus verschiedenen Gründen für problematisch. Parallel arbeiten wir mit zahlreichen Kollegen zusätzlich an einer weiteren Erwiderung zu diesem Brief, die auch die Sichtweise einer breiteren Fraktion der paläontologisch arbeitenden Kollegen widerspiegelt. Nun aber hier zur persönlichen Sichtweise. 

Wir befürchten, dass die von der SVP vorgeschlagenen Standards insbesondere die Zusammen­arbeit mit Hobbypaläontologen erschweren werden. Die SVP fordert unter anderem, dass alle Fossilien, die in Fachartikeln beschrieben oder abgebildet werden, grundsätzlich in öffentlichen Sammlungen hinterlegt werden müssen. Mit anderen Worten: Alle Arbeiten, die Material beschreiben oder abbilden, welches nicht in  öffentlichen Sammlungen hinterlegt ist, sollten von den Journalen nicht für eine Veröffentlichung in Betracht gezogen werden. Man mag sich nun fragen, warum das problematisch sein sollte, da das doch nach einem sinnvollen Standard klingt. 

Diese Forderung fußt auf der Ansicht, dass Typen immer in Sammlungen hinterlegt sein müssen. Ein kurzer Blick in die Codices (ICZN, ICNafp) zeigt jedoch schnell, dass dies selbst für Holo­typen nicht der Fall ist; es ist lediglich eine Empfehlung. Darüber hinaus gibt es zahlreiche, bereits weithin akzeptierte Ausnahmen vom „Hinterlegungszwang“, etwa wenn das Fossil während der Dokumentation zerstört wird (z.B. durch serielles Abschleifen oder Ätzen). Für solche Fälle gibt es den „virtuellen Typ“, also die Hinterlegung der Bilddaten. Würde der Forderung der SVP Folge geleistet, würde dies zur paradoxen Situation führen, dass ein doku­mentiertes, aber zerstörtes Fossil für eine Publi­kation akzeptabel wäre, ein nicht zerstörtes Stück aus einer nicht­öffentlichen Sammlung aber nicht.

Hobbysammler wenden enorm viel Energie für den Erhalt ihrer Fossilien auf und sind in vielen Fällen bereit ihre Funde der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, häufig schenken sie diese auch den öffentlichen Sammlungen oder verkaufen sie ihnen weit unter Marktwert. Der Brief der SVP wird von Seiten der Hobbypaläon­tologen sicher nicht positiv aufgenommen wer­den, denn er unterscheidet klar zwischen „ver­lässlichen“ Sammlungen auf der einen und den Sammlungen der Hobbypaläontologen auf der anderen Seite. Wir können hier nur betonen, wie wichtig die Hobbypaläontologie ist. Der instituti­onellen Paläontologie an Universitäten, Museen usw. fehlt es in vielen Ländern, auch bei uns, an Manpower, und diese Lücke wird erfolgreich von den privaten Enthusiasten geschlossen. Daher können wir auf die Zusammenarbeit mit ihnen auf keinen Fall verzichten. Wir können nur an alle Editoren appellieren, den Brief der SVP nicht zum Standard zu erheben.

Carolin Haug & Joachim T. Haug · München
(erschienen in GMIT 80 · Juni 2020)

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